Titel: Verloren, II
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol...
Disclaimer: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
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Noch ein Disclaimer:
*räusper*
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit. Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann. Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin darzustellen. Dies ist Fiktion ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
 
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Jack erwachte in der Dunkelheit. Jedoch nicht in der Dunkelheit, in der er es gewohnt war, seine Besinnung nach unruhigen, quälenden Träumen wiederzuerlangen. Sie bedeckte, umspielte ihn mit samtenen Bewegungen, spendete Trost, schenkte ihm den Anflug der Illusion geborgen zu sein. Zum ersten Mal seit langem fuhr er nicht in Schweiß gebadet hoch, mühsam den Drang bekämpfend sich zusammenzurollen, in unerklärlicher Panik zu der nächstliegenden Wand auf der Suche nach Schutz zu hasten, zu versuchen, ohne zu wissen warum, sich in eine Sicherheit zu bringen, von der er doch wusste, dass es sie nicht geben konnte. Die Stille um ihn herum atmete eine unerklärliche Ruhe, und hätte sein Herz nicht mit einem Mal so wild zu schlagen begonnen, sein Körper die ersten bekannten Anzeichen der Lebendigkeit aufgewiesen, er hätte vermutet diese Welt verlassen, es endlich hinter sich zu haben. Die Luft war süß, schwer von Düften, die er nicht kannte, das Gefühl des Friedens neu und exotisch. Doch sein Kopf begann zu schmerzen, seine Zunge erschien ihm dick und geschwollen und die Lähmung, die ihn erfasste, erfüllte ihn mit Schrecken. Außerdem gab es keinen Zweifel daran, dass er nicht allein war. Er spürte die Anwesenheit eines Menschen in unmissverständlicher Deutlichkeit. Verschwommene Erinnerungen holten ihn ein, steigerten seine Verwirrung. Eine nächtliche Fahrt, eisiger Wind, der durch die Ritzen des klappernden Fahrzeuges fegte, der ihn erschauern ließ. Das Gefühl zu fliegen, über die Erde zu rasen und dann wieder durchgeschüttelt zu werden auf einer Reise ohne Ziel. Er versuchte sich zu bewegen, doch sobald er Anstalten machte, seinen Kopf zu heben, überrollte ihn eine Welle der Übelkeit, Schwindel brachte ihn dazu mit einem Stöhnen zurückzusinken auf den weichen Grund. Seine Glieder waren schwer, die Fingerspitzen taub, und doch war es ihm als würde er auf der Erde liegen, als fühlte er sanftes Gras ein Bett für seinen Körper formen. Erinnerungen stiegen in ihm auf, Momente, die für sich standen, fremdartig anmuteten, als würden sie aus einer anderen Welt zu ihm transportiert. Träume, die ihn davongetragen, die Wirklichkeit in eine unbekannte Dimension verwandelt hatten. Leise Gesänge aus der Ferne, der dumpfe Rhythmus von Trommeln, die ihn hypnotisiert, eingeschläfert, beruhigt hatten, sobald die Schrecken ihre klammen Finger nach ihm ausgestreckt, der Schmerz ihn hatte um sich schlagen lassen. Rauch, der aufstieg, Gestalten annahm, betäubte und faszinierte, kühle Hände, die über seine geschundene Haut strichen, sie sanft massierten, mit dunklen Ölen salbten. Und inmitten der Augenblicke des Erwachens immer wieder die dunkle Stimme, eine fremde Sprache, die auf wundersame Weise die Dämonen vertrieb, die ihn umgaben. Erinnerungen an das Zurücksinken in einen Schlaf, so tief, so wundervoll, dass er sich wünschte, nie wieder aus seiner Dunkelheit heraustreten zu müssen, wechselten sich ab mit denen an starke Arme, die ihn stützten, ihn weit genug aufrichteten, um ihm einen Schluck eines bitteren Getränkes einzuflößen, seine trockenen Lippen zu befeuchten. Und dann das Gefühl des Fallens, des Aufgefangen und Gehalten Werdens, fremdartiger, ungewohnter, als alles andere, das er je erfahren hatte. Doch das war auch der Augenblick, in dem er bemerkte, dass er nackt war, hilflos gefangen im Unbekannten.
Er fuhr hoch obwohl alles in ihm dagegen rebellierte, stützte sich schwer auf Arme, die unter ihm hinwegknicken wollten und focht mit der Kraft, die ihm noch geblieben war, gegen den Drang, sich in sein Schicksal zu ergeben, beinahe erstaunt über das Aufbäumen eines Willens, den er bereits für erstorben gehalten hatte. Ein wimmernder Laut entfuhr ihm, als das Blut, angetrieben von seiner Furcht, begann, schneller zu zirkulieren, als das Pochen und der Schwindel in seinen Schläfen beinahe unerträglich wurden. Die Anwesenheit, die er bereits gespürt hatte, nahm Gestalt an, die Schatten, die ihn umgaben , lösten sich auf und es gelang ihm, Konturen seiner Umgebung wahrzunehmen. Ein noch schwach glimmendes Feuer verhinderte seine Blindheit, ließ ihn den, mit geradem Rücken davor sitzenden, schlanken Mann erkennen. Jack wusste, dass der Mann ihn anstarrte, ihn in seinem Blick hielt, obwohl er keine Gesichtszüge ausmachen konnte. Er bewegte sich nicht, wie eine Statue verharrte er reglos, bis der regelmäßige Ton der Trommel in Jacks Bewusstsein eindrang. Er konnte nicht sagen, ob der eintönige Rhythmus bereits vorhanden gewesen war, bevor er ihn bemerkt hatte, oder ob seine Bewegungen ihn ausgelöst hatten. Doch der Laut alleine drang mit Macht durch seinen Körper, ließ ihn vibrieren, verjagte den plötzlichen Schrecken mit seinem Hall. Jack spürte, wie sich sein Herzschlag dem Rhythmus anpasste, wie die hypnotische Wirkung einsetzte. Langsam gaben seine Arme nach, und er sank wieder zurück auf den Grund, der ihn sanft empfing und forttrug in erneute Bewusstlosigkeit.
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Wie viel Zeit vergangen war, konnte Jack nicht sagen, doch sein nächstes Erwachen verlief anders. Er blinzelte ein paar Mal in die Leere, bevor sein verschwommener Blick aufklarte. Und nicht nur das, auch die Stille wich den Geräuschen des Tages. Jack setzte sich vorsichtig auf und blickte sich um. Er befand sich allein in einem Raum, dessen Ausstattung ungewohnt erschien, jedoch nicht unangenehm oder bedrückend. Spärlich, spartanisch, einer längst vergangenen Zeit entsprungen und gleichzeitig verwirrend in ihrer Mischung aus Einfachheit und unpassend modernen Utensilien. Grobe Blockhauswände umrahmten wenige Möbelstücke, die auf natürlichem Grund standen. Eine erkaltete Feuerstelle befand sich nicht weit von einem kleinen Regal, in dem sorgsam mehrere Bücher, offensichtlich ausnahmslos Taschenbücher, angeordnet waren. Ein niedriger Tisch trug tönerne Schalen und Töpfe, neben Dosenmahlzeiten und einem verstaubten und ausgesprochen veralteten Funkgerät. Tierfelle hingen vereinzelt an den Wänden, schützten den Raum vor Wind und Wetter, dazwischen unregelmäßig verteilt, getrocknete Kräuter und Wurzeln. Jack war versucht sich zu zwicken, so unwirklich erschien ihm die Szenerie. Was um alles in der Welt hätte er hier verloren? Er wandte sich um, nicht ohne die abrupte Bewegung zu bereuen, die einen Schauer seine Wirbelsäule hinab laufen ließ, doch das Ergebnis blieb unverändert. Er war alleine, und offensichtlich war es Tag geworden. Licht drang durch Ritzen und Ecken, schuf eine dämmrig wundersame Atmosphäre. Vogelgezwitscher rundete den Eindruck auf beinahe lächerliche Weise ab. Jack, nicht willens abzuwarten und die Dinge auf sich zukommen zu sehen, rappelte sich auf, erstaunt darüber wie leicht er sich auf einmal fühlte. Schmerz und Unwohlsein verflüchtigten sich mit den Bewegungen und er schwankte nur noch leicht, sobald er eine aufrechte Haltung eingenommen hatte. Die erhaltene Perspektive erlaubte ihm einen besseren Überblick, erst jetzt bemerkte er den kalten Rauch, geschwängert mit dem Duft verbrannter Gräser, der in den Ecken haften geblieben war. Mühsam stolperte er in Richtung des Ausganges, schob das Fell, mit dem dieser verhängt war, beiseite und schlüpfte hinaus ins Freie. Das plötzliche Sonnenlicht durchstach seine Augen, seine Hände fuhren empor, um sie vor den beißenden Blitzen zu schützen. Ein Hauch frischen Windes ließ ihn frösteln, und erinnerte ihn an seinen unbekleideten Zustand. Jacks nackte Füße sanken in weiches Gras, als er einen Schritt vorwärts in die Helligkeit trat, blinzelte und sich zwang die Lider einen Spalt zu öffnen. Die Sonne stand tief, es schien auf den Abend zuzugehen, doch sie leuchtete in einer Intensität, die ihresgleichen suchte. Kräftige Farben kündeten vom nahenden Herbst, bereicherten die Erde mit reichen, satten Tönen. Die Hütte war eingebettet in einer leichten Senkung, umgeben von wildwachsender Wiese, die in den angrenzenden Wald überging. Insekten tanzten in der Luft, vollführten Sprünge und Flugkünste, als wollten sie Jack ihre Lebendigkeit vor Augen führen. Er rieb seine Augen, obwohl sie sich langsam an das Licht gewöhnten, und sog tief den Atem ein, spürte wie der Sauerstoff ihn belebte. Beinahe wäre ihm ein Lächeln entschlüpft, das erste dieser Art seit langem, allerdings nur beinahe. “Verdammt.” Der Laut erklang ungewohnt in dieser Umgebung, die offensichtlich nicht gewöhnt war menschliche Flüche zu empfangen. Dennoch wiederholte er das Wort und trat einen weiteren Schritt nach vorne. Es tat gut sich selbst sprechen zu hören, sich zu versichern, dass er sich seines Platzes in der Realität bewusst war, trotz allem, das passiert sein mochte.
 
Eine Gestalt trat unter den schattigen Baumriesen hervor, die Hände angefüllt mit merkwürdig geformten Steinen. Auch er schien nackt zu sein, doch beim Näherkommen erkannte Jack die kurzen Hosen, die die langen Beine des Mannes zumindest teilweise bedeckten. Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit seine merkwürdige Begegnung genauer in Augenschein zu nehmen. Der Mann zeigte keine Überraschung, auch sonst keinerlei Emotionen, als er ihn dort, vor der Hütte, stehen sah. Ein leichtes Anheben der Augenbrauen war das einzige, das Jack ausmachen konnte, seine Aufmerksamkeit schien auf alles andere, mit Ausnahme des ungefragten Besuchers gerichtet zu sein. Jack verschränkte die Arme vor seinem Körper, bemühte sich seiner äußeren Erscheinung, und der Verlegenheit, die sie mit sich brachte, keinerlei Bedeutung zuzumessen, als er herausfordernd den Blick des Anderen suchte. Er konnte nicht sagen woher, doch es war ihm klar, mehr als dass, er war sich sicher, dass sie die einzigen Menschen im Umkreis mehrere Meilen sein mussten. Doch das machte die Situation nur um so rätselhafter für ihn. Der Dunkelhaarige wich seinem Blick aus, konzentriert auf seine Handlungen, die er mit beinahe unerträglicher Ruhe vollführte. Er arrangierte die Steine in einem Kreis in einigem Abstand von der Hütte, ohne sich von Jack stören zu lassen, ohne ihm auch nur den geringsten Teil seines Interesses zu bekunden. Seine Bewegungen waren elegant, flüssig, er handelte geschickt, in einem lange geübten, tausendmal praktizierten Rhythmus. Erst jetzt bemerkte Jack das glänzende, glatte Haar, länger als er es gewohnt war an einem Mann zu sehen, den bläulichen Schimmer, der es umgab, die bronzene Haut, die fein geschnittenen Gesichtszüge. Unerwartet tauchte ein Bild vor ihm auf, das Bild eines Mannes, der einen Schmuck aus Knochen und Perlen auf seiner Brust trug, hoch auf einem Pferd sitzend, das wild davon galoppierte, die langen Haare ungebändigt um sein Gesicht flatternd. Jack blinzelte, schüttelte seinen Kopf in Verwirrung. Das Bild war so real, dass er vermeinte Kriegsgeschrei und Trommeln in der Ferne zu hören. Er kniff die Augen zusammen, und taumelte erschrocken beiseite, als der Größere sich mit einem Mal erhob und auf ihn zukam, ihn jedoch geflissentlich ignorierte, beinahe zur Seite stieß, als er sich anschickte die Hütte zu betreten. “Was ist hier eigentlich los”, stieß Jack atemlos hervor, während er dem anderen Mann hastig folgte. “Und wo, zum Teufel, sind meine Sachen... ich... .” Er verstummte, als der Dunkelhaarige herumwirbelte, ihn zum ersten Mal wahrzunehmen schien. Zornig glitzernde Augen musterten ihn stumm, während er einen schmalen, langen Finger vor seinen Lippen platzierte. Jacks Blick weitete sich in plötzlichem Erkennen. Diese Augen hatte er schon einmal gesehen, vielleicht schon öfter, dessen war er sich sicher. In der Bar... natürlich, bevor er..., dort hatten sie ihn schon einmal bedrängt, ihn schon einmal irritiert auf dieselbe Art, auf die sie es jetzt wieder taten. “Ich... ich...”, stotterte er, erntete jedoch sofort ein knappes, ärgerliches Kopfschütteln. Sichtlich widerwillig antwortete der Andere ihm, seine Stimme rau und gleichzeitig sanft, als würde sie etwas zurückhalten, dessen sich der Sprecher selbst nicht vollständig bewusst war. “Nicht sprechen”, waren die Worte, und nach einer Weile fügte er noch hinzu: “Es ist die Zeit zu schweigen”, als spürte er die Notwendigkeit einer weiteren Erklärung. Ohne sich dessen bewusst zu sein, nickte Jack, gab Zeichen des Verstehens und der Zustimmung, obwohl er sich fragte, wohin das Ganze führen würde. Sein Blick traf den des anderen, und ohne ein weiteres Wort wandte dieser sich um und zog einen ledernen Rucksack unter einem Haufen Decken hervor, aus dessen Tiefen er eine zerknüllte, graue Jogginghose zog und hinter sich warf. Jack fing sie erstaunt, aber auch dankbar auf. Nicht nur, dass ihm seine Blöße unangenehm war, die Kälte begann auch unvermeidlich in ihm empor zu kriechen. Aus den Augenwinkeln musterte er den Ort, der offensichtlich sein Schlaflager gewesen war, schüttelte den Kopf über das merkwürdig steinzeitliche Arrangement. Er sollte sich umdrehen und gehen, was konnte es ihm bringen sich auf neue Rätsel einzulassen. Am Ende würde doch alles wieder so sein wie zuvor, er wäre allein und ohne Hoffnung, sein Gewissen schwer von den Dingen, die er hätte tun sollen, die er hätte lassen müssen.
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Flink schlüpfte Jack in die viel zu großen, viel zu weiten Beinkleider und zog den Bund enger zusammen. Es war wirklich Zeit zu gehen, dieser Situation ein Ende zu bereiten, und zwar sobald als möglich. Hank ging mit geschmeidigen Schritten zur Feuerstelle, dann in die Hocke, und begann, ohne sich noch einmal nach Jack umzusehen, ein weiteres Feuer zu entfachen. Auch diese Nacht würde nicht leicht werden, soviel war ihm klar. Die Hilfestellung, die er geben konnte, war sinnvoll und wichtig, doch die Hauptarbeit musste der Mann selbst verrichten. Oft genug war er bei den Kämpfen gegen Drogen verschiedenster Art dabei gewesen, oft genug hatte seine Mühe auf lange Sicht nichts bewirken können. Er seufzte. Morgen würde er zurückkehren müssen, daran gab es nichts zu rütteln. Bis dahin musste Jack in der Lage sein, seiner Realität wieder zu begegnen. ‘Jack Bauer’ Hank rollte mit den Augen.
Der Ausweis des Mannes hatte nicht viel verraten, außer, dass sein Besitzer alle Anstrengungen unternommen hatte, ihn zu zerstören. Die Ränder wirkten angeschwärzt, ungleichmäßig, als hätte er sie ins Feuer gehalten und im letzten Moment wieder zurückgezogen, als hätte ihn doch im letzten Moment noch etwas davon abgehalten seine Existenz auszulöschen. Es war nicht so, als wäre Hank überrascht gewesen. Das Leben musste Jack übel mitgespielt haben, das war unverkennbar. Die Verletzungen, die er, allein äußerlich, davongetragen hatte, waren anders als alle, die er bisher gesehen hatte, zeugten von einer Brutalität, die Ihresgleichen suchte. Narben verschiedenster Größe, manche alt, manche neu, bedeckten weite Teile seines Körpers, malten Linien des Schreckens auf die blasse Haut. Obwohl Hank vertraut war mit der Fähigkeit und dem Willen des Menschen die Auswüchse blinder Wut und hemmungsloser Gewalt zu ertragen, hatte ihn der Anblick des Körpers, der sich ihm beim Entkleiden langsam enthüllte, die Luft scharf einsaugen lassen. Das waren die Spuren jahrelanger Folter, die vor nichts zurückgeschreckt hatte, um ihr Ziel zu erreichen, Zeugnisse lebenslanger Misshandlungen, unaussprechlichen Leides. Überbleibsel von Verwundungen aus der Jugend wechselten sich mit mehr als zehn Jahre alten Wunden ab, wurden gekrönt von frischen Narben, nicht älter als Wochen. Anscheinend kannte dieser Mann, über den Hank bis jetzt nicht mehr wusste, als seinen Namen kein anderes Leben als eines voller Gewalt, dessen Spuren seine Haut übersäten. In seinem Rücken spürte Hank den Wunsch des Anderen, sich umzudrehen und die Hütte zu verlassen, ohne Richtung oder Ziel loszugehen, wie es seine Gewohnheit sein durfte. Ohne darauf einzugehen, fuhr er in seinen Bewegungen fort, bereitete die Nacht vor.
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Jack zögerte. Er wusste nicht warum, konnte nicht erklären, noch nicht einmal vor sich selbst, was ihn festhielt. Die Frage seiner Sachen war ungelöst, ebenso wie die Frage nach den Intentionen des schweigsamen Mannes, der seine Anwesenheit entschieden ignorierte, als würde es keine Rolle spielen, wie Jacks zukünftige Entscheidungen ausfallen würden. Anscheinend stand es ihm frei zu gehen und zu kommen nach Belieben, solange er sich an Regeln hielt. Davon abgesehen, dass Jack keine Ahnung davon hatte, um welche Regeln es sich handeln konnte, an welchem Ort er sich befand, konnte er sich eines merkwürdigen, schleichenden Gefühles nicht mehr erwehren, das unaufhaltsam in ihm hochkroch. Am ehesten vergleichbar eines Déjà-vu Erlebnisses aus längst vergangenen Tagen oder Zeiten, das ihn Schritt für Schritt einholte. Die Handvoll Gräser oder Kräuter, die der Dunkelhaarige mit einigen gemurmelten Worten ins Feuer warf, und die nicht nur Rauch, sondern auch einen intensiven Geruch verbreiteten, die offenbar akribisch bemessenen und unzählige Male vollführten Bewegungen, ob es sich um das Zerkleinern von Wurzeln, oder das Aufsetzen von Wasser handelte, wirkten weniger geheimnisvoll auf ihn, als er hätte vermuten können. Obwohl Jack sein Leben fern von dieser Welt verbracht hatte, kam es ihm beinahe vor, als habe er das alles schon einmal erlebt. Irritiert wandte er sich ab, um eine bunt bestickte Decke zu studieren, die offenbar Szenen eines Kampfes zeigte. Gerade wollte er sich erstaunt zu dem unerwartet aufblitzenden Feuerzeug hinunter bücken, dessen Silber unerwartet aufblitzte, das auf merkwürdige Art in diese Einrichtung passte, und wurde einmal mehr aus seinen Gedanken gerissen, als der Andere urplötzlich vor ihm stand, und ihm eine Tasse mit dampfendem Inhalt entgegenhielt. Jack zögerte wieder. Die schwarzen Augen trafen die Seinen und er schluckte nervös. Der Größere stand vor ihm, unbeweglich, ohne ihn zu etwas zu drängen, ihn zu beeinflussen. Der Augenblick dehnte sich ins Endlose, bevor Jack, ohne zu wissen, warum er es tat, das Gefäß ergriff und an seine Lippen führte. Er erinnerte sich an die Bitterkeit, an das betäubende Gefühl, das dem ersten Schluck folgte, die Ermüdung, die seine Glieder erfasste, sobald er das dunkle, heiße Getränk seine Kehle hinab strömen ließ. Ob die Erinnerung ihn aus der vergangenen Nacht, oder aus einer Zeit, deren er sich nicht bewusst war, einholte, verlor ihre Bedeutung, als er der Erschöpfung nachgab, es zuließ, dass die Knie unter ihm weich wurden, und er vermutlich gestürzt wäre, hätte der Größere ihn nicht aufgefangen, und näher zum Feuer geschafft. Seine Sicht löste sich im Nebel auf, und sobald er spüren konnte, dass der Boden ihn sanft empfing, ihn sicher tragen würde, begrüßte er die Dunkelheit, die ihn umhüllte. Hank seufzte zufrieden und dankte den Geistern, die ihn führten für die Leichtigkeit, mit der Jack auf den bitteren Tee, den er ihm einflößte, ansprach, und für die Bereitwilligkeit, mit der er das Spiel mitzuspielen schien. Obwohl geschwächt und erschöpft, war ihm dennoch bewusst, dass dieser Mann ein gefährlicher Gegner sein konnte, sollte er einen Grund für einen Kampf sehen. Seine Kräuter wirkten besser, als er sich vorzustellen vermocht hatte auf den ausgemergelten Körper, schickten ihm zumindest vorübergehend den heilsamen Schlaf, den er brauchte. Hank warf noch eine Handvoll Gräser in das Feuer, setzte sich, und stimmte einen leisen Gesang an. Die Trommel schwieg noch. Sie würde er später brauchen, wenn Jacks Ruhe gestört, er, von Krämpfen geschüttelt, dem Entzug die Stirn würde bieten müssen. Abwesend betrachtete er den schmalen Mann, dessen Gesicht nun beinahe entspannt wirkte, ausgenommen der Momente, in denen es verräterisch zuckte, als würden schmerzhafte Erinnerungen einen tiefen Traum stören. Er sah nicht aus wie Buster, war unverkennbar älter, das Gesicht gezeichnet von Falten und Linien, auch wenn es im Schlaf fast einen jugendlichen, unschuldigen Eindruck machte. Das Haar war kürzer, die Färbung eine Andere. Busters Haar war länger gewesen, feiner, in weichen Wellen hatte es seine Züge umspielt, die auch, nachdem sie bereits zehn Jahre zusammen gewesen waren, noch Spuren seines kindlichen Wesens aufwiesen. Jack zeigte nichts davon, sein Gesicht bewies Härte, Kontrolle in jedem vorstellbaren Sinne, eine Fähigkeit, die Buster abgegangen war. Busters Haar war hell gewesen, blond. Wie goldene Spinnennetze hatte es das Licht der Sonne gefangen und behalten, egal welche Dunkelheit ihr Leben auch eingeholt haben mochte. Hank hatte es geliebt damit zu spielen, seine Finger durch die glänzenden Strähnen gleiten zu lassen, während er ihn geküsst hatte. Und Buster war fasziniert von dem langen, dunklen Haar des Partners gewesen, hatte ihn ermutigt es wachsen zu lassen, darauf bestanden, die in Silber gefasste Adlerfeder, den Lohn für seinen Erfolg in der Wiederbeschaffung der heiligen Lanze, selbst und neidlos in der schwarzen Pracht zu befestigen, obwohl er ebenso Anteil an der Rettung des Heiligtums gehabt, ebenso viel dabei geopfert hatte. Es hatte ihm nichts ausgemacht, zumindest hatte er es nicht gezeigt, dass er für im Leben der Lakota immer nur die zweite Geige neben Hank gespielt hatte, dass er, trotz seiner Tätigkeit als Reservat-Cop und den Kämpfen, die er Tag für Tag für das Volk seines Freundes, gegen seinen eigenen Berufstand ausübte, nicht auf die Art angesehen war, die ihm zugestanden hätte. Hank hatte vermutet, dass der Grund dafür in seiner Vergangenheit lag, dass sein Leben als Cop, dessen Vater als Verräter verschrien, dessen Mentor mit Verbrechern gemeinsame Sache gemacht, und der als homosexuell geoutet worden war, ihm eine gewisse Technik in der Begegnung mit menschlichen Vorurteilen zu eigen gemacht hatte. Und auch wenn er keiner der Iihren hatte werden können, so hatten sie ihn dennoch akzeptiert, war er zu einem Mitglied ihrer Gemeinschaft, mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen worden, sein Verhältnis mit Hank in der Kultur der Lakota keine Schande, sondern eine Ehre und ein Zeichen der Stärke gewesen.
 
Hank schüttelte seinen Kopf um seine Gedanken von den Schatten der Vergangenheit zu befreien, konzentrierte sich wieder auf den seltsamen Gast, den er aufgenommen hatte, den ein unvorhersehbares Schicksal ihn gezwungen hatte, aufzunehmen. Sein Haar besaß nichts von Busters Zauber, es war kurz und farblos. Im Licht des Feuers entwickelte es einen rötlichen Schimmer, doch war es durchzogen von grauen Fäden, stumpf und dünn, Beweis einer Existenz, die lange unter Mangel gelitten hatte. Die Wimpern waren auffallend lang, dennoch beinahe unsichtbar aufgrund ihrer Helligkeit. Hanks Blick wanderte hinunter und blieb and der Hand hängen, die lose an seiner Seite lag und deren Verunstaltung ihm bereits vorher aufgefallen war. In ihrer Funktion schien sie nicht beeinträchtigt, doch die Schäden an ihrer Haut ließen sie verkrüppelt wirken, und Hank war es nicht entgangen, dass Jack, ob bewusst oder unbewusst, diese Hand bemüht war, vor den Blicken anderer zu verbergen, sei es in dem Dämmerlicht einer Bar, oder allein mit einem Fremden am hellichten Tag.
 
Hank zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn zu spekulieren. Er konnte nichts tun, als abwarten und auf den Willen der Geister Rücksicht nehmen, Ausschau zu halten, und versuchen ihren Weg weiterzugehen. In Gedanken öffnete er eine Dose Suppe, schenkte sich etwas Wasser ein. Die Nacht konnte noch lang werden, und morgen würden sie bereits in aller Frühe aufbrechen.
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Jack träumte. Er rannte ohne vorwärts zu kommen in einer endlosen Hölle. Er schrie vor Schrecken und Schmerz, als ihn die Kugeln trafen, sein Körper in einer Explosion zerfetzt wurde. Feuer zerfraß seine Glieder, langsam und unaufhaltsam, und seine Hände, mit denen er es löschen wollte, erschienen als taube Stümpfe, unfähig einer Handlung. Und inmitten des Feuers die Gesichter. Lachende Gesichter der Menschen, die er geglaubt hatte , getötet zu haben, von denen er geglaubt hatte, dass sie es verdient hatten. Sie grinsten und kicherten, lachten ihn aus. Sie wussten es besser, hatten es immer besser als er gewusst. Dass seine Anstrengungen vergeblich waren, sein Glauben und seine Ziele auf Illusionen beruhte. Er schrie vor Wut, und dann vor Angst, als sich andere Gesichter ihm zuwandten, Gesichter voller Leid und Pein, Gesichter, die ihm stumme Vorwürfe entgegen schleuderten. Teri, Michelle, Tony... . Er versuchte die Augen zu schließen, sich vor ihnen zu verstecken, doch sie streckten ihre glühenden Arme nach ihm aus, verbrannten sein Fleisch, rissen sein Innerstes heraus. Ein blutiger Schleier bedeckte seine Sicht und er würgte scheinbar ohne aufhören zu können, erbrach sich auch noch, als nichts mehr vorhanden war, dass sich hätte aus seinem gequälten Körper verabschieden können. Endlich hörten die Krämpfe auf, und Jack spürte, dass er weinte, dass ihm unkontrolliert die Flüssigkeit aus den Augen quoll, dass sich etwas in ihm löste. Kühle Hände strichen über seinen Rücken, seine Brust, verteilten lindernde Substanzen, die das Feuer zu löschen schienen, die seine Haut vor dem Verbrennen bewahrte. Arme hielten ihn, wenn er sich in Schmerzen und Übelkeit krümmte, feuchte Umschläge bargen sein glühendes Gesicht, schenkten ihm Augenblicke der Ruhe. Und immer war da diese dunkle Stimme, die sanfte Beschwörungen murmelte, in unverständlichen Worten einfache, eintönige Melodien sang, die ihn einlullten, ihn wieder und wieder in kurze Momente des Schlafes schaukelten, bevor ihn etwas Undefinierbares, Schmerzliches wieder bewog mit einem Gefühl des Entsetzens hochzufahren. Er hielt sich an ihr fest wie an einem Anker, schöpfte aus ihrer Kraft, die ihm nicht erlaubte aufzugeben. Die Trommeln klangen von ferne, ihr Rhythmus umfloss ihn, gab ihm die Ruhe, die Stabilität, die er sich ersehnte.
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“Trink das.” Bronzefarbene, schlanke Finger reichten ihm das Getränk, noch ehe er seine Augen geöffnet hatte.
Das helle Licht des Morgens drang in die Hütte, vertrieb die Dämonen der Nacht.
Jack schnupperte an seiner Tasse. Es war nicht das bittere Gebräu, dass ihm wieder und wieder eingeflößt worden war, auch wenn es ähnlich ungewohnt duftete. Er holte tief Luft und nahm einen großen Schluck. Sein Mund verzog sich automatisch mit dem herben Nachgeschmack, und doch setzte beinahe unmittelbar eine belebende Wirkung ein. Verwundert, sich nach und nach seiner Lage bewusst werdend, begegnete er dem strengen, forschenden Blick des Anderen, konnte es nicht verhindern, dass seine Mundwinkel begannen zu zucken. Die Komik, die er seiner Situation abgewinnen konnte, verwirrte ihn zusätzlich, zwang ihn ihr Ausdruck zu verleihen. “Wir sprechen jetzt?”, fragte er, seine Stimme in ihrem Krächzen kaum wiedererkennend. Er räusperte sich, und nahm entschlossen einen weiteren Schluck, bevor er die Tasse absetzte. Die weite Jogginghose, die er trug kam ihm unpassender vor, denn je zuvor, und er blickte wieder fragend auf den Anderen. Dieser nickte, offenbar nicht gewillt mehr zu sagen, als unbedingt notwendig, und richtete sich aus seiner kauernden Lage auf. Jack folgte seinem Beispiel, versuchte den Schwindel, der ihn erfasste, nicht sichtbar werden zu lassen, indem er sich nach unten bückte, und einen Moment so verharrte, vorgebend das Trinkgefäß ergreifen zu wollen. Hanks Hände stützten ihn erneut, als er sich zum zweiten Mal erhob, und blitzartig kehrten Bilder der Nacht zurück, und der Hilfe, die diese Hände ihm gewährt hatten. “Wer... “, stammelte er, mühsam sein Gleichgewicht wiedererlangend.
“Hank”, erwiderte die vertraute, dunkle Stimme. “Mach dir keine Sorgen, Jack. Die Geister sind auf deiner Seite.”
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