Ein erster Disclaimer:
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit.
Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann.
Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin darzustellen. Dies ist Fiktion, ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
* * * * *
Titel: Verloren, Kapitel VI
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol... etc...
Disclaimer: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
* * * * *
Hank war erschöpft und das nicht nur, weil der Notfall sich schließlich als ein schlechter Scherz entpuppt hatte.
Es war vergebliche Liebesmüh gewesen den Andeutungen zu folgen, und bis er die Reihe von Missverständnissen aufgeklärt hatte, waren Stunden vergangen.
Zu allem Überfluss begann nun sein Wagen verrückt zu spielen, gerade als er sich mitten im Nirgendwo befand.
Und einmal mehr fragte er sich, was es mit diesem seltsamen Hilferuf auf sich gehabt hatte, der über mehrere Kontakte, verquere Andeutungen und Hinweise seinen Weg bis zu ihm gemacht hatte. Nicht, dass es selten wäre, dass er zu jemandem gerufen wurde, der unerkannt bleiben wollte. Es tauchten immer wieder angeblich verschwundene Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung auf, die sich nicht nur vor dem Griff der Behörden in Acht nehmen mussten, sondern die sich auch den Weg zu einem Doktor oder in ein Krankenhaus nicht leisten konnten oder wollten.
Und einmal mehr verfluchte Hank die Armut der Gegend, die Vielen das Nötigste verwehrte, die weder Telefonanschluss, noch ärztliche Versorgung der Art, wie er sie vor vielen Jahren in den Großstädten kennen gelernt hatte, auch nur in Erwägung zu ziehen erlaubten.
Und als das Auto stockte, hustete und schließlich den Kampf aufgab, schlug er wütend mit der Faust gegen das Steuerrad und fluchte in seiner Muttersprache, wie er bereits seit Jahren nicht mehr geflucht hatte.
Endlich stieg er aus und öffnete Kofferraum und Motorhaube. Zu seiner Erleichterung entdeckte er eine Taschenlampe, die noch funktionierte und nach einer kurzen Untersuchung hatte er des Rätsels Lösung gefunden.
Der Tank war leer, obwohl er sicher war, ihn erst kürzlich aufgefüllt zu haben.
Die Reifen enthielten kaum noch Luft und zu allem Überfluss fing auch der Kühler an bedenkliche Wolken an heißem Qualm auszustoßen.
Ein penetranter Geruch nach ausgelaufenem Benzin stieg ihm in die Nase.
Ärgerlich trat er gegen den platten Reifen, doch hielt schließlich inne, um die letzten Minuten bei den Warricks zu rekapitulieren.
Sie hatten sich auffallend verhalten, beinahe als hätte sie jemand eingeschüchtert.
Das allein wäre allerdings nichts Neues. Einschüchterungsversuche und Drohungen gehörten zum täglichen Leben.
Auch die schuldbewussten Augen Heranwachsender, die hinter regenfeuchten Schuppen hervor lugten, waren nichts Ungewohntes.
Kinder noch, und doch schon beinahe Erwachsene, die ohne reelle Zukunftsaussichten gezwungen waren, jede Chance zu ergreifen, die sich ihnen bot.
Doch welchen Grund konnten sie dafür haben seinen Wagen zu manipulieren?
Warum sollten sie auf solch eine Idee kommen. Jeder hier kannte ihn, schätzte ihn, und wusste wie wichtig es sein konnte, dass er in der Lage war, sich auf dem Gelände frei zu bewegen.
Hank vermochte sich nichts vorzustellen, das auch nur im Entferntesten einen Sinn ergäbe.
Seufzend sah er sich um, schätzte die Entfernungen ab, zerrte schließlich einen Kanister aus dem Chaos aus Decken, Werkzeugen und Instrumenten, das den Kofferraum füllte, bevor er sich auf den langen Weg zum nächsten Haus machte.
* * * * *
“Danke, Jonas! Ich schulde dir was!”
Der stämmige, bronzehäutige Mann mit den ausgeprägten Armmuskeln, die unter den hochgerollten Ärmeln des grauen T-shirts unübersehbar arbeiteten, als er den Abschlepp - Wagen wendete, trommelte mit der flachen Hand noch einmal gegen das Außenblech, bevor er sie lässig zum Abschiedsgruß erhob.
“Ich bring dir die Schüssel morgen vorbei, Hank, ist keine Sache!”
Hank nickte und blickte dem schmutzverkrusteten Gefährt, aus dem er soeben geklettert war, hinterher, bevor er sich zum Haus umdrehte.
Seine Gedanken waren abgelenkt genug gewesen, und erst jetzt, beim Näherkommen, bemerkte er die Spuren des gewaltsamen Eindringens.
“Was zum...”
Automatisch griff er hinter sich, löste den Verschluss der ledernen Messerscheide und zog die einzige Waffe, die er bei sich trug mit einem entschlossenen Ruck heraus.
Lautlos trat er näher, wachsam, gespannt bis zum Äußersten.
Kein Geräusch verriet eine Anwesenheit, kein Luftzug deutete auf ein Lebewesen.
Nur das der Stampfen und Schnauben der Pferde im Stall, die offenbar spürten, dass sich nun doch noch jemand um sie kümmern würde, durchdrang die Stille, bewies Hank, dass etwas Unerwartetes geschehen war.
Vorsichtig stieß er gegen die angelehnte Eingangstür, deren Überreste mit einem hässlichen Knarzen aufschwangen.
Wieder lauschte der Schamane, verharrte bewegungslos, bis er sich seiner Sache sicher war.
Flink huschte er dann ins Haus, nicht ohne sofort Deckung zu suchen.
Was er zuvor geahnt hatte, bestätigte sich, keine Reaktion deutete auf einen oder mehrere Eindringlinge.
Nachdem er von seiner geschützten Position zwischen Tür und Schrank die Lage eingeschätzt hatte, begann er seine Umgebung genauer nach Spuren des Geschehenen abzusuchen.
Hinweise auf einen Kampf, Blutstropfen auf dem Boden, Abschürfungen am Fuße der Treppe.
Hanks Innerstes erstarrte zu Eis, als die dunkle Ahnung, die mit der gelittenen Haustür ihr Haupt erhoben hatte, zur Gewissheit wurde.
Er biss die Zähne zusammen und drängte die Vorstellungen, die ihn zu überwältigen drohten, zurück.
Jack,... nein Buster..., wie er aus dem Haus gezerrt wurde, wie Männer mit dunklen Uniformen und Schlagstöcken über ihn herfielen, ihn erbarmungslos zusammenschlugen, bis nur noch der blutige Rest eines Menschen im Staub zu erkennen war.
Buster, dessen Leib von Kugeln zerfetzt, der von einer wütenden Meute in der Luft zerrissen wurde.
Bilder, die ihn stets begleiteten, die ihn nie allein ließen, beinahe, als würde er sich wünschen sein Freund hätte ein Ende wie dieses gefunden. Und doch kroch gleichzeitig bei diesem Gedanken die Übelkeit in ihm empor, kalt und glitschig, verursachte ein Würgen in seiner Kehle, Krämpfe in seinen Eingeweiden, den Wunsch seinen eigenen Tod ins Auge sehen zu dürfen.
Er schluckte ihn hinunter, verbannte jede Erinnerung, jedes Bild von Buster aus seinem Geist, und schritt den Raum langsam ab, das Messer immer noch bereit, obwohl er sich sicher war, niemanden hier vorzufinden.
Auch nicht Jack.
Irgendetwas war geschehen, und Jack war der Grund dafür.
Es waren mit Sicherheit mehrere Männer gewesen, wahrscheinlich bewaffnet, denn auch wenn Jack körperliche Schwäche zeigte, Hank war sich sicher, dass er einem gewöhnlichen Angriff gewachsen gewesen wäre. Sie mussten in der Überzahl gewesen sein, einen klaren Plan vor Augen gehabt haben.
Hank bückte sich, betrachtete die Stelle, an der Jack bewusstlos geworden war, fühlte, dass der Andere hier und nirgendwo anders seinen Kampf aufgegeben hatte.
Er ergriff das Geländer, schloss die Augen und spürte das Nachschwingen des Überfalls, das Eindringen von roher Gewalt in dieses Heim.
Langsam atmete er aus, und begann schließlich mechanisch das Innere des Hauses abzugehen, auch wenn es unnötig sein sollte, jede Form der Gefahr auszuschließen, jedem Hinweis Beachtung zu schenken. Er schritt über den Hof, kniete neben den Reifenspuren, umrundete die Stallungen, versorgte die Tiere.
Und als all dies geschehen war, holte er Werkzeug und reparierte geduldig die Tür.
Jack würde zurückkommen. Dessen war er sich sicher.
* * * * *
Jack taumelte vor Erschöpfung.
Er war in einiger Entfernung abgesetzt worden, anscheinend war es Dixons Leuten noch zu früh am Abend, um das Risiko eingehen zu wollen, gesehen zu werden.
Seine Beine fühlten sich schwer wie Blei an, und seine Hände zitterten. Womit auch immer Hank ihn versorgte, es fehlte jetzt.
Endlich kam das vertraute Gebäude in sein Blickfeld.
Endlich vermochten seine müden Glieder mit neuem Antrieb an Tempo zu gewinnen.
Endlich sah er, wovon er nicht geahnt hatte, dass er es vermissen würde.
Die schlanke Gestalt legte eine Hand über die Augen, schirmte den Blick gegen die letzten, kräftigen Strahlen der untergehenden Sonne ab, bevor sie sich aus ihrer gekauerten Haltung im Türrahmen erhob, gerade stehen blieb, ihn stumm erwartete.
Ein paar Schritte noch, flehte Jack innerlich, bekämpfte mit letzter Kraft das Bedürfnis niederzusinken, nur für einen kurzen Moment Ruhe zu finden.
Als könnte er es ebenfalls spüren, ließ Hank Hammer und Lineal fallen, und durchquerte den Abstand zwischen ihnen in großen Schritten.
Gerade rechtzeitig, um Jack vor dem Sturz zu bewahren, fasste er ihn unter den Armen, und half ihm über den Hof, hinein in das Haus.
“Werden Sie wiederkommen?”, fragte er, als Jack gierig das Wasser, das er ihm reichte, heruntergestürzt hatte.
“Nein.” Jack schüttelte den Kopf, verzog den linken Mundwinkel spöttisch.
“Die haben ihren Punkt klar gemacht.”
Hank wartete einen Augenblick, doch als es offensichtlich wurde, dass er nicht mehr sagen würde, deutete er auf die Wunde an Jacks Stirn.
“Ich werde das saubermachen. Bist du noch irgendwo anders verletzt?”
Jack schüttelte den Kopf, stöhnte jedoch auf, die Bewegung sofort bereuend.
“Warum tust du das?”
“Was meinst du?”
Jacks klare Augen suchten Hanks und er winkte beiläufig mit der Hand.
“Das hier. All die Mühe... all die Arbeit... warum?”
Hank schwieg. Schließlich wand er seinen Blick ab, richtete ihn auf die halb reparierte Tür.
“So muss es sein, Jack. Ich habe keine Wahl.”
Jack stützte den schwer gewordenen Kopf auf seinen Arm.
“Ich verstehe das nicht”, murmelte er. “Du solltest nicht...”
Seine Stimme wurde leiser, und als Hank begann seine Stirn zu reinigen und zu verbinden, spürte er bereits nichts mehr davon.
“Ist schon in Ordnung, Jack”, antwortete er letztendlich.
“Es ist unsere Bestimmung.”
* * * * *
Letzendlich hatte er geredet, hatte seine Geschichte erzählt, und Hank musste zugeben, dass sie Sinn ergab, auf die ihr eigene, merkwürdig traurige Weise.
Trotzdem konnte er sich der Ahnung nicht erwehren, dass mehr dahinter steckte, als Jack ihm offenbarte, dass er ihn, wenn er seinen Sinnen trauen konnte, sogar nach Strich und Faden belog.
Hanks Menschenkenntnis täuschte ihn selten, und obwohl Jack gut darin war, sich zu verstellen, sehr gur sogar, gefährlich gut, fiel es ihm schwer seinen Worten Glauben zu schenken.
Er konnte den Zweifel an keinem Hinweis festmachen, auf keine klare Schlussfolgerung begründen, an keinen Gedanken binden.
Und dennoch schrillten all seine Alarmglocken.
Hank warf eine Handvoll Salbeiauf die Räucherkohlen, beobachtete die Formen und Gestalten, die aus dem Rauch emporstiegen, unmissverständliche Botschaften bildeten.
Leise summte er eine eintönige Melodie, wiegte sich im Rhythmus und konzentrierte sich auf Untertöne, auf die Dinge, die er nicht mit seinen Augen erkennen konnte.
Ein Drogendealer, so wie er sie kannte, würde sich kaum diese Mühe machen, würde kaum in einem derart exklusiven Wagen vorfahren, sicher nicht in demjenigen, dessen Spuren er im Hof gesehen hatte, einem Modell, das nach Regierungswagen förmlich schrie.
Auch die Fußspuren, die Anzahl von ausgerüsteten Männern verwirrten ihn, wären mit Sicherheit nicht nötig gewesen, um Jack zu überwältigen.
Und doch... Jack leugnete nicht, dass mehr dahinter steckte, er beschränkte sich lediglich darauf , das Nötigste zu erzählen.
Hank war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, und doch sträubte sich etwas in ihm auch mit aller Kraft dagegen, zu sehr ins Detail zu gehen, den Versuch zu unternehmen, Jack direkt auszuhorchen.
Ein Teil von ihm wusste, dass es keinen Sinn haben würde, dass dies ein Mann war, der nicht mehr preisgeben würde, als er für unbedingt notwendig erachtete.
Ein Mann, der es gewohnt war, zu lügen, einen falschen Schein aufrecht zu erhalten, koste es was es wolle.
Und Hank wunderte sich einmal mehr über die unsichtbaren Kräfte, die ihn an diesen Mann banden, es ihm nicht erlaubten sich von ihm abzuwenden, so sehr er auch dem widersprach, was Hank an einem Menschen schätzte.
Hätte er ihn verachtet, den Behörden gemeldet, davon gejagt, wenn er nicht die einprägsamen Gesichtszüge Busters teilen würde, die Ähnlichkeit, ihm nicht jedesmal, wenn er ihn erblickte, wie ein Messer ins Herz fahren würde, ihn stärker als die Stimmen der Geister zwingen würde, Jack zu helfen, egal welches Risiko diese Hilfe bergen mochte.
* * * * *
Von Tag zu Tag ging es ihm besser, fühlte er sich kräftiger, stärker, eher in der Lage, das zu tun, was ihm aufgetragen worden war.
Doch von Tag zu Tag wuchs auch der Zweifel in Jack, der Wunsch zu verschwinden, auch diesen Teil seines Lebens, um den er nicht gebeten hatte, für immer hinter sich zu lassen.
Und dennoch konnte er nicht anders, als sich Hank gegenüber verpflichtet zu fühlen.
Warum der Lakota ihm geholfen hatte, entzog sich immer noch seiner Erkenntnis, aber was für Gründe auch immer die Ursache für sein ihm unerklärliches Verhalten gewesen war, und trotz alledem konnte er es nicht auf sein Gewissen laden, dass er oder seine Familie unter seiner Anwesenheit würden leiden müssen.
Immer wieder erspürte er Gelegenheiten aufzubrechen, suchte sie, ohne es zu wollen. Und immer wieder fand er sich auf dem Weg das Reservatsgebiet zu verlassen, lenkten seine Schritte ihn fort von der Aufgabe, die als eine düstere, drohende Wolke vor ihm lag.
Und immer wieder hielt ihn etwas zurück, bohrte sich die Schuld tiefer in sein Fleisch, je weiter er fortlief. Solange bis er es nicht mehr ertragen konnte und umkehrte, den Weg zurück ging auf Beinen, die Gewichte, schwer wie Blei, zu tragen schienen.
Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Hank den Preis für sein Verschwinden würde bezahlen müssen, dass er selbst wenig Chancen haben würde eine Flucht zu verwirklichen.
Die Verbindungen, die er hatte, würde er nicht nutzen, selbst wenn er ihnen trauen, und selbst, wenn es ihn alles kosten würde.
Dieser Teil seines Lebens war zu Ende gegangen, auf unwiederbringliche Art und Weise.
Er hatte geglaubt, Erleichterung empfinden zu können, dem Druck und der Verlogenheit endlich zu entweichen und war weiter entfernt davon denn je.
Wieder fühlte er sich gezwungen Geheimnisse zu bewahren, die Wahrheit zu seinem Nutzen zu verändern.
Und stillschweigend hatte Hank seine Geschichte akzeptiert, ihm die Mühe erspart Details zu erfinden, die Ausrede für den nächtlichen Besuch mit Lügen auszuschmücken.
Ebenso stillschweigend bestand die Übereinkunft betreffend seines Aufenthaltes fort.
Auf eine geradezu selbstverständliche Weise hatte Hank ihn versorgt, war darin fortgefahren, ihn mit seinen merkwürdigen Methoden zu behandeln.
Und sie wirkten.
Jack fühlte, wie die Energie in ihn zurückkehrte, seine Sinne schärfte, seine Aufmerksamkeit weckte, das Adrenalin durch seine Adern zu pumpen begann.
Er nahm die Einzelheiten seiner Umgebung deutlicher wahr, analysierte automatisch, zog Schlussfolgerungen. Seine Erkundungsausflüge und die gelegentliche Farmarbeit verwandelten sich in regelmäßige Trainingsläufe, die es ihm erlaubten immer größere Gebiete zu erforschen und für sich ein Bild von den Gegebenheiten zu entwerfen.
Die Tage wurden kürzer und Jack nutzte vorwiegend die Zeit der Dämmerung, um sich ungestört umzusehen. Die rapide fallenden Temperaturen ermöglichten es ihm, das helle Haar und seine immer noch bleiche Haut unter Kapuzen und langen Ärmeln zu verbergen. Und doch machte er sich nichts vor, die Menschen im Reservat erkannten ihn als Außenseiter und ignorierten ihn weitestgehend. Die Blicke der Männer wandten sich nach kurzer Musterung ab, hinter vorgehalten kleinen Händen kichernde Kinder wurden rasch beiseite gezogen, Frauen sahen geflissentlich an ihm vorbei.
Jack selbst unternahm keinerlei Anstrengungen an der Situation etwas zu verändern. Nicht nur, dass es keinen Sinn ergäbe im Hinblick auf die Zukunft, der bloße Gedanke daran, sich auf ein Gespräch oder einen Kontakt einzulassen, ermüdete und erschreckte ihn gleichermaßen.
Und so studierte er die Augenblicke des Lebens, die er im Vorbeigehen erhaschen konnte, malte sich ein Bild von einer Welt, die ihm bislang fremd geblieben war.
Und er sprach zu Hank von Veränderung, von Arbeitssuche, erneuerte tagtäglich seinen Vorschlag das Haus zu verlassen, ihm nicht weiter zur Last zu fallen, sein Leben zu bereinigen und Schulden abzubezahlen.
Hank schüttelte lediglich seinen Kopf auf jedes seiner Angebote. Es wäre noch nicht an der Zeit für Jack zu gehen, er schulde ihm nichts, würde ihm keine Umstände machen, im Gegenteil, er könne ihm eine Hilfe sein.
Seine knappen Worte wurden begleitet von dem ernsten, konzentrierten Ausdruck, an den Jack sich längst gewöhnt hatte, untermalt von dem dunklen Klang der Stimme, deren klare Schwingungen ein Singen beinhalteten, das tröstend und besänftigend gleichermaßen wirkte.
Schwarze Augen ruhten auf Jacks Gesicht, wanderten über seine Züge bis sie Jacks blaue fanden, diesen erlaubten einzutauchen, zu glauben, zu vertrauen, loszulassen.
Jack verstand sich selbst nicht mehr und es begann ihn zu irritieren. Was für eine Macht konnte es sein, die Hank über ihn ausübte, die ihn davon überzeugte, dass er sich rückhaltlos in des Anderen Hände begeben könnte.
Er konnte sich nicht erinnern jemals irgend jemandem ein derartig bedingungsloses Vertrauen entgegengebracht zu haben, nicht seit seiner Jugend, nicht seitdem er Christopher Henderson begegnet war.
Und danach... er hatte es versucht, hatte zeitweise sogar geglaubt, dass es ihm gelungen wäre.
Doch das einzige Resultat bestand in Tod, Enttäuschung und Zerstörung. Sie umgaben ihn, verfolgten ihn, unabhängig davon wohin er sich wand.
Tony, Chase, Michelle... Menschen, die ihm alles bedeutet hatten..., er hatte sie enttäuscht, hatte sie dem Fluch, der ihm folgte, ausgeliefert.
Und nun würde es Hank ebenso ergehen, einem Mann, der nur helfen wollte, dessen Großzügigkeit und Toleranz alles übertraf, das Jack jemals begegnet war.
Wie sollte er damit leben können.
Wie konnte er es verhindern, wenn er es überhaupt konnte?
Was würde mit ihnen geschehen?
* * * * *
“Hey Mann, dich hab ich hier doch schon einmal gesehen.”
Die bullige Gestalt torkelte unsicher näher.
“Antworte gefälligst, wenn man mit dir spricht!”
Jack reagierte nicht.
Seine Augen hafteten an den Schaumperlen seines noch vollen Bierglases, die rechte Hand hielt lose die langsam abbrennende Zigarette, deren Asche unbemerkt auf der schmierigen Theke landete.
“Wohl zu vornehm für uns Hinterwäldler, was?”, lallte die Stimme weiter.
“Bis’ du nich’ der schräge Vogel, der immer bei den Rothäuten rumhängt?”
Jack schwieg immer noch.
Bedächtig ergriff er sein Glas und nahm einen tiefen Schluck.
Das lauwarme Getränk schmeckte widerlich, und Jacks Gedärme zogen sich zusammen, noch bevor die Flüssigkeit seine Speiseröhre hinunter gestürzt war.
Nichtsdestotrotz nahm er eine weitere Kostprobe, wartete, ohne aufzusehen auf weitere verbale Angriffe.
Er musste nicht lange warten.
Der Fremde mit dem ungepflegten, hellen Bart, den kleinen Schweinsäuglein und der roten Knollennase beugte sich zu ihm hinunter. Seine scharfen Ausdünstungen nahmen Jack den Atem, doch noch immer blieb er ruhig an seinem Platz.
“Ey Mann... zu fein für diesen Laden, aber das rote Gesocks lässt du in deine Nähe? Wird dir da nich übel, wenn du siehst wie diese Wilden unserm Herrgott die Zeit stehlen?”
Vertraulich näherte er sich Jack, rülpste einmal und nuschelte in sein Ohr.
“Unn.. außerdem kannst du dir sonst was einfangen... die sin’ doch alle nich’ ganz sauber... .”
Jack konzentrierte sich auf seine Zigarette, führte sie an die Lippen, nahm einen tiefen Zug, unterdrückte den Hustenreiz, der in ihm aufsteigen wollte.
“He Arschloch... ich red mit dir...”
Der Betrunkene packte ihn am Ärmel.
“Sei man froh, dass überhaupt jemand mit dir spricht... bei der Gesellschaft, in der du dich da rumtreibst. Ich hätte nich übel Lust dir mal grünnlich su seigen wo du hingehörst...”
Er rülpste erneut.
“Solche Leude wie du ham hier nämlich gar nix verloren... wir halten hier susammen gegen das Gesindel... bild dir ja nich ein...”
“Ist ja gut, Calvin. Du hast deinen Standpunkt klar gemacht.”
“Der Mann sucht Ärger, Boss... ich werd ihm seigen was ‘ne Harke ist.”
“Ich mach das schon, Junge. Setz dich hin und genehmige dir noch einen... auf meine Rechnung...”
Erfreut verschwand Calvin, machte einem hochgewachsenen Mann mit kupferroten Haaren und einem eindrucksvollen Schnauzer Platz.
Dieser trat langsam näher, zögerte einen Moment, bevor er sich einen Stuhl heranzog und gegenüber Jack Platz nahm, der immer noch nicht reagierte.
“Also... was ist das für eine Geschichte mit dir?”
Die meergrünen Augen wanderten prüfend über Jacks zusammengesunkene Gestalt.
“Seit zwei Tagen kommst du hierher, redest mit keinem, versteckst dich im Finstern... was sollen die anständigen Leute hier davon halten?”
Er schwieg, wartete auf Antwort, während seine Finger ungeduldig auf der Tischplatte trommelten.
“Du kannst ihnen nicht verdenken, dass sie sich Gedanken machen. Das ist eine gute Gemeinde hier... man hält zusammen... da kann sich nicht jeder einfach so hinein drängeln.”
Zum ersten Mal sprach Jack.
“Ich drängle nicht.”
Er räusperte sich.
“Ich will auch keine Probleme machen. Nur meine Ruhe haben.”
“Tja mein Freund...”
Der Rothaarige lehnte sich zurück.
“In diesem Fall solltest du die besorgten Nachbarn darüber aufklären was du hier treibst... vor allem was du mit diesem Indianer-Pack zu schaffen hast. Sie fürchten nämlich, du könntest ein zweiter McHenry werden.”
“Ein zweiter was?”
“Vergiss es, Mann.”
Er schüttelte abfällig den Kopf.
“Und vergiss es ebenso, noch einmal hier aufzutauchen.”
Er seufzte gespielt.
“Vor allem schmink dir ab, eines Tages einen von denen hierher zu bringen. Die haben hier nichts zu suchen...”
Der Mann wandte sein Gesicht zur Seite, warf Jack einen prüfenden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Die Zeiten sind vorbei, in denen die gemeint haben, sie dürften sich alles erlauben. Jetzt weht hier ein anderer Wind.”
Jack nahm einen weiteren Schluck. Es schmeckte noch schaler als zuvor.
“Ich plane nicht irgend jemanden hierher zu bringen.”
Er räusperte sich.
“Es gibt Orte, die sind eben nicht für jedermann geeignet.”
Der Rothaarige sah ihn nun direkt an und erwiderte langsam.
“Na dann verstehen wir uns ja in diesem Punkt.”
Er machte ein Zeichen in Richtung des Barkeepers, der mit einem widerwilligen Ausdruck in den Augen, die Jack musterten, eine Flasche ohne Etikett mit einer klaren Flüssigkeit und zwei schmuddelige Gläser vor sie hinstellte.
“Die Frage bleibt nun noch...”
Er pausierte absichtlich, bevor er eines der Gläser füllte und gedankenverloren dessen Inhalt fixierte.
“Die Frage ist...”
Er drehte sich wieder in Richtung Jack.
“Was zur Hölle hat einer wie du in einem Reservat verlore?”
Jack erwiderte den Blick ruhig.
“Ich wüsste nicht, das dich das etwas anginge... oder sonst irgend jemanden...”
“Ey... und ob uns das etwas angeht... du bist hier... mitten unter uns... willst du vielleicht etwas beweisen?”
Einer der Männer am Nebentisch hatte das Gespräch offensichtlich interessiert verfolgt und mischte sich nun ein.
“So’ne Typen können wir auch nich leiden.”
Jack verfolgte den Rauch seiner Zigarette, der sich aufwärts kräuselte, in dünnen Fäden die abgestandene Luft durchdrang, zur Decke stieg, wo er sich mit dem Qualm aus den unterschiedlichsten Quellen des Raumes vereinigte.
Die Wände waren beinahe grau vom Schmutz und Staub, der die Ritzen und Ecken füllte. Abgerissene Bilder aus Zeitschriften bemühten sich, mal mit, mal ohne Rahmen die Aufmerksamkeit der Kneipenbesucher von dem trostlosen Anblick abzulenken.
Barbusige Schönheiten, die sich auf Autodächern räkelten wechselten mit verblichenen Westernhelden. Ein Schwarzweißdruck mit dem grinsenden Konterfei John Waynes fand sich neben einer kleinen Sammlung, die offenbar zu Ehren Ronald Reagans angelegt worden war.
Endlich löste Jack den Blick von der Betrachtung des traurigen Etablissements, zog ruhig den bereits überquellenden Aschenbecher zu sich heran und drückte mit langsamen Bewegungen seine Zigarette aus.
“Ich suche Arbeit in der Gegend. Das hier ist der einzige Ort, der einigermaßen problemlos erreichbar ist, an dem ich den ganzen Mist mal für einen Augenblick vergessen kann. Und ich schätze...”
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er die Männer, von denen die Mehrzahl mittlerweile der Unterhaltung folgte, einen nach dem anderen musterte.
“Ich schätze, es geht euch auch nicht anders, sonst wärt ihr wohl nicht hier.”
“Geh doch woanders hin,” lallte Calvin von hinten.
“Wir brauchen niemanden, der seine Nase überall hineinsteckt... unn Jobs hamma selba nich genug. Die verdammten...”
“Ja, damit wirst du kaum Glück haben... allgemein tote Hose hier. Warum suchst du dir nicht eine Ecke dieses glorreichen Landes, die mehr Erfolg verspricht...”
“Der Scheißkerl gehört doch zu den Indianern.”
Ein junger Mann mit extrem kurz geschnittenen, weißblonden Haaren drängelte sich vor.
“Der schleimt sich doch nur hier ein, weil er darauf hofft ein Scheibchen abzubekommen, wenn die Wilden wieder nach Entschädigung rufen. Einen wie den kann ich gar nicht ab.”
“Beruhig dich, Phil. Die versuchen schon lang nicht mehr einen roten Heller zu ergattern, die haben ihre Lektion gelernt.”
“Der anscheinend aber nicht!”
Phil stieß einen Laut aus, der am ehesten dem wütenden Jaulen eines Kojoten glich, und stürzte sich auf Jack, umklammerte seinen Hals mit beiden Händen und riss ihn gewaltsam vom Stuhl.
Jack schnappte nach Luft, versuchte mit den Armen den Fall aufzuhalten, doch vergeblich.
Der Andere lag auf ihm, würgte und schlug gleichzeitig seinen Kopf gegen den Boden.
Um ihn herum johlten die Männer begeistert.
“Dir zeig ich’s, verdammter Indianerfreund...”, keuchte Phil.
Doch mit einem Mal verwandelte sich sein Keuchen in ein erschrockenes Japsen, als sein vermeintliches Opfer zu unerwartetem Leben erwachte, mit einem plötzlichen Ruck seine Beine befreite, ein Knie anzog und zielsicher in einer delikaten Stelle treffen ließ.
Phils Japsen wurde zu einem Quieken, als es Jack gelang, mit einer Drehung des anderen Glieder eisern festzuhalten, ein zweites Mal zuzustoßen und die Oberhand über den sich in Schmerzen windenden Körper zu gewinnen.
Ein Fauststoß gegen das Kinn seines Gegners, erlaubten es Jack wieder zu atmen, nachdem die
Hände sich wie von selbst gelöst hatten, kraftlos neben dem Besiegten niedergesunken waren, der nur ein leises Röcheln von sich gab.
Jack stieß ihn fort von sich, setzte sich auf, hustete trocken.
“Ich bin kein Indianerfreund”, krächzte er heiser in die still gewordene Menge.
“Ich hab keinen anderen Ort, an dem ich wohnen könnte, verdammt noch mal. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich es dort aushalten könnte, wenn ich die Wahl hätte.”
Mühsam zog er sich an einem Tischbein hoch, kam schließlich auf die Füße, ergriff sein Bier.
“Aber was solls... das Ganze ist beschissen genug... euch Idioten brauch ich bestimmt nicht, um mein Leben weiter in den Sand zu setzten.”
Er knallte das Glas zurück auf den Tisch ohne auch nur davon genippt zu haben, stützte sich schwer auf, stieß sich schließlich entschlossen von der Kante ab, und steuerte Richtung Ausgang.
Mit einem Knall schloss sich die Tür hinter ihm und er holte erst einmal tief Luft, bevor er weiter ging.
Ein unangenehmes Stechen machte sich in seinem Magen bemerkbar, als er Hanks parkenden Wagen in der Ferne ausmachte. Was der Lakota wohl sagen würde, wenn er eine Ahnung hätte, wozu er ihn wirklich benutzte? Und warum stellte er sich immer wieder diese Frage?
Es war besser, Hank hätte keine Ahnung von seinen Plänen. Es würde ihm nichts bringen zu wissen wofür er ein Auto benötigte, wohin er unterwegs war unter dem Vorwand einen Job zu suchen, eine Zukunft, eine Alternative.
“Hey... warte Mann!”
Die Tür klappte erneut. Gedämpftes Stimmengewirr drang für einen Moment aus dem Inneren der Bar.
Jack drehte sich um. Es war der auffallend große Rothaarige, der ihm mit langen Schritten hinterher eilte.
“Nichts für ungut, mein Freund... aber du verstehst doch, dass man sich ein Bild machen muss.”
Er grinste breit und streckte ihm die dünnknochige Hand entgegen.
“Jeremy King ist der Name. Und ich glaube, wir könnten noch etwas miteinander zu besprechen haben. Möglicherweise wird sich diese Gegend hier doch noch als der geeignete Ort für einen Mann mit deinen Fähigkeiten herausstellen.”
* * * * *
“Onkel Hank... Du hättest mitkommen sollen. Es war himmlisch!”
Das zierliche Mädchen mit den dicken, schwarzen Zöpfen, in die bunte Lederbänder eingeflochten waren, flog Hank in die Arme.
“Ich freue mich auch, dich zu sehen. “
Ein seltenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich von den ihn umstrickenden Ärmchen liebevoll befreite, und dem etwas größeren, mürrisch dreinsehenden Jungen zuzwinkerte.
“Und du Hawk? Welche Abenteuer hatte die große Stadt für dich parat?”
“Pffft”, schnaubte der Kleine.
“Zu laut, furchtbarer Gestank, viel zu viele unfreundliche Bleichgesichter.”
“Verstehe”, nickte Hank, streckte einen Arm aus und rückte, trotz des Widerstrebens des Jungen das verkehrtherum aufgesetzte Baseball Kappi gerade.
“Die Stadt ist nicht dein Ding.”
“Nee.” Hawk schüttelte entschieden seinen Kopf, dass die schulterlangen, blauschwarzen Haare nur so flogen.
“Die machen alles kaputt... der Himmel ist ganz grau und staubig und in der Nacht kann man noch nicht einmal die Sterne sehen”, beschwerte er sich lautstark.
“Ja..., für Hawk war unser Ausflug nicht ganz das Wahre.... er konnte nicht aufhören zu lamentieren... in seiner Abneigung gegenüber den Errungenschaften der modernen Zivilisation ist er ganz der Onkel.”
Der sehnige, hochgewachsene Mann mit den zahlreichen Lachfältchen um die Augen, grinste Hank breit an, bevor er eine sichtlich schwere Kiste anhob und aus dem weit geöffneten Kofferraum wuchtete, der dennoch aussah, als würde er jeden Moment überquellen.
“Was sollen die Haare?”
Hank betrachtete kopfschüttelnd die frisch geschnittene Frisur.
“Ach das.”
Der andere blickte betreten zu Boden und fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen, glänzenden Strähnen.
“Das war ihre Idee.”
Er wies mit dem Kinn auf seine Frau, die sich eben mit einem Rucksack und zwei Taschen belud.
“Pass bloß auf, du...”, drohte sie spielerisch und fügte beinahe entschuldigend in Richtung Hanks zu: “Manchmal ist es einfach cleverer, ein wenig mit dem Strom zu schwimmen, so wussten wir wenigstens, dass es nicht daran gelegen haben konnte.”
Ihr Blick verdunkelte sich.
“Immer noch kein Erfolg?”
Hank war auf das Auto zugetreten und half seinem Cousin das Gefährt auszuräumen.
“Was habt ihr nur alles mitgebracht?”, wunderte er sich kopfschüttelnd.
“Natürlich nicht”, fuhr die hübsche Frau schnippisch fort, bevor sie sich anschickte, ihre Kinder voran in Richtung Haus zu treiben, welche allerdings nicht bereit waren, sich weiterzubewegen, ohne vorher offensichtlich jeden Stein und jeden Grashalm, wie einen lange entbehrten Freund begrüßt zu haben, was das Fortkommen einigermaßen erschwerte.
“Es ist nicht mehr in Mode, sich um die Zustände in einem abgelegenen Reservat den Kopf zu zerbrechen. Momentan sind wir nicht mehr als eine unangenehme Erinnerung, ein ungelöstes Problem, das in den Hintergrund verschoben wird, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann von selbst erledigt haben wird.”
Thomas rieb seine Nase und wechselte das Thema, sichtlich entnervt.
“Das ist alles von Neema. Sie räumt ihr Haus aus... hat uns das ganze Gerümpel aufgedrängt. Es ist ihr zu groß geworden, seitdem sie alleine lebt... und dann die Erinnerungen... .”
Er bremste sich, biss sich auf die Lippen.
“Neema ist cool!”
Hawk, der sich unter dem Arm seiner Mutter hindurchgezwängt, und damit ihren letzten Versuch, ihn in das Gebäude zu scheuchen, zunichte gemacht hatte, fiel eifrig in das Gespräch ein.
“Sie hat uns die tollsten Geschichten erzählt, Onkel Hank. Auch von dir und von Buster, und wie das war, als ihr für die heilige Lanze gekämpft hat... Warum erzählst du uns nie davon?”
“Das ist lange her”, versuchte Thomas die Begeisterung seines Sohnes zu dämpfen.
Du weißt, dass Hank nicht gerne darüber spricht.”
“Ist schon gut.”
Hank winkte ab. “Es ist gut, dass sie davon erzählt hat. Die Geschichte der Lanze gehört zu den Lakota, und ich bin stolz und froh, dass Hawk sich dafür interessiert. Er wird sie später an seine Kinder weitergeben können...”
Er verstummte, bemühte sich die Schatten, die ihn bedrängten, zu verjagen.
“Das mach’ ich”, rief Hawk bestimmt. “Und jetzt seh ich nach Cheyenne. Sie hat sich bestimmt gefragt, warum ich nicht mehr zu ihr komme.”
“Das hat sie”, nickte Hank und sah ihm noch einen Moment hinterher, als er mit ungelenken Sprüngen auf die Wiese zu tollte, sich auf halbem Weg besann, innehielt, und den Rest der Strecke gemessenen Schrittes und hocherhobenen Hauptes zurücklegte.
“Wo sind die anderen?”, fragte Hank, als sie schließlich mit ihrer Last vorwärts marschierten.
Thomas seufzte und blieb stehen, wodurch Hank ebenfalls gezwungen war stehen zu bleiben.
“Warte einen Moment.”
Er sah sich um, vergewisserte sich, dass sie außer Hörweite waren.
“Sie haben beschlossen noch ein paar Tage dort zu bleiben, hauptsächlich um Neema zu helfen.”
“Und...”, fragte Hank.
“Und sie überlegen, das Haus zu übernehmen, dort zu bleiben.” Thomas suchte fragend Hanks Blick. Seine Stimme klang belegt, als er fortfuhr.
“Ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll, aber du kennst Sal. Er ist ständig auf der Suche nach etwas Neuem, einer Herausforderung. Und hier...”, er sah sich ernst um.
“Hier kann er das nicht finden, genauso wenig wie seine Kinder. Wir haben einen toten Punkt erreicht...”
Hank schüttelte den Kopf. Er sprach leise, Thomas war kaum in der Lage seine Worte zu verstehen.
“Ich weiß, dass er es immer versucht hat, aber es wird ihm nicht gelingen das Band zu lösen. Irgendwann kommt er zurück.”
“So wie du zurückgekommen bist.”
Thomas nahm den Weg langsam wieder auf. “Wenn deine Mutter noch am Leben wäre... sie hätte es vielleicht verstanden, ihn zu halten.”
Hank fiel in seinen Schritt ein. “Wir alle müssen unsere Erfahrungen machen. Vielleicht ist es eine Chance... vielleicht wird es für ihn anders...”
Thomas schnaubte ungläubig, hielt aber eine weitere Bemerkung zu diesem Thema zurück.
“Das Haus ist eine Ruine, er wird vollauf beschäftigt sein, es wieder herzurichten...”
“Und Neema?”
“Der Junge wird sie zu sich nehmen.”
Die folgenden Worte Hanks klangen gepresst.
“Das ist gut. Ich habe ohnehin nie verstanden, wie sie es so lange...”
“Wie sie es solange dort aushalten konnte?”
Thomas vervollständigte die Frage und zuckte mit den Schultern.
“Sie ist eine starke Frau. Und...”, er zögerte. “Ich weiß, du willst das nicht hören, aber... aber sie sprach immer wieder von einer Verbindung zu...”
Hank schluckte schwer. “Zu meinem Vater. Ja, sie hat es mir gesagt. Ich ... ich konnte trotzdem nicht wieder dorthin... nicht nachdem...”
Das Ende des Satzes ließ er ungesagt, sicher in dem Wissen, dass der Andere ihn auch so verstehen würde.
“Onkel Hank, Onkel Hank...”
Das kleine Mädchen von zuvor kam ihnen entgegen gestürmt, blieb heftig atmend vor ihnen stehen, absichtlich den Weg blockierend.
Fordernd stemmte sie ihre Hände in die Seiten.
“Wer wohnt bei uns?”
“Ach nein!” Thomas verdrehte die Augen. “Sag nicht, du hast schon wieder einen deiner Gäste hier.”
Hank zuckte mit den Schultern.
“Wer ist es denn diesmal?”
“Es... es ist anders.”
“Nunja.” Thomas stöhnte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und hob das vorher abgesetzte Gewicht wieder auf.
“Wenigstens haben wir genug Platz.”
“Das ist kein Problem, er schläft in Busters Zimmer.”
Überrascht starrte Thomas ihn an.
“Ich dachte...”
Er verfiel in plötzliches Schweigen, bevor er ruhig weitersprach, Hank von der Seite argwöhnisch betrachtend.
Dieser sah gerade nach vorne, seine eigene Last konzentriert Stück für Stück vorwärts schaffend.
“Nun... ich denke, das ist wohl gut... oder?”
Hank reagierte kaum, senkte ein wenig den Kopf.
“Ich weiß es nicht, Tom. Ich weiß es wirklich nicht.”
* * * * *
Der Morgen war klar und frisch, kalt, aber noch nicht unangenehm. Der Duft der Kiefern, die dem Gelände ihren Namen gaben, erfüllte die Luft auf beinahe betäubende Weise, als wollten diese Bäume es noch ein letztes Mal ausnutzen, ihn zu verströmen, bevor die Kälte des nahenden Winters mit seinen drohenden Bergen von Schnee und Eis es unmöglich machen würde.
Hank arbeitete im Stall. Mit kräftigen, weitausholenden Bewegungen lud er das schmutzige Stroh auf einen Karren, bevor er die Boxen mit Frischem wieder auslegte.
Er schwitzte. Ein ungewohntes Gefühl, und doch nur einer der Gründe, warum er sich unwohl fühlte. Als könnte er diesen Fehler durch körperliche Anstrengung korrigieren, begann er immer härter zu arbeiten, mit beinahe wütenden Stößen das Heu zu verteilen.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren.
Hastig drehte er sich um, und wusste in dem folgenden Augenblick nicht, ob er sich ärgern, oder erleichtert aufstöhnen sollte.
Jack stand im Eingang des Gebäudes, das von außen eindringende Licht umspielte seine Gestalt, ließ seine Haare funkeln.
Hank schlug die Augen nieder, zu sehr blendete die plötzliche Helligkeit.
“Es tut mir leid.”
Jack klang sanft und müde, dennoch nicht schuldbewusst.
“Hoffentlich hast du dein Auto nicht gebraucht. Ich... ich hab nicht gewusst, dass es so lange dauern würde... und... du hast kein Telefon.”
“Ich habe es nicht gebraucht.”
Hank sah auf, unsicher was er sagen, was er denken sollte.
“Ich habe nur... ich dachte...”
“Es tut mir leid”, wiederholte Jack. “Es lag nicht in meiner Absicht, es so aussehen zu lassen, als würde ich damit verschwinden wollen. Ich hab mich wirklich nur umgesehen nach... nach...”
Schweigen setzte zwischen ihnen ein, vertrautes Schweigen.
Jack suchte den dunklen Blick, der in dem schummrigen Dämmerlicht kaum auszumachen war, und tauchte in ihn ein, versuchte sich zu vergewissern, dass Hank nichts zurückhielt.
Hank wiederum fühlte sich verwirrt, war sich im Unklaren über das Ausmaß seiner eigenen Reaktion.
Der Ärger schien verschwunden, wie weggeblasen, nur noch ein irritierendes Kribbeln bewies ihm, dass er mit der Lage nicht im Reinen war.
Aber die Erleichterung, ihn wiederzusehen, die Last deren Gewicht er niemals hätte benennen können war ihm von den Schultern genommen in nur einem einzigen, winzigen Moment, erfüllte ihn mit einer Schwerelosigkeit, von der er nicht geträumt hatte, sie noch einmal erleben zu dürfen.
“Es ist gut, dass du wieder da bist”, sagte er schließlich, seinerseits in den blauen Augen nach Bestätigung forschend, von denen er wusste, dass sie ihn fixierten, aber die zu seinem Leidwesen im Gegenlicht nicht zu erkennen waren, und legte mit wieder erlangter Ruhe die Heugabel sorgsam beiseite.
“Ich... ich habe den Wagen abgestellt... neben dem...”
Jack stotterte, verlegen nach Worten suchend.
“Wenn jetzt deine Familie aufgetaucht ist, sollte ich lieber verschwinden... ich meine... ich möchte nicht...”
“Willst du denn gehen, Jack?”
Hank sah ihn lange an, nahm den Anblick der schmalen Gestalt, die mit Mühe ihre Nervosität zu unterdrücken schien, in sich auf.
“Ich... ich kann nicht”, flüsterte sie endlich. “Wenn es möglich sein sollte...”
Hank löste sich aus den Schatten, ging auf den anderen Mann zu. Das Licht erhellte die verloren wirkenden Gesichtszüge, während er näher kam.
“Komm mit”, sagte er, als er mit ihm auf gleicher Höhe war und fasste ihn sanft am Arm.
“Ich möchte, dass du jemanden kennen lernst.”
* * * * *
Gemeinsam betraten sie die ungewohnt belebte Küche, in der Toms Frau bereits geschäftig dabei war in einem großen, dampfenden Topf zu rühren.
“Sandra... das ist Jack. Er wohnt für eine Weile bei uns.”
“Ok.” Ohne sich umzusehen, langte die zierliche Frau in die Höhe, griff in das Regal über ihr und streute einen Augenblick später eine Handvoll Gewürze in die kochende Masse.
Schließlich schob sie das schwere Gefäß vom Feuer, wischte ihre Hände an der Schürze ab, und drehte sich um.
Ihre mandelförmig geschwungenen Augen wurden groß, als sie Jack erblickte.
Rasch sah sie hinüber zu Hank, dann wieder zurück zu dem kleineren Mann. Ohne es zu bemerken, hob sie eine ihrer Hände an die unwillkürlich zitternden Lippen.
“Ist das... das kann doch nicht sein. Hank...?”
Hilfesuchend wandte sie sich an den Größeren.
Lautes Geschrei riss sie aus ihrer Erstarrung.
Das Getrappel kleiner Füße näherte sich der Küche.
“Auuuu... Hawk hat...”
“Gar nicht wahr... ich...”
Plötzliche Stille.
“Onkel Hank?”
Fragende Blicke.
“Hawk und Carmen! Das ist Jack. Er wohnt in Busters Zimmer.”
Hank bezweifelte, dass er verstanden wurde, so tonlos und rau erschien ihm die eigene Stimme.
“In... aber da darf niemand hinein...”, bemerkte Carmen altklug.
“Ich meine...” Hilfesuchend sah sie sich um.
Hawk trat mutig einen Schritt vor, blickte Jack streng in das blasse Gesicht.
“Du siehst aus wie er.” Er runzelte die Stirn.
“Die Haare sind anders... und du bist zu dünn...”
“Ich... ich weiß nicht...”
Jack blickte von dem Jungen, über Sandras immer noch entgeisterten Gesichtsausdruck zu Hank, dessen Haut mit einem Mal eine ungesunde, graue Farbe angenommen hatte. Und als er dem Mann in die Augen sah, erstarb sein Blick mit dem des Anderen, konnte er den Schmerz spüren, der sich tief in der ruhigen Gestalt vergraben hatte.
Und dann begann er zu verstehen, fühlte einen Verlust, der schwerer wog, als diejenigen, die er durch litten hatte, aus einem Grund, den er sich noch nicht zu erklären vermochte, doch der in seine Seele eindrang und seine Spur hinterließ, die Dunkelheit darin mit einem scharfen Riss spaltete und eine offen klaffende Wunde zurückließ.
Die Antwort wurde ihm abgenommen durch den Eintritt eines hochgewachsenen Mannes, der von draußen das Gebäude betrat, sich geräuschvoll die Schuhe abklopfte, bevor er in die Küche kam, seiner Frau einen Arm um die Schulter legte und sie liebevoll an sich zog, bevor er sich die Mühe machte, die Situation einzuschätzen.
Die Kinder blickten ihn stumm an, Carmen kaute an ihrem Finger, und Hawk schien immer noch gebannt von Jacks Anblick.
Thomas ließ sich nichts anmerken, als er sich zu dem fremden Gast umdrehte und ihn konzentriert musterte.
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Hank, dessen zusammengepresster Mund nun eine gerade Linie bildete. Dieser erwiderte seinen Blick, räusperte sich.
“Jack bleibt in diesem Zimmer, solange es nötig ist. Er wurde schon vor langer Zeit zu mir geführt. Ich werde ihm helfen herauszufinden, wohin ihn seine Suche führen wird.”
* * * * *