Ein erster Disclaimer:
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit.
Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann.
Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin darzustellen. Dies ist Fiktion ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
* * * * *
Titel: Verloren, IV
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol, Gewalt...
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
* * * * *
Es war dunkel, als er erwachte.
Starker Durst quälte ihn und seine Eingeweide schmerzten. Einen Moment brauchte Jack, bis er sich zurechtgefunden hatte, wieder in der Lage war, das harte Bett, die fremde Umgebung einzuordnen. Als er versuchte sich zu erheben, durchfuhr ihn eine Welle der Übelkeit, und er stöhnte verhalten.
Schwer atmend verharrte er, rückwärts auf seine Ellbogen gestützt, und bekämpfte den Würgereflex, der sich rhythmisch aufbäumte. Als er glaubte, nicht mehr in der Lage zu sein, ihn aufhalten zu können, lehnte er sich zur Seite in dem vergeblichen Bemühen seine Stätte zu verlassen und war nahe daran aus dem Bett zu kippen.
Doch er stürzte nicht.
Wieder waren da starke Hände, um ihn zu halten, um ihn zu stützen. Hände, die ihm ein Gefäß reichten, in das er sich erbrach, die sein feuchtes Haar zur Seite strichen, die seinen Kopf in ihrem Griff bewahrten und seine Lippen säuberten, nachdem sich die fruchtlosen Würgeanfälle endlich beruhigt hatten.
Hank konnte nicht weit gewesen sein. Entweder er hatte den Anfall erwartet, oder war zufällig in der Nähe gewesen. Wie es auch gewesen sein mochte, Jack war mehr als dankbar. Sein ganzer Körper zitterte, und er glaubte nicht, dass er den Weg in ein Bad bewältigt hätte, geschweige denn, dass er in der Lage gewesen wäre, sich erst einmal auf die Suche danach zu begeben. Welch ein Teufelszeug auch immer er sich gespritzt haben mochte, welche merkwürdigen Getränke Hank ihm eingeflößt haben dürfte, die Folgen setzten ihm auf bisher unbekannte Weise, in den merkwürdigsten Abständen und Schüben zu.
Ein Arm Hanks stützte seinen Rücken, und Jack hustete, als er das kühle Glas an seinen Lippen fühlte. Der Krampf beruhigte sich, und wieder hob der andere das Getränk an seinen Mund, das Jack diesmal gehorsam schluckte. Die kühle Flüssigkeit durchfloss seine Kehle wie ein wohltuender Balsam, und Jack spürte die Anspannung aus seinem Körper weichen. Wehrlos ließ er sich wieder zurück auf die Matratze betten, fühlte noch einmal den feuchten Lappen, der mit sanften Bewegungen sein Gesicht von kaltem Schweiß reinigten, die langen Finger, die wie nebenbei durch sein Haar fuhren und es schließlich, beinahe zögernd verließen, bevor er wieder zurücksank in die tiefe Dunkelheit, aus der er aufgeschreckt war.
* * * * *
Wie oft sich diese oder eine ähnliche Szene wiederholt haben mochte, Jack konnte es nicht sagen. Er wusste auch nicht, ob eine oder bereits mehrere Nächte vergangen, ob Hank an seiner Seite gewacht hatte, oder ob es sich nur um eine neue Art düsterer Träume handelte, die ihn heimsuchten und seinem Schlaf die Ruhe nahmen.
Auch wusste er nicht wie spät es war, als er seine Augen öffnete und seine Umgebung mit ungewohnt klarem Blick wahrnahm. Das Licht, das durch die Ritzen der Jalousien drang, bewies ihm, dass es noch Tag war. Es erhellte den kleinen Raum, erleuchtete vereinzelt Ecken und Abschnitte, die ihm bisher entgangen waren.
Jack streckte sich, erstaunt darüber, dass es ihm problemlos gelang, dass die Bewegung ihm keinerlei Beschwerden verursachte, dass auch das vorsichtige Aufrichten des Oberkörpers frei blieb von Übelkeit oder dem Brechreiz, den er unterbewusst bereits damit in unausweichliche Verbindung gebracht hatte.
Nachdenklich studierte er die Wände, die Unebenheiten, die Löcher, die bewiesen, dass es sich bei dem Holz um ein lebendiges Material handelte, die schiefen Balken, die das Dach trugen, und den Staub, der sich in jedem Winkel festgesetzt hatte, Zeugnis dafür, dass dieser kleine Raum selten benutzt wurde.
Langsam brachte Jack die bloßen Füße auf den Boden. Darauf bedacht seinen Kreislauf langsam zu stabilisieren, wartete er eine Weile, bis sich sein Körper an die neue Position gewöhnt hatte, lauschte in die Stille, ließ seine Blicke systematisch Meter für Meter seiner Schlafstätte in sich aufnehmen.
Ihm gegenüber an der Wand war eine Gitarre befestigt, offensichtlich abgegriffen und intensiv in Gebrauch gewesen, bevor sie an diesen Ort verbannt und vergessen worden war. Vorsichtig stand Jack auf, und trat näher an sie heran, erleichtert darüber, dass er ohne Beschwerden dazu in der Lage war, betrachtete ihre runden Kurven, strich über die grauen Saiten, sich an die wenigen Versuche seiner Jugend erinnernd diesem Instrument eine Melodie zu entlocken. Er war nicht weit gekommen damals, sehr rasch hatten andere Anforderungen und Pflichten ihn zu sehr in Anspruch genommen, als dass er sich um wenig Erfolg versprechende Spielereien wie die Musik hätte kümmern können.
Seine Untersuchung führte ihn weiter, ein schmales Bücherregal fesselte seine Aufmerksamkeit.
Die Geschichte der A.I.M., Freiheit für Leonard Peltier, Black Elk Speaks..., Broschüren wechselten sich ab mit gebundenen Sammlungen über Kultur und Geschichte der Lakota, den Ereignissen am Wounded Knee oder den Erinnerungen des Schamanen Lame Deer.
Auch hier sprach der, wie eine Matte alles bedeckende Staub, von mangelndem Interesse, davon, dass seit Jahren niemand mehr den Büchern Beachtung geschenkt haben dürfte.
Inmitten der Druckerzeugnisse entdeckte Jack einen Bilderrahmen, kaum zu erkennen, halb zur Seite gedreht, als hätte jemand seinen Anblick nicht mehr ertragen können, es aber dennoch nicht über das Herz gebracht, ihn wegzuwerfen.
Einen Moment zögerte er, doch dann zog er das Bild aus dem Regal. Wenn nicht damit zu rechnen wäre, dass er Antworten erhalten würde, dann musste er sie eben selbst suchen. Zudem, was sollte auch passieren?
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sobald er erkannte, was das Photo zeigte.
Hank, ein deutlich jüngerer Hank, ein ungewohnt breites Grinsen im Gesicht, den Arm freundschaftlich um einen kleineren Mann gelegt, der mindestens ebenso gut gelaunt in die Kamera sah.
Beide befanden sich offenbar auf einer größeren Veranstaltung, trugen lässige, aber bunte Kleidung umrahmt von ebenso fröhlichen, entspannt wirkenden Menschen.
Jack wischte den Schleier, der sich über dem Glas gebildet hatte, mit dem Handrücken fort, und betrachtete den zweiten Mann genauer.
Er hatte sich nicht getäuscht. Wie auch immer er es drehen oder wenden wollte, der Andere besaß eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihm selbst. Größe, Figur, Gesichtszüge, alles wirkte, als hätte jemand eines von Jacks Hochzeitsphotos genommen und daran manipuliert.
Lediglich die Haare waren anders, so lang hatte er sie damals nicht getragen, auch waren sie nie so hell gewesen. Auch der Schnurrbart, der beinahe aufgeklebt aussah, verlieh dem Gesicht eine eigene Note.
Und dennoch, es war nicht zu leugnen, dass sie sich glichen, dass, ausgehend von Hanks jugendlicher Erscheinung, der andere Mann mittlerweile auch in seinem Alter sein dürfte.
Einen Augenblick überlegte er noch, dann stellte er das Bild wieder zurück. Vielleicht könnte hierin eine Erklärung für Hanks Verhalten zu finden sein, vielleicht erinnerte er ihn an einen Jugendfreund.
Jack zuckte mit den Schultern und wandte sich weiter in Richtung Tür. Das Fehlen jeglicher Geräusche deutete darauf hin, dass er alleine war, doch traute er Hank auch zu, es gewohnt zu sein, sich lautlos, unbemerkt fortzubewegen, an einem Ort zu leben, ohne Spuren oder Hinweise auf seine Anwesenheit zu hinterlassen.
Er widerstand der Versuchung die geschlossenen Türen, die an diejenige seines Zimmers grenzten, aufzustoßen und zu erforschen welche Geheimnisse dahinter verborgen sein mochten, sondern bemühte sich zunächst darum, die Stufen lautlos hinabzusteigen, ein Unterfangen, dem das Knarzen des Holzes einen Strich durch die Rechnung machte.
Die Mühe hätte er sich allerdings nicht zu machen brauchen, denn unten angekommen, zweifelte er nicht mehr daran, das einzige, menschliche Wesen in diesem Haus zu sein.
Systematisch durchschritt er das Erdgeschoss, aus reiner Gewohnheit sich seine Umgebung einprägend, analysierend, auf jedwede Auffälligkeit untersuchend.
Nichts, dass ihn verwundern, das ihm in irgendeiner Weise verdächtig erscheinen würde, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Die Tür stand halb offen, als wäre das Haus in Eile verlassen worden, als bräuchte man sich hier keine Sorgen um sein Eigentum zu machen.
Der rote Sand knirschte warm unter seinen Füßen, angenehm, freundlich, lud ihn ein, weiterzugehen.
Jack legte den Kopf in den Nacken, starrte in den Himmel hinauf, in dem sich Wolken zusammenballten. Sein Blick wanderte weiter, erforschte die Gegend, genoss die Ruhe, die sich ihm bot. Frieden, der Hand in Hand ging mit Trostlosigkeit, Stille, die sich auf das Fehlen von Dingen gründete, welche andernorts lautstark ihre Unverzichtbarkeit kundtaten.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn, ein Band zu diesem Land wuchs, ergriff ihn mit unsichtbaren Fingern, fesselte ihn mit sanfter Hand. Als hätte er seine Vergangenheit begraben, sein gelebtes Leben beendet, um hier wieder zu erwachen, um hier einen neuen Sinn zu entdecken, die Freiheit zu fühlen, dies aus eigenen Stücken tun zu können.
Plötzlich losgelöst, entdeckte Jack diese neue Welt, erfand sich für den Moment neu, erstaunt über die Wunder, die sich ihm darboten.
* * * * *
Hank blieb noch einen Moment in seinem Wagen sitzen, strich sich das lange Haar zurück und seufzte, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Teds Probleme waren weder neu, noch ungewöhnlich, doch, dass seine Frau ihn zu Hilfe holen musste, war doch ein Novum. Alkohol und Drogen stellten nur eine der ständigen Bedrohungen dar, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte, Armut, Hoffnungslosigkeit und Depression gab seinem Volk den Rest. Es war nicht viel übrig geblieben von der vor vielen Jahren aufgeflackerten Begeisterung für Gleichberechtigung, dem Hauch von Interesse, dass die Weißen ihnen entgegengebracht hatten. Nach wie vor waren sie gut genug für exotische Darbietungen, willkommen auf Baustellen ihren Hals zu riskieren, und zähneknirschend geduldet, sollte es wenigen gelingen, sich ein Geschäft aufzubauen.
Für die Mehrzahl blieb das Leben schwierig, anstrengend und frei von Ermunterung oder Erfolg. Kein Wunder, dass viele versuchten dem zu entfliehen, eine Chance zu suchen, auch wenn es nahezu aussichtslos blieb.
Hank blickte auf die verbeulte Autotür, die, wie er wusste, einen kräftigen Stoß benötigen würde, um aufzuspringen, dachte an den Rost, der alle Fahrzeuge hier schmückte, als wäre er ein Wahrzeichen ihrer Mittellosigkeit, und überlegte für einen Moment, sich eine Zigarette anzuzünden, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder. Es würde auch nichts ändern oder besser machen.
Müde kletterte er aus seinem Sitz und streckte die erschöpften Glieder. Der Schlafentzug machte sich langsam bemerkbar, es war allerhöchste Zeit ihm Rechnung zu tragen.
Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Sonne war bereits hinter Hügeln und Wäldern verschwunden, auch wenn ihr Licht noch ausreichte, seinen Weg zu erhellen.
Die Pferde hatten ihn bereits erwartet, erleichterten ihm seine Arbeit, als er sie für die Nacht vorbereitete.
Er lächelte zum ersten Mal, als er den Fußabdruck vor dem Haus erkannte, offenbar ging es Jack etwas besser. Hank hatte keinen Zweifel, dass der andere sich im Inneren befand, wäre dem nicht so gewesen, er hätte es gespürt.
Genauso wie er im voraus wusste, wo er Jack finden würde.
Als Hank die Küche durchquert hatte, sah er den Blonden auf der Bank am Tisch sitzen, die Knie angezogen, den Kopf zurückgelehnt, offensichtlich schon eine Weile vor sich hin dösend.
Vor ihm ein Glas und den Krug mit Wasser, der sich für gewöhnlich neben dem Herd befand.
Ein zweites Lächeln zuckte über Hanks Gesicht. Dass Jack noch nicht erwacht war, schien ihm ein gutes Zeichen. Der Mann wirkte wie jemand, der auch im Schlaf gewohnt war, auf jedes Geräusch zu reagieren.
Erst als Hank sich zu ihm setzte, zuckte Jack, krümmte sich zusammen, als versuche er sich vor einem Angriff zu schützen und öffnete erschrocken die Augen.
Sein Blick klärte sich vom Nebel, als er die vertrauten Züge vor sich sah und er versuchte, sich unauffällig wieder aufzurichten.
“Hank... ich...”
Jacks Aufmerksamkeit richtete sich auf die Dinge auf dem Tisch, doch Hank winkte rasch ab.
“Es ist in Ordnung, Jack. Nimm dir was du brauchst.”
“Meine Sachen?”
Ein kurzes Nicken in Richtung eines niedrigen, alten Schrankes.
“In Sicherheit.”
Ein Grinsen ließ sich nicht vermeiden, und zu Hanks Erstaunen erwiderte Jack den Gesichtsausdruck.
“Ich weiß”, murmelte er. “Es... es scheint wohl nicht so, als würde ich großen Wert darauf legen.”
“Nein.” Hanks Grinsen wurde breiter.
“Willst du etwas essen?”
Ohne die Antwort abzuwarten, stand Hank auf, und holte zwei tiefe Teller, die er mit einem Topf und einer Schüssel Brot vor ihnen aufbaute.
“War nicht einkaufen,” meinte er, als er die kalte Suppe aufteilte, und Jack das Brot hinüberschob.
“Ich... bin nicht sicher...”
Jack betrachtete den Inhalt seines Tellers skeptisch.
“Versuch es.” Hank zuckte mit den Schultern.
“Behälst du es noch nicht, dann klappt es beim nächsten Mal.”
Schweigend machten sie sich daran, ihren Hunger zu stillen, Jack langsam und vorsichtig, Hank eilig und froh über den Moment der Ruhe.
“Und...” Jack entschloss sich nach einer Weile sein Glück nicht über zu strapazieren und schob den Teller beiseite. Er zögerte.
“Und... ich meine... wieso?”
“Wieso was?”
Hank hatte sein Mahl ebenfalls beendet und lehnte sich zurück.
“Ich bin nur... ich wundere mich...”
Jack biss sich auf die Zunge. Diese Unsicherheit war neu für ihn. Er wusste nicht, wieso er nicht dazu in der Lage war, seine Gedanken klar zu äußern. Je sicherer Hank ihm gegenüber auftrat, desto mehr fühlte er sich verwirrt.
Und wieder schien der andere in ihn hineinsehen zu können, das belustigte Funkeln in den dunklen Augen sprach für sich.
“Du kannst hier bleiben, solange es gut für dich ist, gehen, sobald du dazu bereit bist.”
Der Blick wurde ernst. “Das Zimmer oben ist deines, es hat auf dich gewartet.”
“Und... und deine Familie...?”
“Ist es gewohnt Fremde aufzunehmen. Das Haus ist groß genug und das gehört dazu.”
“Aber in...”
Die hochgezogenen Augenbrauen brachten Jack zum Schweigen, jedoch nur für einen Moment.
“Ich... ich habe ein Photo gesehen...”
Abrupt schob Hank den Stuhl zurück und stellte die Teller zusammen. Sein schwarz glänzendes Haar bildete einen Vorhang, der seinen Gesichtsausdruck verbarg.
Er drehte sich um und machte sich an dem Spülbecken zu schaffen. Als er endlich wieder sprach, klang seine Stimme heiser, widerstrebend.
“Es war sein Zimmer, wenn er allein sein wollte. Ich... es stand lange leer. Wir haben genug Räume...”
“Was ist mit ihm?”
Hank zögerte, räusperte sich, bevor er antwortete.
“Er starb... vor vielen Jahren.”
Jack senkte den Kopf.
“Es tut mir leid.”
Hank zuckte mit den Schultern. “Du hast das Recht zu fragen. Du siehst aus wie... du siehst ihm ähnlich. Es... es hat mich auch irritiert.”
“Hast du mich deshalb... mitgenommen?”
Der größere Mann schüttelte den Kopf. “Es war so bestimmt. Ich hätte nichts anderes tun können.”
Ein längeres Schweigen trennte sie, bevor er weitersprach. “Es war meine Pflicht.”
Jack nickte, zögerte.
“Danke,” brachte er schließlich heraus, ohne aufzusehen. “Ich danke dir.”
“Kein Problem.”
Jack sah auf und ihre Blicke trafen sich letztendlich, verstanden einander so wie ihre Seelen es taten.
* * * * *
Jack bemühte sich darum, einen Beitrag zu leisten. Er fühlte sich stärker und imstande, sich um die Pferde zu kümmern, Kleinigkeiten zu erledigen, den Zaun zu reparieren, oder Ordnung im Schuppen zu schaffen. Hank würdigte seine Bemühungen keiner Aufmerksamkeit, doch er konnte sehen, dass er froh darüber war, nicht mehr allzuviel zu tun zu haben, wenn er von den Besuchen, über die er ebenfalls nie ein Wort verlor, zurückkehrte.
Jack las in den Büchern, die er gefunden hatte und gewann allmählich eine Vorstellung von Hanks täglichem Treiben und seiner Verantwortung.
Das Bild von ihm und Buster hatte er in dem Regal nach vorne gestellt, als könnte es ihm Antworten geben, die der schweigsame Lakota nicht aussprechen konnte oder wollte.
Es gelang ihm beinahe durchzuschlafen, er schreckte nur noch von den Geräuschen auf, die Hank alarmierten, dem Hupen eines Wagens, der ihn mitten in der Nacht zu einer Tätigkeit abholte, über die er nicht redete, den Rufen eines Kindes oder einer Frau vor dem Haus, mit der er ein paar Worte wechselte und dann mit einem Beutel, der normalerweise ständig neben der Tür hing, verschwand.
Wenn Jack dann die Treppe hinunter stolperte, und sich in der Küche eine Tasse Wasser holte, fiel ihm das Fehlen jedesmal anderer Kräutermischungen und Wurzeln auf, die für gewöhnlich fein säuberlich aufgereiht, und frei von Staub, bewiesen, dass sie in ständigem Gebrauch waren. ‘Medizinmann’ war das Wort, das ihm zunächst in den Sinn kam, und er lachte in sich hinein über die Merkwürdigkeit dieses Ausdrucks, unsicher, ob es sich dabei nicht um eine Beleidigung oder ein Zeichen mangelnden Verständnisses handeln könnte, doch unfähig einen passenderen Begriff zu finden.
Sie sprachen nicht viel, verstanden sich ohne Worte, hielten ihre gegenseitigen Fragen zurück im Vertrauen darauf, dass die Antworten sie erreichen würden, sollte es vonnöten sein.
Erst zwei Tage waren vergangen, und doch glaubte Jack bereits eine Ewigkeit an diesem Leben teilzunehmen, fühlte sich auf ungewohnte, vergessene Weise angekommen, als hätte er einen Hafen erreicht, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte.
* * *
Es war spät. Die Dunkelheit erstreckte sich wie eine Decke über die karge Landschaft.
Eine einzelne Laterne brannte an der Außenwand des Hauses, wartete auf die Rückkehr des Lakota, während Jack noch einen letzten Blick auf Türen und Fenster warf. Egal wie unsinnig es sein mochte, sobald er dazu in der Lage war, ließen ihn seine Gewohnheiten nicht zur Ruhe kommen, ohne dass er wenigstens die gröbsten Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte.
Hank schüttelte den Kopf über ihn, aber hielt ihn nicht davon ab, die Riegel vorzuschieben, die Kontrollgänge vorzunehmen, zu denen Jack sich gezwungen sah, als würde ihn eine undeutliche Ahnung dazu veranlassen diesen Ort zu schützen.
Er schüttelte den Kopf über sich selbst, während er lautlos durch die Finsternis lief, seine Sinne geschärft mit dem Abklingen der Wirkung der Substanzen, die er seinem Körper noch vor kurzem zugemutet hatte. Kein Schmerz, keine Übelkeit, kein drohender Fall in Sichtweite, und dennoch nagte etwas an ihm, ein Gefühl, das er gewohnt war zu unterdrücken, bevor es sich bemerkbar machen konnte. Furcht oder Sorge wurde erstickt, noch ehe sie aufkeimen konnten, in dem sicheren Wissen, den Grund für seine Paranoia nur allzu gut zu kennen.
Und doch blieb die mahnende Stimme in seinem Inneren, tippte ihn konstant an, mit steigender Intensität, als wüsste sie von einem zukünftigen Ereignis, auf das sie vergeblich versuchte ihn hinzuweisen.
Jack drängte sie zurück, kämpfte dagegen an, dass sie Macht über ihn gewinnen, sein Leben bestimmen würde, und doch fand er sich, ohne es zu wollen, bei dem zweiten unnötigen Rundgang wieder.
Der Wind heulte leise um das Haus, seine Stärke hatte mit dem Beginn der Nacht zugenommen, ließ lose Bretter seufzen, wehte Blätter und Stroh über den Hof hinweg.
Das Unwetter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Möglich, dass Hank einer anderen Familie half ihr Heim zu sichern, und vielleicht auch dort Unterschlupf fand.
Sollte Jack noch etwas länger bleiben, würde es unvermeidlich sein, dass auch er die Menschen hier kennenlernte, ihr Leben beginnen würde, zu begreifen und Jack wusste nicht, ob ihm dieser Gedanke zusagte oder abschreckte.
Aber er hatte nicht vor zu bleiben. Gedankenabwesend kickte Jack einen hellen Stein beiseite. Natürlich gab es eine Menge Gründe Hank dankbar zu sein, vielleicht würde sich ihm doch noch ein Weg eröffnen, von dem er bislang nichts gewusst hatte, und dennoch... es war jetzt bereits zu kompliziert, erforderte zu viel von ihm. Er wollte nicht, konnte nicht so weitermachen, dessen war er gewiss.
Der Stein war geräuschvoll gegen eine leere Tonne gerollt. Die Pferde gaben ebenfalls alles, um sich Gehör zu verschaffen. Ein Unwetter, wie das vor ihnen liegende, beeinflusste Mensch und Tier in stärkerem Maße, als Jack gedacht hätte.
Der Druck, der in der Luft lag, presste seine Lungen zusammen, erschwerte es ihm Atem zu holen, ließ seine Hände zittern, als sie die Verriegelung des Stalles noch einmal kontrollierten.
Jack zuckte zusammen, als die Elemente erneut bewiesen, dass sie ebenso wie menschliche Wesen, fähig waren das Fürchten zu lehren. Der Wind zerrte an den geliehenen Kleidern, die er trug, versuchte, ihn in eine Richtung zu treiben, der er sich mit Mühe entgegen stemmte.
Plötzlich wurde es still. Die Natur hielt den Atem an, bereitete sich auf eine andere Art der Belustigung vor.
Jack sah sich um, erschauerte in der unerwarteten Ruhe, der Vorbotin eines größeren, wilderen Ereignisses.
Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit.
Jack erstarrte, gefror zum Standbild, und doch war es ihm, als würde nun endlich eintreffen, worauf er schon seit geraumer Zeit gewartet hatte. Wie achtlos von ihm anzunehmen, es könnte jemals anders sein, wie gefährlich auch nur mit dem Gedanken zu spielen, die Geister seiner Vergangenheit würden jemals bereit dazu sein, ihn aufzugeben.
“Sieht nicht aus, als hättest du mich erwartet.”
Die Gestalt trat langsam hervor, die Hände erhoben, die Andeutung einer Entschuldigung, als könnte sie es wirklich bereuen, seinen Versuch, dessen er sich nicht einmal bewusst gewesen war, seinen letzten Versuch Frieden zu finden, zu stören.
“Was tust du hier?” Jack suchte Halt an dem Stapel Feuerholzes, das sich neben ihm befand. Seine Stimme erschien ihm laut und hohl in der Finsternis.
“Ich habe dich gesucht, Jack. Als ich hörte, dass du aus China zurück wärest, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dich zu finden.”
“Warum, verdammt noch mal. Es gibt nichts, dass ich noch für dich tun könnte, mit Sicherheit nichts, dass ich tun wollte... für niemanden.”
“Mach dich nicht kleiner als du bist. Du hast mehr getan, als jemand anderes unter diesen Umständen für möglich gehalten hätte. Ohne dich wäre ich in der Todeszelle oder bereits unter der Erde.”
“Das war nicht mein freier Wille.”
“Erzähl mir nichts, Jack.”
Henderson bewegte sich, so dass das Licht der Laterne seinen scharfen Gesichtszügen Ecken und Kanten verlieh, die sie vor Jahren noch nicht besessen hatten.
“Du bist ein Mann, der seine Schulden stets begleicht, egal was es ihn kostet, egal wie lange er daran abbezahlt. Vergiss nicht, ich kenne dich seit deiner Jugend, besser als du dich selbst kennst. Du wirst mir nie etwas vormachen können.”
“Verschwinde, Christopher! Es gibt nichts, das wir zu besprechen hätten.”
Er schleuderte die Worte dem größeren Mann entgegen, keinen Hehl daraus machend, wie sehr ihn das Gespräch anwiderte.
“Beruhige dich, Jack.” Henderson lächelte schief. “Ich dachte, die letzten Jahre hätten dir die Augen darüber geöffnet, wem dein Hass in Wahrheit gelten sollte.”
“Halt den Mund. Ich habe nicht vor, mit dir darüber zu reden.” Jack machte Anstalten sich abzuwenden.
“Oh doch, das wirst du”, zischte Henderson und packte ihn am Arm. “Versuch es zu leugnen oder nicht, doch du weißt, dass wir für immer verbunden sein werden, und das nicht nur durch die CTU. Ohne mich wärest du nie zu dem geworden, der du heute bist.”
Wütend riss Jack sich los. “Soll ich dir dafür vielleicht auch noch dankbar sein? Ich wünschte, ich hätte die Stärke besessen, dich zu töten. Weiß Gott, dass kein Tag vergangen ist, an dem ich es nicht bereut habe, es nicht getan zu haben.”
Henderson lachte. “Du hast es nicht fertiggebracht, weil du im tiefsten Inneren weißt wie ähnlich wir uns sind. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, haben auf ein und demselben Schlachtfeld unsere Sporen verdient.”
“Lass mich zufrieden, Christopher. Du hast bekommen, was du wolltest. Ich will dich nie wieder sehen. Meine Schulden sind beglichen.”
Henderson schüttelte langsam den Kopf. “Das werden sie nie sein, Jack. Diese Art zu leben hat uns zusammengeschweißt, für immer. Alles andere wäre Illusion und es ist besser, du erkennst das jetzt.”
“Bist du jetzt völlig verrückt geworden?” Jack schrie beinahe.
“Kriech zurück in das Loch, in dem du die letzten Jahre verbracht hast. Besser für dich, wenn sich niemand mehr an deine Existenz erinnert, niemand, inklusive meiner Person.”
“Beruhige dich, Jack.” Henderson hatte ebenfalls seine Stimme erhoben.
“Du glaubst wirklich, du könntest verdrängen, was hier vorgeht? Du willst wirklich so tun, als hättest du keine Ahnung davon, inwieweit wir beide für immer verknüpft sein werden.”
Er kam näher, ungeachtet Jacks hastigem Versuch zurückzuweichen, der ihn über einen Balken stolpern, und gegen die Stallwand stürzen ließ.
“Ich brauche dich jetzt, Jack. Du hast ja keine Ahnung davon, was sich in der Welt tut. Dein Vater und sein Unternehmen...”
“Was hat mein Vater damit zu tun?” Jack keuchte. “Erwähne ihn noch einmal und ich bringe dich um!”
Henderson lachte spöttisch. “Als ob du dazu in der Lage wärst, Jack. Mach dir nichts vor. Ich kenne deine Schwäche. Hast du vergessen, wie oft ich dich von der Straße aufgelesen, deinen traurigen Körper in die Entziehungsklinik gebracht, alles getan habe, damit deine Familie nichts davon erfahren, damit nichts in deinem Lebenslauf landen würde?”
Sein Grinsen nahm diabolische Züge an. “Zumindest hast du wohl geglaubt, das niemand davon erfahren würde.”
“Das sind alte Geschichten. Die interessieren niemanden mehr. Lass mich, verdammt noch mal, in Ruhe damit!” Jack bemühte sich hochzukommen.
“Da irrst du dich. Mich interessiert das. Sogar sehr.”
Henderson starrte auf ihn hinunter.
“Dein alter Herr hatte Zeit seines Lebens noch einige Eisen mehr im Feuer, als er verlautbaren ließ, und ich will verdammt sein, wenn ich mir meinen Anteil daran entgehen ließe.”
Jack starrte ihn mit offenem Mund an. “Was soll das. Ich habe nichts damit zu tun, verschwinde endlich.”
Hendersons Grinsen gefror. “Und ob du damit zu tun hast, Junge. Du bist blutsverwandt. Interessiert es dich gar nicht, welche Kämpfe augenblicklich alleine an der Oberfläche ausgetragen werden? Hast du überhaupt die geringste Ahnung in wie vielen Unternehmen, vor allem in wie vielen illegalen Geschäften dein Vater seine Hände bis zu den Knöcheln stecken hatte?”
Sein Mund zuckte grimmig. “Ich habe ihm immer vertraut, und er hat es mir immer vergolten... bis... bis ihn mein ‘Tod’ von dieser Pflicht befreit hatte. Aber mit deiner Hilfe, mit deinem Namen, werde ich bekommen was mir zusteht.”
Jack gewann sein Gleichgewicht zurück.
“Vergiss es. Ich habe nichts damit zu schaffen.”
“Und wieder irrst du dich.”
Henderson seufzte, senkte resigniert den Kopf.
“Ich habe mir schon gedacht, dass es eine Weile dauern würde, dich zu überzeugen. Nach allem, das du getan hast, um deine Vergangenheit auszulöschen, vollkommen zu ignorieren...”
Er zögerte einen Moment. “Aber das ist nun mal nicht möglich. Niemand kann das. Am allerwenigsten jemand wie du, der sich an dem Gefühl schuldig zu sein festklammert, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.”
Seine Stimme wurde sanft. “Stell dir vor, du könntest frei sein davon. Was würde dir noch bleiben? Wer würdest du dann sein?”
“Lass mich zufrieden.”
Jack stieß ihn beiseite, erntete nur ein erneutes Lachen.
“Das würde ich, Junge, das würde ich. Aber ich glaube nicht, dass es in deinem Interesse läge.”
“Ich verschwinde jetzt, Christopher, und ich will dich nie wieder sehen.”
“Was stellst du dir vor?”
Der andere folgte ihm. “Du willst dich hier verstecken? Für wie lange?”
Er lachte wieder. “Hast du eine Ahnung, wie viele Leute dich suchen, seitdem bekannt wurde, dass du zurück bist? Der Durst nach Rache hat dich aus dem Gefängnis geholt, was glaubst du, wozu er die Menschen treiben kann, die diese Mühen nicht auf sich nehmen müssen. Ich habe dich hier gefunden. Was denkst du denn, wie schnell dich andere hier finden werden?”
“Ich bleibe nicht!”
“Und wohin willst du gehen?”
Henderson legte Jack eine Hand auf die Schulter, brachte ihn dazu, stehen zu bleiben.
“Wohin, Jack? Wohin, wenn es nur eines gibt, das du dir wirklich wünscht, das du wirklich brauchst.”
Jacks Knie drohten nachzugeben, ein Schauer durchfuhr ihn, und er zweifelte daran, dass der wieder aufkommende Wind ihn auslöste, der die gespenstische Zeit der Stille mit erneutem Durcheinanderwirbeln von Natur und Gedanken, rapide beendete.
“Was für eine seltsame Idee von dir... ausgerechnet ein Ort wie dieser.”
Hendersons Griff verstärkte sich.
“Das passt nicht zu dir, Jack. Das ist nicht deine Welt. Du hast etwas Besseres verdient, etwas anderes, genau wie ich.”
Jack zitterte.
“Und du wirst es bekommen. Komm mit mir!”
Jack drehte sich langsam um, und sein Blick fiel auf Hendersons freie Hand, die sich ihm ausgestreckt und weit geöffnet darbot. In ihrer Mitte, angeleuchtet von der Laterne, überirdisch schön und verlockend, lag eine schmale Spritze und ein winziges Päckchen Heroin.
* * * * *
“Ich hab mehr, Jack. Ich habe genug für dich. Du brauchst dich nicht mehr zu quälen.”
Jack schluckte trocken.
“Ich will es nicht, Christopher,” antwortete er heiser. “Verschwinde von hier, und... und nimm das mit!”
“Mach mir nichts vor, Jack. Ich weiß, wie das ist, wie es sich anfühlt. Du willst es, deine Gedanken kreisen nur um das Eine, und so wird es auch bleiben, bis zu dem Tag, an dem du deine Augen für immer schließen wirst.”
“Ich will es nicht.” Jacks Stimme klang rau, nicht viel mehr als ein Hauch, ein Räuspern entfuhr ihm, und doch wich er nicht.
“Lüg mich nicht an Jack, ich weiß es, wenn du lügst. Ich habe es dir beigebracht.”
“Lass mich... geh... bitte...”
Statt dessen kam Henderson langsam näher, so nah, dass er die Wärme des anderen, sein Zittern spüren konnte, den Atem, der rascher ging, je länger die blauen Augen auf die Handfläche des ehemaligen Mentors gerichtet blieben, als könnten sie sich nie wieder davon lösen, wären für immer an diesen Anblick gebannt.
Früher oder später würde Jack nachgeben, würde er schwach werden. Er hatte keinen Grund es nicht zu tun, nichts, das ihn davon abhalten würde.
Hendersons Augen funkelten. Egal was Jack sagen oder tun mochte, der innere Kampf war längst entschieden.
Die Hand an Jacks Schulter packte kräftiger zu, fühlte die Anspannung in Muskeln und Sehnen über den Knochen.
“Ich werde nicht aufgeben, Jack”, flüsterte er, während er sich nach vorne beugte. “Stell dir nur vor, was wir erreichen könnten.”
Jacks Herz trommelte, sein Blut rauschte im Verlangen, und er wusste, dass Henderson es ebenso hören konnte wie er, dass er die Aussichtslosigkeit seines Kampfes ahnte. Er musste jetzt handeln, oder es würde zu spät sein, musste etwas tun, sich losreißen, solange er es noch konnte.
Mit einem schrillen Laut der Verzweiflung wand er sich aus dem Griff der spinnenartigen Finger, taumelte einen Schritt zurück, erneut gegen die Holzwand stolpernd. Er wusste nicht, was ihn dazu zwang, woher er die Kraft nahm zu widerstehen, während alles in ihm danach schrie, nachzugeben, verdrängte Bilder seinen Geist umnebelten, Bilder von Augenblicken, in denen die Droge ihn gerettet hatte, in denen er geglaubt hatte, von ihr gerettet worden zu sein.
“Ich... ich will nichts mit dir zu tun haben... nie mehr...”, stammelte er, kalter Schweiß auf seiner Stirn. “Und ich warne dich, Christopher. Komm mir nicht noch einmal zu nahe.”
“Was willst du tun, Jack?” höhnte der andere.
“Sieh dich an. Du bist ein Wrack, ein Junkie, ausgezehrt, fertig... was willst du noch?” Er schüttelte den Kopf.
“Ich gebe dir noch eine Chance. Mit mir zusammen hast du Möglichkeiten, nach denen jeder andere sich alle zehn Finger lecken würde. Wir können dieses Land verlassen und endlich das kassieren, wofür wir unser Leben geopfert haben. Wir beide... nichts würde uns aufhalten.”
“Niemals!”, presste Jack zwischen seinen Zähnen hervor.
“Nun mach dich nicht lächerlich, Jack! Du hast nichts zu verlieren, genauso wenig wie ich.”
Henderson überlegte einen Moment, fixierte des anderen Brust, die sich panisch hob und senkte.
“Du willst jetzt keinen Fix?” Er schloss seine Hand um die dargebotenen Utensilien.
“Ist kein Problem, ist gar kein Problem. Später ist auch noch Zeit, du hast dein ganzes Leben noch Zeit high zu werden.”
Er zwinkerte. “Wie klingt das für dich? Leugne es nicht, ich weiß von deiner Zeit in Mexico, manchen Leuten gegenüber hat Salazar kein Blatt vor den Mund genommen.”
“Du verdammter Mistkerl!”
Henderson zuckte mit den Schultern. “Meinetwegen hasse mich, verabscheue mich bis aufs Blut, aber erkenne deine Chancen. Es wird dich nicht viel kosten, aber am Ende werden wir das besitzen, was Philip niemandem jemals gegönnt hätte. Und erzähl mir nicht, dass dies kein angenehmes Gefühl der Rache wäre.”
“Ich brauche das nicht, ich will das nicht.”
“Zum Teufel, Jack!”
Henderson bemühte sich seinen Ärger hinunterzuschlucken. “Sieh endlich ein, dass es nicht deine Entscheidung ist.”
In seinen Augen brannte der Zorn. “Meine Geduld neigt sich allmählich dem Ende zu. Du weißt ich kenne Mittel und Wege... “
Blitzschnell ließ er Spritze und Droge in den Staub fallen, griff an den Gürtel unter seiner Jacke und zog eine großkalibrige Pistole hervor, die er ruhig auf Jack richtete.
“Du weißt auch, was so ein Baby anrichten kann. Ich muss dich nicht töten, zumindest nicht gleich. Aber du würdest dir wünschen, tot zu sein.”
Jacks Augen hefteten sich an die blitzende Waffe.
“Was soll das, Christopher? Du glaubst wirklich, dass ich mich davor fürchte, dass ich mich vor dem Tod oder vor Schmerzen fürchten würde?”
Mehr noch als Ärger schwang Erstaunen in seiner Stimme mit.
Langsam entsicherte Henderson die Waffe. “Ich weiß, dass du das nicht tust, Jack. Besser gesagt, ich weiß, dass du deine Furcht im Griff hast.”
Seine Mundwinkel verzogen sich. “Aber ich weiß nicht, inwieweit du sie im Griff hast, sollte es um jemand anderes, als um dich gehen.”
Er lächelte schließlich. Ein schauriges, kaltes Lächeln.
“Sag was du willst, doch ich weiß genau, dass die Hilfeschreie so mancher Leute den Panzer durchdringen würden, den du um dich errichtet hast. Willst du dir das wirklich zumuten... oder ihnen? Willst du es uns allen so schwer machen?”
Er zielte auf Jacks Brust.
“Du weißt auch, wozu ich in der Lage bin, dass ich keine Skrupel kenne, wenn es darum geht ein Ziel zu erreichen.”
“Schieß doch, Christopher. Mach dem ein Ende!” Jack flehte beinahe.
Henderson lachte. “So einfach wird es nicht, so einfach ist es niemals. Ich könnte dich verletzen, könnte dich so schwer verletzen, dass du mir ausgeliefert bist. Ich könnte einem Menschen, der dir noch etwas bedeutet, ich denke da an die kleine Kim, solange leiden lassen, bis du alles tust, was ich von dir will. Es gibt viel, das ich...”
Er schoss.
Die Kugel drang so nah neben Jacks Kopf ins Holz, dass sich Splitter in seine Haut bohrten.
“... so viel, das ich tun kann. Doch ich denke, ich sollte damit beginnen, dich ein wenig bewegungsunfähiger zu machen. Du weißt, was eine kleine Verletzung an der Wirbelsäule ausrichten kann. Es sei denn... du würdest deine Meinung noch einmal ändern und dich entschließen zu kooperieren.”
“Das werde ich nicht, niemals. Tu, was du nicht lassen kannst. Ich warte.”
Jacks Verzweiflung verwandelte sich in Ärger. “Nun mach schon, Christopher, verdammt!”
* * * * *
Etwas sauste zischend durch die Luft, durchschnitt sie wie der unvermeidliche Blitz, der nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte.
Henderson heulte auf, Entsetzen mischte sich mit Überraschung, als er die Waffe aus seiner Hand gleiten sah, unfähig den Abzug zu drücken. Mit vor Grauen weit aufgerissenen Augen hob er die Hand vor sein Gesicht, die durchbohrt war von einem langen, schmalen Messer mit Ledergriff. Er keuchte, als er das Blut beobachtete, wie es die zerstörte Handfläche hinunter strömte. Ein weiterer Schmerzenslaut entfuhr seinen Lippen, bevor er den hasserfüllten Blick auf Jack richtete, der ihm immer noch bewegungslos gegenüberstand, gehalten von der morschen Bretterwand, an die er lehnte.
Doch nun nicht mehr. Als würde der Hass, den Henderson ausstrahlte, durch die Pforten von Jacks Augen absorbiert, aufgenommen in die Tiefen seiner Seele, erschütterte ihn über lange Jahre aufgestaute Wut donnergleich, und zornbebend stürzte er vorwärts. In seinen Ohren gellte ein Laut, der der Macht einer Explosion gleich kam, der hörbare Anteil einer sich entladenden Macht. Und weder er noch Henderson erkannten in diesem Augenblick, dass es sein eigener Schrei war, der das Toben der Natur übertönte.
Denn als besäße er die Herrschaft über die, sich bis jetzt noch zurückhaltenden Elemente, brach das Unwetter in diesem Moment, in dem sich auch sein Zorn nicht mehr gefangen halten ließ, mit erd-erschütternder Gewalt über sie herein, fuhren Blitze aus dem aufgewühlten Himmel herab, hallte Donnerschlag zeitgleich, wurde übertönt durch das plötzliche Öffnen der grimmigen Wolken, deren gewaltige Wassermassen Sturzbächen gleich auf sie nieder prasselten.
Und Jack fand sich wieder auf der Erde, über seinem ehemaligen Mentor, den schlaffen Körper auf den Boden gepresst, das verzerrte Gesicht, den hageren Oberkörper wieder und wieder mit seinen Fäusten bearbeitend, unfähig sich zurückzuhalten, unfähig den mörderischen Hass einzudämmen, der ihn zwang mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf Henderson einzuschlagen, ungeachtet der Wunden, die bereits seine Züge entstellten, die aufklafften und denen dunkles Blut entströmte, das sich mit dem kalten Regen vermischte. Ungeachtet der Tatsache, dass Henderson längst aufgehört hatte sich mit seinen Händen, der verwundeten ebenso wie mit der gesunden, schützen zu wollen, ungeachtet der langsam mit dem Bewusstsein wiederkehrenden Erkenntnis, dass er einen Körper bearbeitete, aus dem das Leben längst entflohen war.
Er schlug ihn weiter, bis seine Fäuste blutenden wie der stille Leib, den sie malträtierten, hörte nicht auf damit, bis andere Hände, stärkere als die Seinen, ihn fortzogen, ihn hochrissen und festhielten, bis sich das Brüllen in seinem Inneren beruhigt hatte, bis er in der Lage war die gekrümmte Gestalt auf dem Boden als das zu sehen, was sie war, eine Hülle, die kein Hass, kein Mitleid mehr erreichen konnte.
Der Regen wusch über sie hinweg, das Gewitter tobte ohne Unterlass, doch in Jack war es ruhig. Er stand regungslos inmitten des Schlammes und der Pfützen, die sich bildeten, fühlte nichts außer Hanks Armen, die ihn immer noch festhielten, unerbittlich, ähnlich eines Schraubstockes, als fürchte er noch größeres Unheil.
* * * * *
Hank spürte, wie Jack zu sich kam, wie er seinen Verstand zurückgewann, die Lage begann, zu begreifen, und dennoch ließ er ihn nicht los, fühlte, dass er die Reaktionen des Anderen nicht einschätzen konnte.
Er hatte sich beeilt, sich nicht darauf verlassen, dass Jack Vorkehrungen für das Unwetter treffen würde. So wie die Dinge lagen, hätte der Mann auch jederzeit Hals über Kopf, verschwinden können, ohne ihm einen Hinweis oder eine Spur auf seinen Verbleib zu hinterlassen. Und es wäre sein gutes Recht gewesen, sie hatten niemals darüber gesprochen, keinerlei Verhaltensregeln vereinbart.
Trotzdem hatte er erleichtert aufgeseufzt, als er erkannte, dass die Tiere in Sicherheit und die Anlagen befestigt worden waren. Keineswegs zu spät, denn der Sturm war im Beginn loszubrechen.
Und nicht nur der Sturm. Etwas anderes war ebenfalls in Unordnung, er hatte nur nicht bestimmen können, was es war.
Erst als er die beiden Männer vor sich sah, seine erprobten Augen die Dunkelheit scharf durchdrangen, erkannte er die Gefahr, die dieses Mal nicht von den Kräften der Natur ausging. Ohne zu überlegen, hatte er sein Messer gezogen und die drohende Gestalt, die eben im Begriff gewesen war, abzudrücken, mit einem gezielten Wurf entwaffnet.
Womit er nicht gerechnet hatte, war Jack.
Jack, dessen Augen im Aufflackern des Blitzes einen erschreckenden Ausdruck zeigten, dessen Zorn an Besessenheit, an Wahnsinn zu grenzen schien, als er sich mit einem Schrei auf den größeren Mann stürzte und die schmerzgelähmte Gestalt umriss.
Jack der seine Kontrolle aufgegeben hatte, als er den Kopf des Anderen auf den Boden schlug, mit beiden Händen, wieder und wieder, bis er aufplatzte.
Jack, der auch dann nicht davon abließ, den leblosen Körper weiter mit seinen Fäusten zu bearbeiten, als würde er immer noch eine Bedrohung für ihn darstelle.
Jack, dessen Sinne in einer rot gefärbten Welt aus Blut untergingen, der sich im Rausch der Gewalt verlor.
Endlich hatte Hank wieder zu sich gefunden und den tobenden Mann von seinem Opfer weggerissen. Was auch immer zwischen den beiden gestanden hatte, es würde für immer ungelöst bleiben.
Langsam beruhigte sich Jacks Atem, die Wut verflog ins Nichts. Übrig blieben die Spuren dessen, was geschehen war, der vergebliche Versuch, es zu begreifen.
“Oh Gott!”
Ein Donnerschlag verschluckte die gehauchten Worte, ausgestoßen, nachdem die gezackte Konzentration an Elektrizität, den mit glänzender Flüssigkeit überströmten Leichnam gespenstisch erleuchtet und dann wieder zurück in die Dunkelheit gesandt hatte.
Vorsichtig lockerte Hank seinen Griff, spürte, dass der andere Mann wieder Herr seiner Sinne war, der tobende Dämon seinen Rachedurst gestillt hatte.
“Was habe ich getan?”
Jack hob die blutbefleckten Hände vor sein Gesicht, seine Knie gaben nach, und er sank kraftlos auf die Erde, weigerte sich instinktiv das Ausmaß seines Ausbruches zu erfassen.
“Er ist tot.”
Hank biss die Zähne zusammen. “Wir müssen uns jetzt entscheiden.”
“Was... entscheiden?”
Jack blickte verwirrt zu ihm auf. Der Regen stürzte mit unvermittelter Kraft auf sie hinab, als würde er versuchen alle Spuren zu ertränken. Die Kleider klebten schwer an ihrer Haut und durch die Dunkelheit, durch den Vorhang aus Wasser trafen sich ihre Augen, Jacks groß und verwirrt, Hanks hart und entschlossen.
Er presste seine Lippen zusammen, bückte sich hinunter und zog Jack aus dem Matsch, der schwarz schimmernd an ihm haften blieb wie Pech.
Er brachte die Lippen zu des kleineren Mannes Ohr. “Wer weiß, dass er hier ist.”
Jack erschauerte, sein Blick suchte Henderson, klebte fest an der äußeren Schale, die einst ein Mensch gewesen war.
Mühsam schüttelte er den Kopf.
“Niemand... er... er ist auf der Flucht... war...”
Er verstummte.
Hank richtete sich auf. “Dann bringen wir ihn zu den Behörden. Es war Notwehr.”
“Nein!” Jack stöhnte auf. “Nein... bitte Hank. Tu das nicht... Ich, ich kann nicht...”
Hank wartete, doch Jack war außerstande weiterzusprechen. Er versuchte die Laute hervorzubringen, doch nichts als stumme Hilferufen verloren sich in der Gewalt des Regens.
Eine Zeitlang standen sie so, bemüht zu verstehen und sich zu verständigen, und die Minuten dehnten sich bis zur Unendlichkeit. Endlich senkte Hank seinen Blick, signalisierte dem anderen eine Entscheidung getroffen zu haben.
“Es ist gut Jack, wir finden eine Lösung. Ich verspreche es.”
* * * * *