Ein erster Disclaimer:
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit.
Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann.
Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin darzustellen. Dies ist Fiktion ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
* * * * *
Titel: Verloren, V
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol...
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
* * * * *
Die Blitze zuckten nur noch vereinzelt in der Ferne. Der Donner war zu einem tiefen Grollen mutiert, das die düstere, höllische Atmosphäre unterstrich.
Der Regen schlug mit unverminderter Kraft auf sie ein, sintflutartig überschwemmten die Wassermassen das Gelände, hatten es selbst dem an Anforderungen gewöhnten Geländewagen Hanks erschwert, sich seinen Weg durch die Nacht zu erarbeiten, ohne hilflos steckenzubleiben.
Und nun, gleich Gestalten einem Horrorfilm entsprungen, arbeiteten sie besessen, die Hitze die ihren zum Zerreißen gespannten Nerven entströmte, der einzige Schutz gegen die unerbittliche Kälte des tränenden Himmels.
Jack zitterte dennoch. Die Anspannung forderte ihren Tribut. Kaum war er in der Lage den Spaten zu heben, stolperte mit dem verzweifelten Versuch.
Hank arbeitete stetig und ruhig. In rhythmischen Bewegungen senkte er die Schaufel in den Boden, löste die schwere Erde aus ihrem Bett und vergrößerte so Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, das Loch, das er entschlossen war, so tief wie möglich auszuheben.
Hendersons Leiche ruhte neben ihnen, in eine Decke gerollt, geduldig darauf wartend, ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt zu werden.
Endlich war das Grab groß und breit genug, einen Menschen aufnehmen zu können, bot die rutschige Erde Hanks Füßen genügend Widerstand, um aus seinen Tiefen empor zu klimmen.
Zusammen ergriffen sie die starre Figur und warfen sie hinunter, wo sie in der Pfütze, die sich bereits angesammelt hatte, aufklatschte und versank.
Sie standen reglos für einen Moment, überließen dem Regen die Mühe, sie von ihrer Schuld rein zu waschen, bevor sie begannen die Spuren ihrer Tat wieder mit Erde zu bedecken.
Erschöpft blickten sie sich an, ihre Augen trafen sich über den Ort, der Henderson nun verbergen sollte, bis nichts mehr an ihn würde erinnern können.
Schließlich ergriff Hank die Werkzeuge, signalisierte der undeutlichen Gestalt ihm gegenüber , dass es Zeit wäre, den Rückweg anzutreten. So gut als möglich war die Stelle unkenntlich gemacht worden, Gräser und Zweige würden die Aufmerksamkeit ablenken, selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass jemand diesen versteckten Ort aufsuchen sollte.
Keine Wort fiel, kein Laut lenkte vom Rauschen des Regens ab, der mittlerweile gleichmäßig fiel, die Trockenheit der vergangenen Wochen innerhalb einer einzigen Nacht versuchte, in Vergessenheit zu bringen, als könnte er damit etwas wieder gut machen, das nicht mehr gut zu machen war.
Wie durch ein Wunder fanden die Räder des Wagens Halt in dem schlüpfrigen Untergrund, erlaubten ihnen fortzukommen, durch das sich mittlerweile beruhigte Unwetter den Heimweg anzutreten.
Immer noch schweigend verließen sie das Fahrzeug, entledigten sich der schmutzverkrusteten Kleider und begannen die an ihnen haftenden Spuren hastig von ihrer Haut zu entfernen.
Stille verband, unterbrochen lediglich durch das Geräusch des plätschernden Wassers mit dem sie sich säuberten, untermalt von dem ständigen Hämmern des Regens über ihnen, der das Dach des Hauses traf.
Eine dunkle und eine helle Gestalt, für immer verknüpft durch ein gemeinsames Geheimnis.
Hank warf Jack ein grobes Handtuch zu, und schließlich verließen sie barfüßig und unbekleidet den Raum, der als Bad diente, tappten die Treppe hinauf.
Wie selbstverständlich folgte Jack Hank zum ersten Mal in sein Zimmer, wo der Größere immer noch ohne ein Wort fallen zu lassen, den Schrank ansteuerte und aus seinen Tiefen ein paar Kleidungsstücke zog, die er nachlässig auf das, mit einer kunstvoll geknüpften Decke verzierten Bett warf. Beiden klapperten vernehmlich die Zähne, und so zögerte Jack nicht lange und schlüpfte hastig in den wärmenden Stoff.
Er schlug die, von viel zu langen Ärmeln bedeckten, Arme über seiner Brust zusammen, vielleicht um sich zu schützen, vielleicht um nicht noch mehr auszukühlen, und sprach endlich zu Hank, der die langen Haare mit einem in der Dunkelheit kaum erkennbaren Fetzen, der ebensogut auch ein Kleidungsstück hätte sein können, trocken rieb.
“Es tut mir leid, dass ich...”
Er stockte unsicher.
“Ich sollte dir wohl erklären...”
“Ja.” Hank hielt in seiner Bewegung inne. “Irgendwann einmal Jack. Aber nicht jetzt.”
“Ich...”
Ein gefährliches Glitzern in Hanks Augen hielt ihn ab davon weiterzusprechen.
“Dafür ist jetzt nicht die Zeit, Jack. Wir müssen es ruhen lassen.”
“Aber...”
“Ich habe genug gesehen, um mir vorstellen zu können, was passiert ist, und warum es passiert ist. Alles andere kann warten.”
Der Dunkelhaarige trat einen Schritt vorwärts. Jack konnte es nicht verhindern, dass er unwillkürlich zurückzuckte.
Hank seufzte und blieb stehen. Seine Stimme klang ruhig und sanft mit seinen nächsten Worten, vermittelte die Entspannung und den Trost, der notwendig war.
“Ich gehe jetzt und kümmere mich um den Rest, während du versuchst dich aufzuwärmen. Eine Lungenentzündung wäre mit Sicherheit nicht hilfreich, und deine Abwehr war bereits angegriffen. Und dann gehst du schlafen.”
Der Anflug eines Lächelns flog durch den immer noch nur schwach vom spärlichen Licht des Ganges erleuchteten Raum.
“Du wirst noch genug Zeit für Erklärungen haben.”
Erst als Hank sich umgedreht und das Zimmer verlassen hatte, registrierte Jack das Ausmaß seiner Erschöpfung. Der Raum begann sich um ihn zu drehen, und Halt suchend sank er nieder, gerade noch in der Lage die Kante des Bettes zu ergreifen und sich daran auf die Decke zu ziehen, die sich unerklärlich weich an seinen Körper schmiegte. Unfähig sich wieder zu erheben, tastete er um sich, zog den Stoff, den er greifen konnte näher und rollte sich zusammen, bevor die Welt in Vergessenheit versank.
* * * * *
Er konnte nicht erkennen, wie viel Zeit vergangen war, noch nicht einmal wo er sich befand war ihm im ersten Augenblick des Erwachens bewusst.
Benommen schlug Jack die Augen auf und fand sich in vertrauter Umgebung wieder. Er musste vollkommen weggetreten, außerstande gewesen sein zu bemerken, wie Hank ihn in sein eigenes oder besser gesagt in sein gewohntes Bett geschafft und warm eingewickelt hatte.
Er schwitzte und schlug die Decken beiseite, ebenso wie die Kissen, von denen er wusste, dass sie einen exotischen Duft verströmten, wenn er an ihnen schnupperte.
Beinahe belustigt schüttelte er den Kopf über die ungewohnte Fürsorge, gleichermaßen peinlich berührt ob seiner eigenen Hilflosigkeit, und seltsam ergriffen, von der Mühe, die sich ein immer noch Fremder mit ihm machte.
Es war zu lange her, als dass sich jemand um ihn gekümmert hatte, die Erinnerungen an solche Zeiten waren verschwommen und Jack bezweifelte ernsthaft, dass die Bilder in seinem Kopf der Wahrheit entsprachen. Wahrscheinlicher war es, sie als Wunschdenken abzutun, zu abwegig blieb die Vorstellung, zu wenig fassbar die flüchtigen Eindrücke, die verschwunden waren, bevor sie verarbeitet werden konnten.
Es war so ungewohnt, dass das unangenehme Gefühl daran schließlich den Sieg davontrug, und er sich entschlossen aufrichtete. Der Raum drehte sich in gewohnter Weise für einen Moment, aber schneller als erwartet kam die Bewegung zum Stillstand.
Was auch immer Hank getan hatte, es hatte die beinahe unvermeidliche Erkältung anscheinend verhindert, beinahe ein Wunder nach der Gewalt des Unwetters.
Das Unwetter - schlagartig kehrten die Bilder zurück - das Gewitter - Henderson - was er getan hatte - was sie getan hatten.
Seine Hände begannen zu zittern und mit einem ärgerlichen Laut brachte er sie zum Stoppen.
Verdammt noch mal, er hatte mehr Menschen auf dem Gewissen, als sich irgend jemand vorzustellen vermochte, hatte den Tod von allen erdenklichen Seiten gesehen und erfahren. Er musste es gewohnt sein, die Schuld, den Schmerz, die Trauer, die Selbstvorwürfe... den Verlust dessen, was ihn ausmachte, das mit dem anderen starb, ob er ihn geliebt oder verabscheut, kaltblütig ermordet, oder vergeblich versucht hatte, ihn zu retten. Das Ergebnis blieb immer das Gleiche. Er lebte, und er musste damit zurechtkommen.
Warum nur erschütterte ihn nun Hendersons Verlust mehr, als ihm logisch erschien.
War es das Unerwartete seines Auftretens gewesen oder sein eigener, geschwächter Zustand?
War es vielleicht der Einfluss, den er auf ihn ausgeübt hatte, damals... als er versucht hatte den Klauen seines übermächtigen Vaters zu entkommen, als er jemanden gesucht, jemanden gebraucht hatte, ohne es zu wissen. Damals, als er allein und unglücklich war, das Leben wie ein Strom brodelnder Lava vor ihm lag, heiß und gefährlich, mitreißend, doch ohne Ziel. Als er eine Leitfigur gesucht und gefunden hatte, jemanden, der ihn anders sah, der etwas in ihm entdeckte, dass es sich zu fördern lohnte, und der ihn in eine neue, unbekannte Richtung geführt hatte, in ein Gebiet, das ebenso erschreckend wie faszinierend für ihn gewesen war, ein Gebiet, das ihm einen Weg bot, seiner Wut eine Richtung zu weisen, einen Sinn und einen Zweck zu verleihen.
Doch nur solange, bis er die andere Seite gesehen hatte, bis er gezwungen war zu fühlen, was der Verlierer des Spieles fühlen musste, bis er wusste wie es war, das Opfer zu sein.
Und immer noch war es Henderson gewesen, der ihn vor Schlimmerem bewahrt hatte, der ihm die Mittel in die Hand gegeben hatte, sich weiter voran zu schleppen, egal wie sehr sich alles in ihm dagegen gesträubt hatte.
Er hatte sich geweigert sein wahres Gesicht zu sehen, hatte das Bild des Mannes, der ihm vor unzähligen Jahren auf die Beine geholfen, sich seiner angenommen, ihm mehr bedeutet hatte, als er jemals irgend jemandem gegenüber zugegeben hatte, noch nicht einmal Teri gegenüber,
bewahrt, sich daran festgehalten, solange es möglich gewesen war.
Denn wenn er zugegeben hätte, was Henderson getan hatte, was er mit ihm getan hatte, wozu er ihn gebracht hatte, dann, das wusste er, blieb ihm nichts mehr. Dann war sein Leben eine Aneinanderreihung von Lügen und von Fehlern, dann hatte er die eine Welt, die er verabscheut hatte, gegen eine andere eingetauscht, die ebenso schlimm, wenn nicht sogar erheblich verwerflicher war.
Er hatte nicht gewusst, wie schwer diese Last in den letzten Jahren gewogen hatte, wie stark die Bänder ihn noch an den Mann gefesselt hatten, trotz allem, was er getan hatte. Und noch weniger hatte er gewusst, wie groß der Hass war, den er in sich trug, der sich explosionsartig entladen, der ihn auf einer Welle der Gewalt getragen, mit dem einzigen Wunsch zu töten, der alles andere beherrscht hatte, jeden klaren Gedanken ausgeschlossen.
Hätte er klar denken können, so hätte er gewusst, dass der Tod keine Befreiung war, dass jemandem das Leben zu nehmen, keine Lösung, keine Erleichterung darstellte, dass der Schrecken der Tat den Wunsch nach einer Antwort lediglich betäubte, niemals jedoch die Angst fortnehmen konnte.
Jack rieb sich den mittlerweile kalten Schweiß von den Schläfen.
Es hatte keinen Sinn darüber nachzugrübeln, es würde nichts ändern.
Seine Beine fühlten sich an wie Gelee, als er schließlich aufstand und die paar Schritte auf die Tür zuging.
Die beiden Männer auf dem Regal grinsten ihn freundlich an, als wollten sie ihm Mut zusprechen, und Jack drehte sich noch einmal um und betrachtete die jugendlich unschuldigen Gesichtszüge. War er jemals so frei, so glücklich gewesen, wie die beiden wirkten. Unbeschwert und strahlend, ihrem Leben ohne Altlasten entgegentretend, den Augenblick genießend, als wäre es ihr erster und ihr letzter gleichermaßen.
Eine Woge des Neides erfasste Jack und riss ihn mit sich. Seine Fäuste ballten sich, und er biss die Zähne aufeinander, bis es schmerzte, bis ihn der Schmerz wieder zur Besinnung brachte.
Was konnte er wissen von dem Leben, das sie geführt hatten. Es konnte seine Höhen gehabt haben, ebenso wie seine Tiefen. Tiefen, die möglicherweise ebenso abgründig gewesen waren, wie diejenigen, die er durchschritten hatte. Wie kam er darauf, dass es eine Idylle gewesen sein konnte? Von dem breiten Lächeln, das ebenso für den Fotographen hätte bestimmt sein können, und vielleicht mit dem Auslösen der Kamera ein für allemal erloschen war. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie keine Dramen mit sich herumtrugen, im Gegenteil.
Jack fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Was wusste er?
Dass Hank ein einsames Leben in einem Reservat führte? Dass er befreundet gewesen war mit einem Mann, der gestorben war?
All das schien kein Grund für außergewöhnliche Fröhlichkeit zu sein, und vor allem auch kein Grund ihn zu beneiden. Und doch konnte Jack nicht anders, konnte es nicht verhindern.
Doch dann waren da die Geschehnisse der vergangenen Nacht, die Selbstverständlichkeit, mit der Hank gehandelt hatte, ohne Fragen zu stellen.
Der Mann blieb ein ungelöstes Rätsel, ein Enigma für ihn, seine Beweggründe unverständlicher denn je.
Jack stöhnte.
Er würde es nie erfahren, wenn er hier oben bliebe.
Die nachlassende Intensität des Lichtes, das durch das immer noch mit einem grauen Schleier versehene Fenster drang, wies bereits auf Nachmittag oder frühen Abend hin, ohne jedoch zu erkennen zu geben, wie oft die Sonne auf und unter gegangen sein mochte, seit den Geschehnissen der Nacht des Unwetters.
Jack leckte sich die trockenen Lippen. Er hatte Durst und es half alles nichts, er würde sich dem stellen müssen, das ihn erwartete.
Auf dem Weg nach unten blinzelte er gegen die Lichtstrahlen, die sich in dem kleinen Spiegel, der im Eingang des Hauses hing, bündelten und in ihrer konzentrierten Kraft zu versuchen schienen, ihn aufzuhalten.
Hank war da, er spürte es, noch bevor er ihn sehen konnte.
Mit dem Rücken zu ihm stand er am schiefen Küchentisch, der mit jeder seiner Bewegungen leicht wackelte. Ungeachtet dessen arbeitete er an etwas, das Jack nicht erkennen konnte.
Sein schwarzes Haar umgab ein blauer Schimmer, ein seltsamer Glanz, der Jack bisher nie aufgefallen war.
“Hey”, machte er sich bemerkbar, obwohl er sich sicher war, dass Hank ihn bereits lange vorher gehört hatte, es vermutlich jedesmal bemerkte, wenn er sich auch nur im Schlaf drehte.
Einen Augenblick wunderte sich Jack über die Fähigkeiten, die er dem Mann zugestand, ohne zu wissen warum, ohne einen Grund oder einen Beweis dafür zu besitzen.
“Hey”, antwortete der andere, ohne sich umzusehen.
Eine leichte Drehung des Körpers erlaubte Jack jedoch einen kurzen Blick auf seine Arbeit, die aus nichts Geheimnisvollerem als aus dem Zerkleinern von Substanzen in einer Art Mörser zu bestehen schien.
“Wie geht es dir, Jack?”
“Ich bin okay.” Er zögerte. “Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Und... und ich muss dir schon wieder danken.”
Er verfiel in Schweigen, betrachtete den sehnigen Rücken, dessen Muskeln unter dem dünnen Hemd arbeiteten, sich mit jeder Bewegung der Arme anspannten und wieder entspannten, der Oberfläche eines Gewässers gleich, das von unsichtbaren Kräften getrieben anschwillt und abnimmt, steigt und fällt, in einem für Menschen unerklärlichen Rhythmus.
“Und dann schulde ich dir auch noch die eine oder andere Erklärung... denke ich...”
Hank hielt einen Augenblick inne. Dann ließ er seinen Atem hörbar entweichen und griff eines der Gläser rechts von ihm.
Vorsichtig füllte er das Pulver aus dem Mörsergefäß hinein und verschloss es sorgfältig, bevor er sich zu Jack umdrehte.
“Wir müssen das verschieben.”
Er streifte den kleineren Mann mit einem prüfenden Blick, bevor er an ihm vorbeiging, den oft gebrauchten Rücksack packte und wieder in die Küche zurückkehrte.
Jacks empfindliche Sinne registrierten den Luftzug, den eigenen, beinahe moschusartigen Geruch, der Hank schon immer umgeben hatte, und der ihm bisher nie aufgefallen oder auch nur in sein Bewusstsein gedrungen war.
“Es tut mir leid,” murmelte Hank, während er verschiedene Gegenstände sammelte und einräumte.
“Ich habe eine Nachricht bekommen und muss sofort los. Es scheint eine Art Notfall zu sein, und ich werde wohl nicht so bald zurück sein.”
Er wandte sich um und blickte Jack an, der Blick unergründlich, tiefschwarz wie Pech.
“Ich lasse dich ungern allein, wir sollten...”
Er seufzte und nahm den Rucksack auf. “Ich weiß auch nicht”, gab er mit einem Mal zu, seine Unverblümtheit unerwartet und entwaffnend.
Jack trat auf ihn zu, berührte ihn kurz am Arm, als wolle er ihm etwas versichern.
“Das geht in Ordnung, Hank. Ich... es... es ist nicht so, dass ich reden wollte, das Ganze ist... schwierig.”
“Ja.” Hank nickte.
“Es muss einfach warten... Wir werden einfach warten.”
Jack wollte zustimmen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Erleichterung für den Aufschub wechselte in ein seltsames Unwohlsein, das störende Gefühl wieder alleine gelassen zu werden. Er riss sich zusammen. Es war einfach lächerlich, wie seine Schwäche ihn mehr und mehr bedrohte, nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele zu übernehmen schien.
Und ehe er sich’s versah, hatte Hank ihn verlassen, war ohne einen weiteren Blick zu ihm, zur Tür hinaus und in die goldene Abenddämmerung verschwunden.
Jack wartete noch einen Moment, sah hinaus ins Leere, bevor er die Tür hinter ihm verriegelte und sich in dem Gebäude, das ihm fremd und doch schon vertraut war, das ihm Obdach gewährte, ohne Erwartungen zu stellen, einschloss.
* * * * *
Er lauschte, bis der letzte Ton verklangen war, den er mit dem Rasseln des Motors eines sich entfernenden Wagens in Verbindung bringen konnte. Danach drehte Jack sich um und betrachtete seine Optionen. Vor allem anderen sollte er es vermeiden über Henderson weiter nachzudenken. Hank hatte Recht, sie würden sich mit seinem Auftauchen und den Fragen, die es aufwarf, auseinander setzen müssen, aber gerade jetzt fühlte er sich der Sache nicht gewachsen. Er würde sich ablenken müssen, seine Gedanken binden.
Seufzend fuhr er sich durch das störrische Haar, ließ seinen Blick suchend umherstreifen. Es war nicht so, als gäbe es nicht genügend Dinge, die es sich in diesem Haus zu erforschen lohnte, genügend Rätsel, mit denen er sich würde beschäftigen können. Er dachte an die Photos, den kurzen Eindruck, den er von Hanks Zimmer gewonnen hatte, die Versuchung die Chance zu nützen, das Vertrauen seines Gastgebers zu missbrauchen und es einer umfassenden Untersuchung zu unterziehen.
Vielleicht würde er...
“Nein!” Er sprach das Wort laut aus, wiederholte es grollend, wartete, bis er glaubte, den Nachhall zur niedrigen Decke steigen und entweichen zu sehen.
Seine Fingernägel gruben sich in die Handinnenfläche, während er seine Fäuste ballte, seine Kraft, seine Wut zusammennahm, um das aufsteigende Verlangen zu bekämpfen.
Er würde nicht die Kontrolle verlieren, würde nicht das Wenige, das Hank ihm geschenkt hatte, zunichte machen, indem er begann jeden Winkel zu durchsuchen, schneller und hastiger mit jedem zurückgelegten Meter, fanatisch Türen und Schubladen aufreißen, rücksichtslos durchwühlen, allein von dem Verlangen nach der Droge beseelt, von dem er von vornherein wusste, dass es ungestillt bleiben musste.
Er wusste, dass nicht viel dazu fehlte, wusste, dass der schmale Grad, auf dem er wanderte, eng und brüchig bleiben würde, dass es nur darauf ankam, seinen Schritt zu festigen, seinen Willen abzuhärten, bis es nicht unbedingt leichter, wenn auch gewohnter sein würde, sich innerhalb der ausgefahrenen Gleise fortzubewegen, sich nicht in jeder schiefen Kurve hinauskatapultieren lassen in der Hoffnung, dass es kein Zurück mehr gäbe.
Immer wieder blitzte das Bild Hendersons in ihm auf, die ausgestreckte Hand, das Versprechen von Erlösung.
Jack schluckte trocken und schloss den Küchenschrank wieder, den er in den vergangenen Tagen mehr als einmal gemustert hatte. Weder in der Küche, noch unter den Vorräten gab es einen Tropfen Alkohol und seine Kehle lechzte danach, ebenso wie seine Seele sich wenigstens dieses Gift herbeisehnte, jede Hilfe, die existierte.
Wasser half nicht weiter, es benetzte seinen ausgedörrten Rachen, jedoch löschte es nicht das unstillbare Brennen in ihm.
Stöhnend rieb er sich die Stirn und blickte einmal mehr die Treppe hinauf. Was sollte er tun, welche Aufgabe würde ihn genug ablenken, um die kommenden Stunden überstehen zu können?
Und möglicherweise hätte Hank auch gar nichts dagegen, würde er sich ein wenig vertraut machen mit... seiner Situation.
Jack zögerte, griff aber dennoch widerstrebend das Geländer. Es konnte nicht schaden. Seine Wissbegierde hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet, unsinnig sich ausgerechnet jetzt an unklare Moralvorstellungen zu klammern, die in dieser Umgebung unter Umständen ganz anders aufgefasst werden würden. Zu lange schon hatte er seine gewohnte Vorsicht außer Acht gelassen, es vermieden sich seiner Position zu versichern, seinen Fluchtweg vorzubereiten.
Er zuckte zusammen. Ein Geräusch durchdrang die Wände, ein Fahrzeug näherte sich, durchbrach die ungewohnte Stille.
Jack fuhr herum, Schweiß brach aus. Das war nicht Hanks Wagen, das war ein brandneues, geräumiges Gefährt... ein Gefährt, das auf den unebenen Landstraßen dieser Gegend ungewohnt und fremdartig wirken dürfte.
Er kannte das Geräusch, das diese Autos machten, kannte es, und hatte gehofft, es nie wieder hören zu müssen.
Jack stolperte in seiner Hast. Er hatte nur eine Chance, die Treppe hinauf und durch eines der Seitenfenster zu fliehen.
Wieso war er nur unvorbereitet geblieben, wie hatte er auch nur einen Moment denken können, dass sich etwas ändern würde.
Ein Krachen, zersplitterndes Holz - die Tür flog gewaltsam auf.
Bevor Jack wieder hochkommen konnte, packten ihn starke Arm, zerrten ihn grob rückwärts.
Er stöhnte, als sich seine Schulter verrenkte, als er herumgewirbelt und zu Boden geworfen wurde. Ein Knie bohrte sich in seinen Rücken und er keuchte vor Schmerz auf.
Sie mussten bereits vor der Tür gelauert haben, noch bevor er den Wagen gehört hatte, waren eingedrungen, und er hatte es nicht kommen sehen, nichts davon geahnt, nicht im Entferntesten mit der Möglichkeit gerechnet.
Er ließ seinen Kopf auf die harten Dielen sinken. Eigentlich konnte es ihm egal sein, was sie wollten, wer sie waren. Es gab nichts, das sie ihm antun konnten, dass er nicht schon durchgemacht hatte, wieder und wieder.
Und so war es keine Furcht, die er als letztes fühlte, bevor ihm ein gezielter Schlag die Besinnung raubte, sondern nichts als Verzweiflung untermalt von dem Wissen, dass sich lediglich das erfüllte, von dem er gewusst hatte, dass es passieren würde, von dem er wusste, dass er es verdiente.
* * * * *
Die Fahrt durch die Nacht verlief ohne Unterbrechung. Jack kam kurz zu sich, nur um zu bemerken, dass er mit Handschellen gefesselt auf dem Rücksitz eines klimatisierten Wagens lag. Er versuchte sich aufzurichten, doch ein Stoß in die Seite belehrte ihn eines Besseren, und ein gnädiges Schicksal ließ ihn erneut das Bewusstsein verlieren.
Schließlich, es konnten zwei oder mehr Stunden vergangen sein, die Nacht war mittlerweile hereingebrochen, hatte die Fahrt in eine Reise durch das Nirgendwo verwandelt, quietschten die Bremsen schrill, kam das Auto mit einem Ruck zum Stehen.
Widerstandslos ließ sich Jack hochziehen, und stand schließlich auf wackeligen Beinen in der Dunkelheit.
Die Gegend erschien ebenso abgelegen, wie die verlassene, keine Straßenlichter erhellten den Weg. Ein finsteres Gebäude vor ihnen ragte schweigend und drohend in die Höhe.
Stumme Gestalten schoben ihn schließlich darauf zu, offensichtlich ebenso wenig in der Stimmung für ein Gespräch, wie er es war.
Der vertraute Laut einer einrastenden Chipkarte, das gleißende Aufblitzen eines Augenscanners, das dumpfe Quietschen der wandernden Außenkamera, die Bilder der Eindringlinge einfing und weitersandte.
Endlich öffnete sich das Tor automatisch.
Elektrisches Licht flammte grell auf, nachdem es sich erstaunlich unhörbar wieder geschlossen hatte.
Ein langer Gang tat sich vor ihnen auf. Neonröhren wiesen die Richtung.
Jack fiel in den raschen Tritt der Männer, die ihn führten, ein.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie mit unbeweglichen Gesichtsausdrücken auf ihr Ziel zu eilten.
Beinahe konnte man denken, sie würden ihn nicht beachten, wäre nicht hin und wieder ein Stoß in seinen Rücken ein Beweis des Gegenteiles. Und so bemühte er sich, mit dem Tempo mitzuhalten, obwohl die an den Tag gelegte Hast seine Eingeweide kribbeln ließ, seinen Widerstand herausforderte.
Das Ziel war ein fensterloser Raum, eine Kopie tausender anderer fensterloser Verhörräume mit einem einzigen Unterschied, der darin bestand auf welcher Seite des Tisches er sich befand, gegen den Jack beim Eintritt gestoßen wurde, dessen Kanten sich schmerzhaft in seine Hüftknochen rammten, bevor er auf den harten Stuhl hinunter gedrückt wurde.
Die Türen schlossen sich wieder, als Gesellschaft zurück blieb nur der blank geputzte Spiegel ihm gegenüber.
Jack starrte hinein, sein Blick durchdrang die Reflektion seiner Selbst, ignorierte den zusammengefallenen Körper, die fahle Gesichtsfarbe, gegen die die Platzwunde über dem rechten Auge scharf hervorstach, bohrte sich in die dunklen Pupillen, umrahmt von der blauen Iris, bevor er erstarb.
Die langen Wimpern senkten sich, schlossen die Außenwelt aus.
Viel Zeit wurde ihm nicht gelassen, noch bevor er sich vollständig in sich zurückziehen konnte, näherten sich eilige Schritte.
Jack zeigte keine Reaktion, blieb zusammengesunken sitzen, während Stiefel auf den Boden hämmerten, an Wänden und Ecken stoppten, die Tür sicherten, während Stühle rückten, Männer Platz nahmen.
Er rührte sich nicht, als Akten auf dem Tisch landeten, geräuschvoll aufgeschlagen und durchblättert wurden.
“Jack Bauer!
Du fragst dich wahrscheinlich, warum wir dich hierher gebracht haben.”
Keine Antwort.
“Du kannst dich weigern zu kooperieren, aber würdest dadurch das Unvermeidliche nur hinauszögern.”
Ungeduld klang in den Worten mit.
“Ich habe eine sehr gute Vorstellung von euren Absichten. Und sie kümmern mich keineswegs.”
Leise, fast tonlos die Erwiderung.
“Nun... das wird sich ändern. Sieh mich an Jack!”
Der Angesprochene rührte sich nicht.
“Sieh mich an... jetzt!”
Die Forderung wurde lauter, aber immer noch mit keiner Reaktion belohnt.
Auf ein Nicken des Mannes hin, trat einer der Wachen hinter Jack hervor und riss seinen Kopf mit einem Griff in sein Haar rückwärts.
Jacks Augen flogen auf und er unterdrückte einen Schmerzenslaut, als er den Mann, der ihm gegenüber saß, zum ersten Mal musterte.
Er war groß, breit, untersetzt, gekleidet in elegantes Schwarz.
“Was willst du, Carl,” presste Jack mit zusammengebissenen Zähnen hervor. “Ich habe hiermit nichts mehr zu schaffen.”
“Da irrst du dich Jack, und das weißt du auch sehr gut.”
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du redest.”
Jemand, der vor nur wenigen Stunden einen flüchtigen Verbrecher ermordet hat, dürfte eine ganze Menge mit uns zu tun haben.”
Er beugte sich vor. “Wir stehen auf derselben Seite, vergiss das nicht!”
Jacks kalter Blick traf den anderen.
“Du willst mich verhören, verurteilen, einsperren, bestrafen...?
Tu dir keinen Zwang an! Wenn du meinst ich hätte ein Verbrechen begangen, dann handle dementsprechend. Es ist nicht so, als würde mich das überraschen.”
Carl Dixon lehnte sich zurück. “Das ist nicht ganz meine Absicht.”
Er musterte Jack eingehend, bevor er fortfuhr.
“Henderson war Abschaum. Er hat uns noch den kleinen Gefallen getan, dich aufzuspüren, aber es wäre unrealistisch anzunehmen, dass er uns noch von irgendeinem Nutzen hätte sein können.
Nichtsdestotrotz...”
Er schwieg nachdenklich.
“Nichtsdestotrotz haben wir ein Problem... und das nicht nur wegen Henderson...”
“Ihr Jungs habt doch immer ein Problem, das geht mich nichts an.”
“Du hast durchaus damit zu tun, Jack. Um es kurz zu machen, wir brauchen dich. Du sollst für uns arbeiten.”
Jack stöhnte auf.
“Vergiss es, Carl!”
“Das kann ich leider nicht. Du bist der Richtige für den Job, um nicht zu sagen - der Einzige.”
Die Kälte war aus Jacks Augen gewichen, hatte heißem Zorn den Vortritt gelassen.
“Ich arbeite nicht mehr für den verdammten Geheimdienst, schon gar nicht für deinen Verein. Das ist vorbei.”
“Aber genau das ist es ja, was dich qualifiziert, zumindest zu einem bedeutenden Teil. Es passt alles perfekt.”
“Du kannst mich nicht zwingen, Carl. Ich bin fertig.”
“Ich weiß.” Carl schloss den geöffneten Ordner, verbarg die eng bedruckten Seiten vor weiteren Blicken.
“Wir brauchen jemanden, der schnell und effizient arbeitet, der praktisch Unmögliches bewerkstelligen kann.
“Was, zum Teufel, verstehst du denn nicht? Ich habe ‘ nein ‘ gesagt.”
Carl hob die Augenbrauen, verzog den schmalen Mund missbilligend.
“Ich hatte wirklich gehofft, du würdest kooperativer sein, Jack. Wir haben Mittel und Wege...”
“Als ob ich das nicht wüsste”, grollte Jack, seine Hände nervös in den Handschellen bewegend, bis die Haut begann aufzuscheuern.
“Natürlich weißt du das. Und du weißt ebenfalls, dass wir keine leeren Drohungen aussprechen.”
Jacks Gesichtszüge gefroren, glichen einer bleichen Maske, als er antwortete.
“Ihr könnt mir nicht drohen! Es gibt nichts, das ihr...”
Er verstummte.
“Lass mich dir zuerst schildern, worum es geht.”
Carl strich sich mit der rechten Hand über die grauen Schläfen.
“Du erinnerst dich vielleicht daran, als wir das letzte Mal zusammen gearbeitet hatten, und ich plötzlich abberufen wurde.”
Verachtung blitzte in Jacks Augen.
“Ich erinnere mich. Ihr habt euch dünn gemacht, als es schwierig wurde, und meine Leute und mich auf uns allein gestellt zurückgelassen. Verantwortung zu leugnen war schon immer eine Stärke der CIA.”
“Das sind alte Geschichten, Jack. Zudem gab es keine andere Möglichkeit. Du weißt besser als jeder andere, dass Opfer gebracht werden müssen, damit die Nation ihr Gesicht wahren kann.”
“Pech für euch, dass ein paar von uns überlebt haben.”
Carl schlug mit der Faust auf den Tisch, sein Gesicht eine wütende Grimasse.
“Schluss damit, verdammt. Das waren Unfälle, nicht mehr und nicht weniger... unglückliche Zufälle, die...”
Er atmete keuchend aus, mühsam um Beherrschung ringend.
“Die Sache ist abgeschlossen, Jack. Es geht hier um etwas anderes, um etwas wirklich Wichtiges.”
“Tatsächlich.”
* * * * *
Carl begann nervös mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte zu trommeln.
“Uns läuft die Zeit weg, Jack. Wir wissen, dass sie etwas planen, etwas Größeres, aber bis jetzt ist es noch keinem unserer Leute gelungen die Organisation zu infiltrieren. Sogar in die Sekte hinein zu kommen, ist ausgesprochen schwierig. Sie operiert im Geheimen, lockt die Bevölkerung mit radikalen Floskeln und Forderungen, doch wenn man versucht ihr näher zu kommen, verschwindet sie wie Nebel in der Sonne.
Die Hintermänner sind organisiert in einem weltweiten Netzwerk, verbunden durch geschäftliche Transaktionen. Niemand konnte bis jetzt herausfinden in welche Richtung die Geldströme fließen und welches Ziel sie eigentlich verfolgen.”
Jack wand sich erneut in seinen Fesseln, verweigerte allerdings wieder eine Antwort. Seine Augen verfolgten die Bewegungen von Carls Händen, als könnten sie ihm mehr verraten als seine Worte.
Hörbar atmete der Größere aus, bevor er weitersprach.
“Sie scheinen besser informiert zu sein als wir, wir können nicht ausschließen, dass sie in der NSA, beim FBI, möglicherweise sogar bei uns, Kontaktmänner unterhalten. Die Fäden reichen weit.”
Endlich entschied sich Jack zu sprechen.
“Du kannst dir deinen Atem sparen, ich will es nicht wissen, und ich werde meine Meinung nicht ändern.”
Mit einem Stoßseufzer strich sich der Agent über die Stirn.
“Du warst schon immer verdammt bockig.”
Er wartete einen Moment, bevor er den Papierstapel zu seiner Linken kontrollierte, und eine mittelschwere Akte von unten hervorzog.
“Ich werde dir sagen, warum du in diese Rolle passt, und warum wir dich ausgewählt haben.”
Jack’s Stimme bebte vor verhaltener Wut.
“Was soll ich noch sagen, Carl... ich weigere mich. Du hast keine Möglichkeit...”
Mit Schwung schlug Carl den Ordner auf, blätterte eine Weile darin herum, bevor er ein paar Bilder heraussuchte und sie vor Jack ausbreitete.
Jack drehte seinen Kopf beiseite, unwillig das Spiel mitzuspielen, doch die immer noch hinter ihm stehende Wache zwang ihn grob zurück.
“Das ist die Familie des Schamanen, der dich aufgenommen hat. Wie du siehst geht es ihnen gut.”
Er machte eine Pause, ließ Jack genug Zeit die Gestalten auf den Bildern, die offensichtlich mit modernsten Weitwinkelkameras von verschiedenen Standpunkten aus, aufgenommen worden waren, mit den Figuren auf den Photos in Hanks Haus in Verbindung zu bringen.
“Natürlich kann sich so etwas schnell ändern... aus den verschiedensten Gründen, wie du sehr wohl weißt.”
“Du Mistkerl”, zischte Jack hasserfüllt. “Du wirst es nicht wagen...”
Carl lehnte sich zurück.
“Versteh mich nicht falsch, Jack. Du weißt, dass wir nie...”
Er verzog seine Lippen zu einem falschen Lächeln.
“Aber Unfälle passieren nun mal, und es sind eben Indianer...”
Er ließ die Worte einsinken.
“Das Leben im Reservat ist hart, die Kinder haben Glück, wenn sie überhaupt erwachsen werden, wenn sie das Teenager Alter erreichen, ohne bereits Alkoholiker oder drogenabhängig zu sein.”
Eine erneute Pause unterbrach die harten Laute.
“Die Kriminalität ist hoch, sogar ohne, dass wir uns einmischen. Die Ablehnung gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern stark genug, um immer wieder Gewalt zu provozieren.”
Er schüttelte den Kopf.
“Was glaubst du, warum eine fundamentalistische Sekte so wenig Probleme hat, ausgerechnet hier Unterstützung zu finden. Überall wo der Rechtsextremismus blüht, und mit finanziellem Gewinn einhergeht, kannst du davon ausgehen, dass diese Leute ihre Finger im Spiel haben. Europa, Südamerika... die westliche Welt insgesamt...”
Er lachte höhnisch. “Das Wunder der Globalisierung. Wir haben keine Chance gegen sie.”
“Kommt nicht so oft vor, dass der Geheimdienst sich solchen Kräften versucht entgegenzustellen”, warf Jack plötzlich ein. “Ich dachte, ihr seid immer noch hauptsächlich damit beschäftigt den drohenden Sozialismus auszumerzen. Jede andere politische Gesinnung kurbelt doch viel zu wunderbar die Wirtschaft an, als dass kleine Entgleisungen wie Mord und Krieg nicht in Kauf zu nehmen wären.”
Carl ignorierte ihn. “In diesem Fall haben wir keine Wahl. Es gibt keinen Zweifel, dass bereits massiv an den Grundpfeilern unseres Systems gerüttelt wird. Die permanent hochgepuschte Terrorbedrohung islamistischen Ursprungs ist das perfekte Ablenkungsmanöver für diese Leute, wenn nicht sogar einer der Gründe für den Zustrom, den sie genießen. In Krisenzeiten sucht der Mensch sich nun mal gerne Extreme.”
“Nicht nur in Krisenzeiten”, flüsterte Jack und blickte ihn an.
“Ich sehe immer noch nicht, warum du mich einweihst. Und schon gar nicht, was Hanks Familie mit dem Ganzen zu schaffen hat.
“Sieh mal, Jack.” Carl beugte sich vor.
“Deinem Medizinmann sind bereits der Bruder und der Vater von Weißen ermordet worden. Wie denkst du wird er sich fühlen, wenn er noch mehr Verluste zu ertragen hat, insbesondere, wenn ihn jemand darauf hinweist, dass ein gewisser Fremder, den er von der Straße aufgelesen hat, direkt dafür verantwortlich ist.”
“Ich wusste schon immer, dass du ein Schwein bist.” Flammen schossen aus Jacks Augen.
“Und nach all dem, das auf meinem Gewissen lastet, und das du mit Sicherheit in deinen Papieren fein säuberlich verzeichnet hast... wie kommst du darauf anzunehmen, dass mich das Schicksal dieser Menschen kümmern würde. Ich bin ein anderer geworden. Ihr habt mich zu einem anderen gemacht.”
“Ich glaube nicht, dass du dich so grundlegend geändert hast, Jack.”
Carl schob die Photos näher an sein Gegenüber heran, bis sie beinahe von der Tischkante stürzten.
Lachende Kinder mit dunklen Zöpfen oder breiten Bändern wurden von strahlenden jungen Eltern aufgefangen, liefen Hand in Hand, um die Wunder einer Großstadt zu bestaunen.
Mehr Photos verdeckten die bereits Bekannten, dieselben Kinder auf den staubigen Straßen des Reservates, mit Steinen und Stöcken spielend, vor dem brüchigen Schulhaus, das eher einer verfallenen Hütte mit Löchern in der Decke glich, vor dem Polizeirevier, mit großen Augen ihren Eltern nachsehend, die mit gebundenen Händen abgeführt wurden.
“Es kann viel passieren, Jack. Und niemanden wird es kümmern.”
Jack stöhnte. “Was willst du, verdammter Hundesohn. Was du mir erzählst ergibt absolut keinen Sinn.”
“Das wird es noch, Jack. Keine Sorge. Du wirst es verstehen.”
* * * * *
Carl winkte einer der Wachen, die die Bilder unter seinem kritischen Blick wieder einsammelte.
“Du hast bereits einen Fuß in der Tür.”
“Was soll das heißen, verdammt noch mal?”
Der Größere presste spöttisch die Lippen zusammen.
“Du wohnst bei dem Schamanen der Gegend, glaub ja nicht, dass das geheim bleiben wird. Ein Weißer, der das Vertrauen der Einwohner genießt.”
“Wie kommst du darauf, dass er mir vertraut, dass er mich nicht herauswerfen wird?”
Carl schnalzte mit der Zunge.
“Er hat dich aufgenommen und fühlt sich verantwortlich. Er wird dich nicht auf die Straße setzen. Die sind nicht so. Angst um ihr Eigentum kennen die nicht, sofern sie so etwas überhaupt haben.”
Er grinste.
“Liegt nicht in ihrer Natur, vermutlich werden sie es auch nicht mehr lernen. Und schon gar nicht dein Freund, der offensichtlich ein Faible für Bleichgesichter hat.”
“Was für einen Scheiß erzählst du da?”
Carls Grinsen breitete sich aus und er griff nach einer weiteren Akte.
“Dein Süßer hat sich einen Bullen aus Philadelphia organisiert.”
Er schlug den Ordner auf und ergriff die Kopie einer Dienstakte. Noch bevor er sie vor Jack niedergelegt hatte, erkannte dieser die vertrauten Züge des blonden Mannes auf dem Bild in seinem Zimmer.
“Der Typ hat sich sogar bei der Reservatspolizei versucht. Hat eine Weile richtiggehend Stimmung gemacht.”
Carl ergriff einen weiteren Bogen und studierte ihn. “Einer dieser Unruhestifter, ständig herumgenörgelt von wegen Gleichberechtigung, Indianerrechten und so weiter. Nunja... dann hat es aufgehört...”
Schnell legte er die Papiere wieder beiseite, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, und starrte Jack an.
“Also, du hast bereits einen Stein bei den Leuten im Brett, ein Vorteil, den sich ‘ Das Schwert ‘ nicht entgehen lassen wird.”
“Das Schwert?”
Carl nickte.
“Das Schwert des Göttlichen. So nennen sie sich. Christlicher Fundamentalismus übelster Sorte. Gepaart mit dem tiefen Glauben an die Überlegenheit der weißen Rasse. Die würden am liebsten die Sklaverei wieder einführen und die Indianer ein für alle mal loswerden.”
Jack schüttelte den Kopf.
“Ich verstehe immer noch nicht.”
“Nun Jack...” Carl zögerte. “Dein Background ermöglichte uns vieles, vieles, das wir bereits in Umlauf gebracht haben, und das diesen Leuten, sofern sie die Verbindungen haben, die wir ihnen zusprechen, unmöglich entgehen kann.”
Er wartete einen Moment, glättete die Akten, bis sie einen gerade aufstrebenden, gleichmäßigen Turm bildeten, musterte sie noch einmal abschätzend, bevor er fortfuhr.
“Du hast das Wissen und die Erfahrung, die unermesslich wertvoll sind, in Bezug auf die Absichten, die wir vermuten.
Zudem bist du ausgebrannt... enttäuscht von dem System... letztlich würde es jeder verstehen, wenn du dich von deinem bisherigen Leben abwenden würdest, dich neu orientieren.”
Carl lachte kurz auf. “Nun, es gibt ja auch keinen Zweifel, das du das auch getan hast.”
Er kratzte sich an der Schläfe.
“Das Einzige, das du tun müsstest, wäre deutlich zu machen, dass dir diese Indianergesellschaft zuwider ist, aber dass du bereit wärest der Nagel im Fleisch des Gegners zu bleiben bis der abartige Traum von der Unfehlbarkeit der Herrenrasse verwirklicht worden ist.”
“Das ist ekelhaft, Carl.”
“Und nichts würde mehr Sinn ergeben. Storm hat dich in deiner schlimmsten Verfassung gesehen, dass du ihn verabscheust, dürfte nur menschlich sein.”
“Ich kann das nicht, es ist krank!”
“Denk an unsere Möglichkeiten!”
Carl lehnte sich vorwärts.
“Und denk daran, was dein Freund getan hat. Er hat eine Leiche verschwinden lassen, ein Verbrechen vertuscht. Allein dafür können wir ihn bis an sein Lebensende in den Knast bringen, und wenn wir wollen Schlimmeres. Denn wer sagt, dass nicht er es war, der Henderson getötet hat, dass der Krieger in ihm erwacht ist und Rache für Vergangenes gefordert hat...”
“Du bist verrückt, Carl!” Jack brauste auf. “Ich würde nie zulassen, dass...”
Doch Dixon lachte nur. “Mein Gott, Jack. Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass du dabei ein Wort mitzureden hättest.”
Er wandte sich zu den Wachen um. “Ich denke, ich habe dich jetzt lange genug mit Samthandschuhen angefasst. Wir werden dir jetzt etwas Zeit lassen, um deine Situation zu überdenken. Danach komme ich wieder und erwarte deine Entscheidung, von der du sehr genau weißt, dass es nur eine geben kann.”
Damit stand er auf, verließ den Raum ohne sich noch einmal umzusehen.
Die Wachen blieben schweigend, unbeweglich, leblose, gedankenlose Maschinen, schweigende Beobachter.
* * * * *