Ein erster Disclaimer:
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit.
Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann.
Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin darzustellen. Dies ist Fiktion ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
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Titel: Verloren, III
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol...
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
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Verwirrt, immer noch eine leichte Übelkeit bekämpfend, ließ Jack es zu, nach draußen geführt zu werden. Die kühle Morgenluft jagte ihm Schauer über den Rücken und dankbar akzeptierte er den übergroßen Sweater, den Hank ihm überwarf.
Langsam gewöhnten sich seine aus unerfindlichen Gründen bereits wieder tränenden Augen an die aus tiefem Schlummer erwachende Welt, bemerkten den Nebel, der hartnäckig zwischen den dunklen Bäumen festzuhängen schien, auch wenn sich der graue Schleier hauptsächlich in seinen Augen befand, die mit der plötzlichen Grelle des Lichtes im Clinch lagen.
Vögel sangen mit einer Inbrunst, als könnten sie den schwindenden Sommer daran hindern der kälteren Jahreszeit zu weichen, und der Himmel strahlte klarer, als Jack ihn jemals zuvor gesehen hatte.
Kaum hatte er bemerkt, dass Hank ihn losgelassen hatte, als er das ebenso ungewohnte wie vertraute Schnauben von Pferden vernahm.
Verwundert drehte er sich um, immer noch fröstelnd in der morgendlichen Frische.
Wie ein Bild aus einer anderen Zeit erschien ihm der Anblick, den er weniger als alles andere erwartet hatte, der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann in ausgewaschener Jeans Kleidung, der wie selbstverständlich zwei braune Pferde auf ihn zu führte.
Jack lächelte, registrierte mit Erstaunen, wie sich seine Gesichtszüge auf diese beinahe vergessene Art veränderten, lockerten, nahe daran ihre antrainierte Verbissenheit zu verlieren.
Es war schön die beiden Tiere zu beobachten, die Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie über die Wiese schritten, die Lässigkeit, mit der sie ihre schlanken Köpfe hoben, ihre langen Mähnen schüttelten.
Kastanienbraune Augen bemerkten ihn, schnaubten hochmütig in dem natürlichen Wissen ihrer Überlegenheit.
Keine Seelenqual würde sie an den Rand eines Abgrundes bringen, keine leeren Worte sie dazu zwingen können ihresgleichen das anzutun, was der Mensch seinen Artgenossen tagtäglich zumutete.
Die Schönheit dieser Wesen ergriff Jack, machte ihn stumm in ihrer Anwesenheit, die ebenso, wie die Zeit, die er hier verbrachte, unwirklich und fern von allem, das er kannte, in unerklärlichen Bahnen verlief.
Eines der Pferde, das Hellere, trug einen Sattel und Zaumzeug, während das andere mit seinem Schweif den bloßen Rücken von umher summenden Fliegen befreite.
Anscheinend waren sie von Anfang an dabei gewesen, nicht weit von der Hütte weidend, auf sich selbst gestellt und frei, wie er es ihnen wünschen würde.
Hank führte das gesattelte Tier auf Jack zu, der wartete bis es seine Witterung aufgenommen hatte, bevor er seine Hand hob, um es vorsichtig zu streicheln. Das Pferd schnaubte und schien zufrieden mit der Liebkosung bevor es sich abwandte und zu dem anderen gesellte, das hocherhobenen Hauptes über das Gras schritt, lautloser Gang, erstickt von der federnden Nachgiebigkeit der Erde.
Hank sah ihn forschend an. Jack vermeinte beinahe etwas wie Unruhe oder Skepsis in seinem Blick zu entdecken, bevor der Größere zu sprechen begann, sich kurz fasste, wie es anscheinend seine Art war, eine Tugend, die Jack sehr willkommen war.
“Du bist jetzt bereit zurückzugehen. Deshalb werden wir aufbrechen.”
Jack nickte, auch wenn er sich fragte, ob er die Zeichen richtig deutete.
“Ich... wir...” Er stockte, deutete unsicher auf die schönen Tiere.
“Sie werden uns tragen,” antwortete Hank auf die unausgesprochene Frage, und schwang sich in demselben Atemzug auf den Rücken des ungesattelten, dunkelbraunen Pferdes, das bereits aufgeregt tänzelte, offensichtlich einem Lauf nicht abgeneigt.
“Aber wie... ?” ‘Wie sind wir hierher gekommen’, wollte Jack hinzufügen, seinem Gefühl für Raum und Zeit ebenso wie seiner Erinnerung misstrauend.
Er hatte automatisch angenommen einen Wagen vorzufinden, war es nicht gewohnt eine andere, weniger moderne Art der Fortbewegung überhaupt in Betracht zu ziehen.
Welche Zeiträume mochten seinem Gedächtnis entfallen sein, vielleicht hatte er hier schon länger verbracht, als er bis jetzt gedacht hatte.
Er runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass seine Erinnerung ihn trog, weitaus größere Lücken aufwies, als ihm in dieser Umgebung möglich geworden waren, zu erkennen?
Er versuchte sich zu konzentrieren, die Vergangenheit zurückzurufen, doch es erreichten ihn nur verschwommene Bilder, die ebenso seinen wilden Träumen entstammen könnten. Kurze Eindrücke einer nächtlichen Welt, die an ihm vorbeiflog. Er selbst über den Hals eines warmen Tieres gebeugt, sich daran festklammernd, obwohl er sicher gehalten wurde, obwohl ihn starke Hände an seinem Platz hielten, ihn fest umklammerten, den ständigen Bewegungen, dem unkontrollierbaren Auf-und-Ab Contra boten, die ihm gewaltsam drohten ihn abzuschütteln.
Hanks schwarze Augen glitzerten wie Kohlen, fast schelmisch, als würde er seine Gedanken erraten, und Jack schob die Rätsel beiseite und ergriff die baumelnden Zügel des Braunen, der sich von ihm nicht im mindesten beeindrucken ließ.
Es war lange her, wirklich sehr lange, dass er in einem Sattel gesessen hatte, und Jack bekämpfte einen kurzen Moment des Zögerns, bevor er sich hinauf schwang.
Er hatte wirklich vergessen, wie anders er sich auf dem Rücken eines Pferdes gefühlt hatte, wie losgelöst von den Fesseln der Schwerkraft, eins mit einem anderen Lebewesen, dem er vertraute, so wie es ihm vertraute, das ihn sicher trug und dafür nichts erwartete, als das, was er zu geben bereit war.
Jack hatte nicht gemerkt, dass er den Atem angehalten hatte. Tief holte er Luft, genoss die veränderte Perspektive, den fremdartigen Rahmen, in dem er sich wiedergefunden hatte. Und wenn es alles ein Traum war, eine Illusion, es wäre ihm egal, es würde ihn nicht im Mindesten kümmern.
Er fing Hanks Blick, der beinahe erstaunt wirkte, als hätte er nicht erwartet zu sehen, was er gesehen hatte. Der Ausdruck wich einem Zwinkern, das nur für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzte, bevor er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd, ohne noch einmal Richtung Hütte zu sehen, mit den Knien vorwärts dirigierte, in eine Richtung, in der das sie umgebende Gehölz lichter zu werden schien. Jacks Pferd folgte dem anderen automatisch, trug seine Last geduldig vorwärts, den seichten Abhang hinauf.
Jack drehte sich im Sattel und warf einen letzten Blick auf das verlassene Gebäude, von dem er jetzt erst bemerkte, dass es wie in einer Senke nistete, eingebettet und geschützt vor Wind und Wetter, und trotzdem aus der Entfernung alt und kaputt wirkend, als wären seine Tage bereits gezählt.
Und dennoch schien es ihm wertvoll, kostbarer als jedes hochtechnisierte Luxus Apartement, das seine Besitzer mit nichts als kühler Perfektion und Raffinesse zu empfangen gewohnt war.
Abrupt wandte er sich ab und richtete den Blick nach vorne, auf ungewohnte Weise neugierig auf das Bild, das sich ihm enthüllen würde, sollten sie diesen Wald verlassen.
* * * * *
Und dies geschah schneller, als er vermutet hatte. Die Bäume wichen zurück, öffneten den Blick für eine atemberaubende Landschaft, die im Morgenlicht erstrahlte. Winzige Tautröpfchen, die in Zweigen und Gräsern wie vergessen wirkten, funkelten wie Sterne, verzauberten diesen Ort, verliehen ihm einen Hauch von Magie.
Die Stille wurde lediglich von den Geräuschen der Pferde unterbrochen, dem gleichmäßigen, sanften Schnauben, dem Knarzen des weichen Sattelleders und den Vögeln, die ihnen aus der Sicherheit der Wälder ihren Abschied zu riefen.
Vor ihnen erstreckte sich eine endlose Ebene, eine Wiese, die wellengleich in Hügeln und Tälern verlief, sich in die Ferne ausdehnte, reich an den unterschiedlichsten Farben und Schattierungen.
Der Himmel war klar, von einem Farbton, den Jack aus Los Angeles nicht kannte, und den er auch sonst noch nirgendwo in dieser Intensität wahrgenommen hatte.
Er erinnerte sich, passte sich den Bewegungen des Pferdes an, fiel mit seinem Körper ein, in den wiegenden Rhythmus, den das Tier vorgab.
Wann er zum letzten Mal geritten war, war ihm entfallen, es musste in einem anderen Leben gewesen sein, bevor er... . Damals, mit Kim vielleicht... .
Der Gedanke versetzte ihm einen Stich und er drängte ihn zurück. Es hatte keinen Sinn an sie zu denken, sie war ohne ihn besser dran, er hatte es nicht glauben wollen, aber die Tatsachen sprachen für sich. Alle waren sie ohne ihn besser dran, erhielten wenigstens die Chance, die sie verdienten.
Er presste die Lippen zusammen und schob den Schmerz tief in sein Inneres, vergrub ihn dort, wo er sich in Momenten der Schwäche aus der Tiefe empor wühlen und solange mit seinen knochigen Klauen würgen würde, bis Jack bereit sein würde aufzugeben und ihm wieder den Sieg einzuräumen.
* * * * *
Hank ließ Cheyenne in leichtem Trab laufen. Es gab keinen Grund zur Eile. Im Gegenteil, alles lief erheblich einfacher, als er zu hoffen gewagt hatte.
Er grinste, während seine Augen den Horizont absuchten. Im Grunde hatte er schon befürchtet wieder gezwungen zu sein mit dem Anderen ein Pferd zu teilen. Nicht nur, dass er Cheyenne die Doppelbelastung nicht zumuten wollte, der Weg war doch ein wenig zu lang für einen solchen Ritt, auch wenn der Hinweg mit seiner bewusstlosen Last, erstaunlich problemlos vonstatten gegangen war.
Sein Lächeln vertiefte sich mit der Erinnerung an Buster und dessen erste Versuche ein Pferd zu besteigen, und letztendlich zu reiten.
Lautstark und wortreich, wie es seine Art gewesen war, hatte er sich von Anfang an über alles beschwert, den harten Rücken, den wackeligen Sitz, die Schmerzen, die ein Tag im Sattel mit sich bringen konnte.
Und doch hatte er all das mitgemacht, hatte gelernt sich auf dem Pferd zu halten, es vor und nach dem Ritt zu versorgen, hatte sich ohne Zögern in jede Art von Farmarbeit gekniet.
Es war zu leise geworden, zu still, ohne seine ständigen Kommentare, ohne einen Menschen, der es gewohnt war sein Herz auf der Zunge zu tragen, der nicht, so wie Hank selbst, seine Gedanken und Worte für sich behielt, auch wenn sie wie ein schwerer Stein auf seiner Seele lasteten.
Er hatte nicht bemerkt, dass Jack aufgeholt hatte, dass sie beinahe nebeneinander ritten, in einstimmigem Schweigen.
Und doch spürte er, dass der Andere etwas sagen wollte, dass ihn eine Frage, vermutlich unzählige Fragen, beschäftigten.
Ermunternd sah er ihn an, bereit seine Neugierde zu befriedigen, sei es auch nur, um von den eigenen Gedanken abgelenkt zu werden.
* * * * *
Eine Ewigkeit schien verstrichen zu sein, bevor Jack sich überwinden konnte die einträchtige Stille zu stören.
Er wandte seine Aufmerksamkeit ab von der Perfektion, in der sich der Hals des Tieres vor ihm hob und senkte, dem beruhigenden Wiegen und der Lebendigkeit, die ihm mit jeder erneuten Anspannung und schließlich Entspannung der Muskeln bewusst wurde.
“Wo sind wir?”
Der Anflug eines Zwinkerns in den dunklen Augen des Anderen bewies ihm, dass er die Frage nicht nur erwartet, sondern ihn auch schon geraume Zeit beobachtet haben musste, geahnt, dass er früher oder später das komfortable Schweigen brechen würde, es sich vielleicht sogar gewünscht hatte.
“Pine Ridge.” Die Antwort fiel knapp aus, überließ Jack weiteren Spekulationen.
Es hatte seinen Grund gehabt, dass er sich in den Norden der USA aufgemacht hatte, Kalifornien, Südamerika bargen zu viele schreckliche Geheimnisse, denen er sich weigern würde noch einmal gegenüber zu treten. Es war nur logisch gewesen sich in eine andere Richtung zu begeben.
Nur hatte es nichts geändert. Was er mit sich trug, wog zu schwer, egal wie weit er laufen würde, es wäre immer bereits vor ihm am Ziel, um ihn zu erwarten, zu ergreifen, weiter zu quälen, bis er es nicht mehr ertragen würde.
Und nun fand er sich an einem Ort, der ebenso qualvolle Erinnerungen atmete, der eine der zahllosen unvergessenen Stätten war, die Zeugnis des Unverständnisses und der Grausamkeit gewesen war, die Siedler den amerikanischen Ureinwohnern entgegengebracht hatten. Natürlich erinnerte er sich an ‘Wounded Knee’, an Geschichten von Kampf, Heldentum und unverzeihlichen Massenmorden an Kindern und Frauen, deren Verbrechen lediglich darin bestanden hatte, diesen Teil der Welt als Erste bevölkert zu haben.
Und er erinnerte sich an Bildern aus den Reservaten, aktuelle Bilder von Armut und Chancenlosigkeit. Das Land der Freiheit hatte viele Gesichter, und Pine Ridge war eines davon.
“Und was...”
Jack verstummte. Ein Blick Hanks ließ ihn den Rest der Frage verschlucken. Und wieder fragte Jack sich, ob es möglich sein konnte, dass dieser geheimnisvolle Mann fähig war seine Gedanken intuitiv zu erfassen. Auf eine seltsame, seit langem nicht mehr gespürte Art, begann Jack sich verlegen zu fühlen. Und mehr als alles andere erstaunte es ihn, dass ert zu Gefühlen dieser Art noch in der Lage war.
Er fühlte sich unsicher mit einem Mal, schämte sich nicht mehr der Herr seiner Erinnerungen zu sein. Die Gedächtnislücken, denen er bisher wenig Beachtung geschenkt hatte, klafften auf wie tiefe Abgründe. Warum nur, wann und wie hatte Hank ihn in diese Hütte geschafft. Was konnte er von ihm wollen?
Jack wusste, dass er seine Fragen nur zu stellen brauchte, und doch hielt ihn etwas davon ab, die Worte erstarben noch in seinem Hals, bevor sie seine Lippen erreichen konnten.
Irgendetwas war an diesem Mann, das er nicht einordnen konnte, eine Aura des Stolzes umgab ihn, dessen Grundlage unbekannt und fremd anmutete.
Ohne das Schweigen noch einmal zu brechen, ritten sie stumm weiter, jeder für sich, unfähig die Barriere zu überwinden, die zwischen ihnen stand. Die Sonne stieg hoch an den Himmel, die Landschaft flimmerte in der aufkommenden Hitze, ließ sie zunehmend trocken und ausgedörrt erscheinen, ähnlich der Kehle Jacks, die begann sich nach einem Schluck Wasser zu sehnen. Seine Zunge glich rauem Sandpapier und sein Hals schmerzte beim Schlucken. Erinnerungen an die Gefangenschaft holten ihn ein, und an die endlosen Tage, in denen nur sein Adrenalinausstoß es ihm ermöglicht hatte, körperliche Schmerzen und unmenschliche Anstrengungen zu ertragen und zu funktionieren, wie es von ihm erwartet worden war. Ohne den Druck dieser Art spürte er die Anforderungen allzu deutlich, denen sein geschwächter Körper ausgesetzt war, fehlte ihm der Willen die Schwäche zu bekämpfen.
Erschöpft hing er im Sattel, überließ Hank wieder die Führungsposition, entschlossen einfach abzuwarten.
Endlich tauchten in der Ferne vereinzelt Gebäude auf, staubige Farmhäuser, deren schlechter Zustand erst beim Näherkommen zu erkennen war, dann aber unverkennbar ins Auge stach.
Sie machten einen Bogen um die Ansammlung von kleinen Häusern, die sich an einer Stelle konzentrierten und strebten schließlich einem abgelegenen Gebäude zu, dass außerhalb der Sichtweite der anderen Häuser einsam stand.
Beim Näherkommen erschien es Jack ein wenig größer und er bemerkte, die beiden brüchigen Holzgebäude im Hintergrund, die offenbar als Stallungen oder Scheunen dienten.
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr Jack, als es keinen Zweifel mehr daran gab, dass es sich um das Ziel ihrer Reise handelte.
Auch ihre Pferde lebten auf, mit der Aussicht auf Wasser, und darauf ihre menschlichen Lasten loszuwerden. In einigem Abstand vermeinte Jack sogar noch weitere Pferde beim Grasen zu entdecken.
Die Tiere trugen sie vorwärts, schnaubten freudig, als sie ihre heimatlichen Stallungen erreicht hatten. Hank glitt von Cheyennes Rücken in einer fließenden Bewegung, die Jack nicht einmal versuchen konnte zu imitieren. Stöhnend hob er sich aus dem Sattel und rutschte mehr hinab auf den immer noch schwankenden Erdboden, als das er abstieg. Dankbar tätschelte er den Kopf des Pferdes, das ihn neugierig beschnupperte, möglicherweise auf der Suche nach einer Belohnung.
Entschuldigend schüttelte Jack den Kopf und verstärkte seine Liebkosungen, um dem Tier wenigstens ein wenig Gutes zu tun.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er Hank, der Cheyenne mit ruhigen und sicheren Bewegungen versorgte, bevor er sich Jacks Pferd zuwandte. Flink entfernte er den schweren Sattel und reichte ihn stumm weiter an Jack, ein Wink mit dem Kopf in Richtung des Stalles das einzige Zeichen dafür, was von ihm erwartet wurde.
* * * * *
Der Stallgeruch überwältigte Jack mit Macht, sobald er die lediglich angelehnte Tür mit seinen Füßen aufgestoßen, und seine Last in das düstere Innere des Gebäudes geschafft hatte. Zu seiner Linken entdeckte er Halfter, Zaumzeug und weitere Utensilien, derer die Pferdepflege bedurfte, sorgsam an der Wand aufgereiht.
Aufatmend setzte er den Sattel ab, und ließ seinen Blick durch die leeren Räume wandern.
Er blinzelte zweimal, doch die Bilder, die ihn einholten, wollten nicht verschwinden.
Das Heulen des Windes, das Prasseln des Regens, der drohte den Stall hinfort zu schwemmen,
die aufgeregt tänzelnden Pferde, unfähig der Angst, die Blitz und Donner in ihnen auslösten, Herr zu werden, erfüllten seine Sinne.
Und inmitten des Chaos, aufrecht zwischen ihnen, entdeckter er Hank, der beruhigend auf sie einsprach, dem es immer wieder gelang, ihnen den größten Schrecken zu nehmen.
Jack legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke hinauf. Die Eindrücke verschwanden mit dem Anblick der Fliegen, die zwischen den morschen Balken summten, der Streifen Sonnenlichtes, das die vorangegangene Illusion Lügen strafte.
Jack kehrte zurück ins Freie, nahm nur am Rande wahr, wie sich die Tür hinter ihm mit einem vernehmlichen Quietschen schloss.
Hank hatte sich in der Zwischenzeit um die Tiere gekümmert und schickte sie gerade mit einem freundlichen Klaps zu ihren wartenden Artgenossen, einer Aufforderung, der sie ohne zu Zögern nachkamen.
Jack sah ihnen nach, wie sie freudig fortgaloppierten, erlöst von den aufgezwungenen Pflichten der verdienten Freiheit entgegen strebten.
Als er sich umwandte, befand sich Hank bereits auf dem Weg zum Haus, und wieder schien es ihn keineswegs zu interessieren, ob Jack bereit war ihm zu folgen.
Dennoch folgte er ihm, ein wenig aus Trotz heraus, ein wenig aus Neugierde, aber hauptsächlich, weil er zu müde war, etwas anderes zu tun.
Geübte Augen nahmen Kleinigkeiten auf, zogen Schlüsse in Sekundenschnelle. Reifenspuren auf dem Hof, ein zerknitterter Ball, dessen Luft schon längst entwichen war, ein hölzerner Roller und eine in die sandige Erde vor dem Haus gegrabene Murmelbahn, widersprachen der Stille, die das Gebäude umgab, der momentanen Verlassenheit, die es ausstrahlte.
Hank ließ die Tür offen stehen, doch sparte sich die Mühe eines einladenden Wortes. Dass der Mann nicht viel redete war mittlerweile keine Überraschung mehr, und Jack akzeptierte seine Schweigsamkeit als angenehmes Geschenk.
Er trat ein, und sah sich um. Auch hier die Spuren eines Familienlebens, doch ohne die dazugehörigen Familienmitglieder.
Die Ausstattung war einfach und schlicht, dem Zahn der Zeit wurde mit Kreativität versucht Einhalt zu gebieten. Risse in Wänden und Möbeln waren geflickt oder von bunten Wandteppichen bedeckt, überall die Spuren von mehrfachen Reparaturen erkennbar.
In einer großen Küche stand noch Geschirr zum Trocknen, und Töpfe und Pfannen hingen über einem altmodischen, rostigen Ofen.
Fotos zierten vereinzelt die Wände und Jack ging näher um sie zu betrachten. Spielende Kinder, freundlich lächelnde Pärchen. Zwei junge Familien schienen sich diesen Platz zu teilen, beide Väter mit langen, schwarzen Haaren, wahlweise offen oder zusammengebunden im Rücken getragen, die Mütter kleiner, zarter, aber mit ähnlicher Haartracht. Auf manchen Bildern hatte sich eine ältere, grauhaarige Frau zu ihnen gesellt, deren Gesicht von Milde und friedfertiger Gelassenheit überstrahlt wurde. Nur ein einziges Photo zeigte Hank, der sich offenbar widerstrebend, und nur im Hintergrund zur Verfügung gestellt hatte.
Jack fuhr zusammen, als eine Stimme ihn unerwartet aus seinen Betrachtungen riss.
“Komm mit,” sprach Hank kurz, bevor er sich auf dem Treppenabsatz umdrehte, und die knarzenden Stufen hinaufstieg.
Einen Blick riskierte Jack noch in den Bereich, der offenbar als Wohnzimmer diente, und mit Fernseher und Radio, kaum in diese Umgebung zu passen schien.
Die Räume waren niedrig, aber dennoch vermutete Jack, dass es sich um eines der wohlhabenderen Wohnplätze der Gegend handelte. Der Flur im oberen Stockwerk war dunkel, aber Jack bemerkte trotzdem Hanks Widerstreben, als sie sich fortbewegten und schließlich vor einer der schmalen Türen innehielten. Offenbar gezwungen sich selbst zu überwinden, stieß er das Hindernis mit einem plötzlichen Ruck beiseite und durchquerte mit langen, entschlossenen Schritten den Raum, um die Jalousien des einzigen Fensters zu öffnen und einen Streifen Lichtes hineinzulassen.
“Du schläfst hier.”
Jack sah ihn forschend an, verwundert über die plötzliche Heiserkeit in seiner Stimme, wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Hank den Raum beinahe eilig wieder verließ.
“Lass etwas Luft hinein,” setzte er, bereits im Gehen, hinzu. “Es... es ist schon eine Weile her.”
Und bevor Jack noch etwas sagen konnte, bevor er imstande war seiner Unsicherheit Ausdruck zu verleihen, war der größere Mann bereits verschwunden, die Treppe hinunter, als könnte er es nicht ertragen in diesem Zimmer zu sein.
Jack spürte mit einem Mal wieder wie erschöpft er war, wie Beine und Arme von dem Ritt schmerzten, und wie er sich danach sehnte sich einfach auszustrecken und einzuschlafen. Aber das Ganze erschien ihm zu mysteriös, zu fragwürdig, als, dass er nicht wenigstens den Versuch machen sollte, ein paar Antworten zu erhalten.
Er lief denselben Weg, den Hank zuvor genommen hatte, betätigte den widerstrebenden Riegel, und öffnete das Fenster, das mit der Bewegung ein hässliches Geräusch von sich gab, als wäre es schon seit Jahren nicht mehr derart beansprucht worden.
Die abgestandene Luft weigerte sich vorerst den Raum zu verlassen, ebenso wie die warme Brise außerhalb des Fensters, vor demselben zu tanzen schien, ohne Eintritt zu fordern.
Jack drehte sich seufzend um und begann den Raum zu studieren, gab sein Bemühen jedoch schnell wieder auf, als er die Erschöpfung spürte, die wieder begann, ihn in ihren Bann zu ziehen, ihm das hölzerne Bett, über das nur eine bunt bestickte Decke geworfen war, als Ziel seiner Sehnsüchte zu offenbaren.
Er rieb sich Augen und Stirn, entschlossen mehr zu erfahren, wenigstens ansatzweise abzuwägen, ob er überhaupt hier bleiben sollte.
Müde stützte er sich beim Verlassen des Zimmers am Türstock ab, und stolperte dann mit wackeligen Beinen die ausgetretenen Stufen hinab.
Schon vom Treppenabsatz aus erkannte er, dass Hank, vertieft in verschieden farbige Papiere, die er in mehreren Stapeln vor sich geordnet hatte, dabei war, eine nicht unerhebliche Menge an Post durchzugehen, wobei es sich offensichtlich in erster Linie um Rechnungen oder Mahnungen handelte.
Die Stirn gerunzelt beachtete der Lakota das mittlerweile brodelnde Teewasser genauso wenig, wie die plötzliche Gesellschaft. Nur die leichte Anspannung des Nackens zeigte Jack, dass er durchaus von beidem Kenntnis genommen hatte.
“Du solltest dich ausruhen,” erklang die dunkle Stimme unerwartet, gerade als Jack näher trat, in der Absicht, sich um das undefinierbare Gemisch zu kümmern, das dazu bestimmt war, einer der bitteren Getränke zu werden, ohne die es sich anscheinend in diesem Land nicht zurechtkommen ließ.
Er hielt in der Bewegung inne, betrachtete den Dampf, der aus dem Kessel emporstieg, seltsame Formen annahm, bevor er sich in Nichts auflöste.
“Wo sind die anderen?”
Jack beschloss, direkt zur Sache zu kommen.
“Verwandtenbesuch.”
Jack räusperte sich, nahm sich vor, das Gespräch in Gang zu halten, solange es möglich war.
“Aber noch nicht lange?”
Hank seufzte resigniert. Sorgsam legte er die Blätter, die er gerade studiert hatte, beiseite, und erhob sich von dem hölzernen Stuhl.
Zu Jacks Erleichterung nahm er vorerst das Wasser vom Feuer und goss es in die bauchige Kanne. Ein eigenartiger Geruch, beinahe wie Lakritze, erfüllte die Küche umgehend, und entfaltete seine entspannende Wirkung.
“Nein”, antwortete der Dunkelhaarige endlich. In seinen Mundwinkeln zuckte es verräterisch, als wüsste er genau, wie sehr es Jack gestört haben musste, eine unerledigte Aufgabe vor Augen zu haben.
“Sie haben das Reservat heute verlassen.”
“Und... .” Jack zögerte, unsicher, was er fragen sollte.
“Und solange muss jemand für die Farm da
“Und wenn, wenn du nicht auf der Farm bist, wo... was ist es dann, das... .”
Endlich drehte sich Hank vollständig um und sah Jack ins Gesicht. Der verschmitzte Ausdruck erreichte seine Augen.
“Ich bin immer dort, wo ich gebraucht werde.”
“Aha.” Jack wusste für einen Moment nicht mehr, was er sagen sollte. Das Einfachste würde es wohl sein, das Thema zu wechseln.
Er stützte sich auf die Tischkante, fühlte das raue Holz unter seinen Fingern.
“Und... und wo leben eure Verwandten?”
Möglich, dass er sich täuschte, und doch glaubt Jack zu bemerken, wie sich des anderen Gesicht wieder verdunkelte, um eine Nuance nur, und doch für das geübte Auge unverkennbar.
“Philadelphia.” Die Antwort kam leise, beinahe widerstrebend.
Jack konnte nicht anders, als nachzuhaken.
“Und wieso ohne..., ich meine,... sind es nicht auch deine Verwandten?”
Hank wandte sich ab, ordnete geistesabwesend die Papiere.
“Doch.” Seine Stimme erklang wieder fest und bestimmt. “Das ist meine Familie. Aber ich kann nicht nach Philadelphia zurück. Niemals wieder.”
Jacks Mund öffnete und schloss sich wieder. Er spürte, die unsichtbare Grenze erreicht zu haben, den Moment, in dem das Thema fallen gelassen werden sollte.
Vielleicht, möglicherweise, war der Mann auf der Flucht, gesucht von den Behörden, gezwungen sich zu verstecken. Es war weder so, als könnte er ihm dies zum Vorwurf machen, noch hatte er das Recht, in diesen Bereich einzudringen. Der Kampf um die Gleichberechtigung amerikanischer Ureinwohner zog immer noch, und immer wieder von Neuem, seine Kreise, und er war der Letzte, der jemandem eine Gesetzesübertretung vorwerfen konnte, der an die unbedingte Bedeutung seiner Ziele glaubte.
Auf jeden Fall würde es den versteckten Zufluchtsort erklären, den sie gerade verlassen hatten.
Jack zuckte unbemerkt mit den Schultern. Wie auch immer, im Grunde ging es ihn nichts an, ebensowenig wie Hank sein Leben etwas anginge.
Schließlich ließ er sich auf die morsche Bank sinken, die zwischen Tisch und Wand aufgestellt war, und stützte den Kopf in die Hände.
Hank musterte ihn aufmerksam.
“Du wirst dich ausruhen müssen”, sagte er schließlich. “Ich habe getan, was mir bis jetzt möglich war, aber das Gift sitzt nicht nur in deinem Körper.”
Er schob sich den Stuhl zurecht und nahm Jack gegenüber Platz. Seine Augen bohrten sich in die helleren des anderen, bis Jack den Blick senkte.
“Deine Seele ist vergiftet, schon seit langem, und du wirst viel Kraft brauchen, solltest du versuchen wollen, sie heilen zu lassen.”
“Ich...” Jack wand sich, unangenehm berührt, auf seinem Platz. “Ich glaube nicht, dass ich das so sehen würde...”, stammelte er, auf eigenartige Weise zurückversetzt in seine Vergangenheit, inmitten all jener Momente, in denen er sich verletzlich, klein gefühlt hatte, in denen ihm seine Stärke und seine Willenskraft nicht mehr weitergeholfen hatten.
“Es ist anders...”
Hank sah ihn weiter stumm an. Jack fühlte den dunklen Blick des Schamanen auf sich ruhen, und seltsamerweise wich die Scham, die Unsicherheit Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, je länger diese Augen ihn gefangen hielten.
Zögernd sah er wieder auf und sein unruhiger, suchender Blick traf auf eine Kraft, die nicht nur in den Gesichtszügen seines Gegenübers ruhten, sondern sein ganzes Wesen überstrahlten. Jack war gebannt und verwirrt zugleich.
Soweit es ihn anging, existierten keine spirituellen Mächte, wie auch immer sie aussehen mochten, hatten niemals existiert. Natürlich rief er Gott an, hatte ihn in den verzweifelsten Stunden seines Lebens wieder und wieder angefleht ihm zu helfen, oder ihn zumindest die Gnade der Erlösung zu gewähren. Es war menschlich, so zu reagieren, aber kein Grund, sich auf lange Sicht etwas vorzumachen.
Der dunkelhaarige Mann, der mit ihm sprach, mochte eine natürliche Intuition besitzen und mit Worten umzugehen wissen, er konnte ihm jedoch nicht weismachen, dass er sich auf Dinge verstünde, wie die tiefen Wunden einer Seele zu schließen, die zu lange ohne Hilfe gewesen war, davon abgesehen, dass niemand dazu in der Lage war, dass es nichts, denn eine hübsche Illusion sein mochte, sich derartigen Tagträumen hinzugeben.
Jack schluckte vernehmlich, und löste seinen Blick wieder.
“Wenn..., wenn es keine Rolle spielt, dann sollte ich vielleicht wirklich etwas schlafen. Ich... bin das Reiten nicht gewohnt.”
Hank nickte, verbarg die Belustigung, die erneut in ihm hochstieg.
Was auch immer das Schicksal mit ihnen im Sinn haben mochte, es war doch eine willkommene Abwechslung, jemanden hier zu haben, jemanden, der verstockt und ungläubig war, der sich nicht alles sagen ließ, einen anderen Ursprung hatte, anderen Regeln folgte. Eine Herausforderung, etwas Neues, jemand, der ihn vielleicht überraschen würde, der ihn vielleicht etwas lehren würde, das er noch nicht imstande war, sich auch nur vorzustellen.
Sein Blick folgte der schmalen Gestalt, die aufrechten Rückens den Raum verließ, und er konnte nicht umhin, den Stolz anzuerkennen, der den Mann zwang, sich den Grad seiner physischen Erschöpfung nicht anmerken zu lassen, der es offenbar gewohnt war, sich zusammenzureißen, bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu gehen, und darüber hinaus.
Und Hank fand sich wieder allein mit der Frage, was für ein Leben es sein mochte, das Jack ein derartiges Verhalten antrainiert, aufgezwungen hatte, ein Verhalten, das ihm nicht fremd war, das er nur zu gut kannte, das jedoch keineswegs der Norm entsprach, und keineswegs einem verlorenen Junkie ähnlich sah, den eine unerklärte Pein dazu trieb, ewiges Vergessen zu suchen.