Ein erster Disclaimer:
Leider habe ich so gut wie keine Ahnung von Kultur und Lebensweise der amerikanischen Ureinwohner und der Lakota insbesondere. Es ist alles Phantasie, die mit den besten Absichten entwickelt wurde, und hoffentlich niemanden in irgendeiner Weise vor den Kopf stößt. Sollte dies der Fall sein, entschuldige ich mich schon einmal im voraus in aller Form und Deutlichkeit. Meine spärlichen Informationen entnehme ich einigen Fanfictions und den Büchern ‘Lame Deer, Seeker of Visions’ und ‘Black Elk Speaks’, die ich absolut und unbedingt weiterempfehlen kann. Hauptsächlich jedoch handelt es sich um wirre Gedanken meinerseits, die unerklärlicherweise auch nicht vor Geheimagenten zurückschrecken, die sich hoffentlich ebenfalls nicht beleidigt fühlen, obwohl ihr Leben mit Sicherheit doch genauso verläuft, wie ich es gewohnt bin, darzustellen. Dies ist Fiktion, ohne den Anspruch irgendeinen wie immer gearteten Bezug zur Realität aufzuweisen.
 
* * * * *


 
Titel: Verloren, Kapitel VII
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol... etc...
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.

 

 
* * * * *
 
“Denkst du wirklich, das wäre eine gute Idee?”
 
Thomas begutachtete den blonden Mann kritisch, der gerade dabei war, sich von Hawk in die Geheimnisse des Vogelfluges einweihen zu lassen. Der Junge verfolgte mit ausgestreckten Armen die Flugbahn eines Raubvogels und durch das Fenster wirkte es, als würde er Jack und seine Schwester, die noch verschüchtert wenige Schritte hinter ihnen stand, mit einem unermüdlichen Schwall von Worten und Belehrungen überschütten.
 
“Du weißt nichts über ihn, ... und ich bin nicht sicher, ob ich ihn in der Gegenwart meiner Kinder sehen möchte.” Sein Blick richtete sich auf Hank, der mit einem scharfen Messer rot goldene Blüten klein hackte und flink unter eine erhitzte Masse rührte, bevor er sie in kleine, erdige Gefäße füllte und fest verschloss. Er nahm keine Notiz von den Worten seines Cousins, der einen Moment nachdenklich schwieg.
 
“Ich kann dich ja verstehen... irgendwie zumindest... aber trotzdem...”
 
Tom rieb sich die Stirn. “Es ist mir unangenehm. Der Mann ist mir nicht geheuer... ganz abgesehen von...” Er verfiel wieder in Schweigsamkeit.
 

 
“Drogen sind das Mindeste, das ich vermuten würde... es steht in seinen Augen geschrieben. Ich möchte einfach nicht, dass... gerade Hawk...” Tom stöhnte frustriert, als Hank weiterhin stumm blieb, statt dessen mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen Messer verschiedener Größe geschickt in grobe Tücher wickelte und diese zusammenschnürte.
 
“Es ist nicht Buster, Hank... ganz gleich, wie es dir vorkommen mag. Er ist es nicht.”
 
“Ich weiß das.” Hanks Stimme klang gequält. “Natürlich weiß ich das.”
 
“Viele Menschen sehen sich bemerkenswert ähnlich, ohne auch nur das Geringste miteinander zu tun zu haben.”
 
“Hör zu, Tom!” Die leise gesprochenen Worte vibrierten.
 
“Ich muss gehen. In den letzten Tagen wurde ich viel gerufen. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas geschieht hier und die Menschen brauchen einen Schamanen.” Er drehte sich um, blickte zu Boden.
 

 
“Manchmal wünschte ich, er hätte mich mehr lehren können. Zu oft bin ich hilflos, weiß nicht in welche Richtung die Zeichen mich führen. Die Visionen... sie sind undeutlich... ich kann sie nicht lesen...”
 
Tom nickte. “Dein Vater ist zu früh gegangen. Und dennoch steht es uns nicht zu, den Willen des großen Geistes anzuzweifeln. Wir können ihn nur um Kraft und Stärke bitten, und um die Erkenntnis, in seinem Sinne zu handeln.” Er fixierte Hank, hoffte, dass er aufsehen würde.
 
“Du hast die Gabe, und du weißt mit ihr umzugehen. Das hast du in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Vertraue darauf, dass, wenn du etwas nicht sehen kannst, dass er dann auch nicht will, dass du es siehst.”
 
Hank sah müde auf.
 
“So wie damals.” Er senkte die dunklen Augen wieder, richtete seinen Blick ins Leere. “Ich wünschte, ich könnte es glauben... ich wünschte, ich würde es mir nicht immer wieder vorwerfen...” Eine seiner Hände löste sich von der Tischkante, strich das wie ein Vorhang vor das Gesicht gefallene Haar zurück, bevor er wieder aufsah, Thomas direkt fixierte.
 
“Was Jack angeht... meine Entscheidung steht fest. Ich weiß nicht, was die Geister mit ihm vorhaben, warum sie mir diese Bilder schicken, seit Jahren schon schicken. Aber ich weiß, dass sie uns zusammengeführt haben, um einem bestimmten Zweck zu dienen. Was auch immer es sein wird, keiner von uns wird es verhindern können.”
 
Sein Blick funkelte.
 
“Und um die Kinder brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ihnen wird nichts geschehen.”
 
“Hank...”
 
Thomas richtete sich auf, doch der Andere hob abwehrend seine Hand.
 
“Nein Tom. Jacks Seele liegt offen vor mir. Es liegt keine böse Absicht darin... niemals.”
 
“Ich verstehe ja, dass die Ähnlichkeit...”
 
Hank schüttelte heftig seinen Kopf.
 
“Es hat nichts damit zu tun. Ich weiß es einfach. Er...” Der Schamane stockte.
 
“Er ist anders als...”
 
Er stockte wieder, fuhr leiser fort.
 
“Ihm fehlt der Frieden. Er kämpft einen aussichtslosen Kampf... schon viel zu lange. Jack ist ein Krieger, ein gefährlicher Kämpfer. Doch der Krieg, den er führt... er führt ihn gegen sich selbst.”
 
Er drehte sich wieder um und begann die Utensilien, die er an diesem Tage benötigen würde, zu ordnen. “Ich weiß, dass ich dir die Sorge nicht nehmen kann, vielleicht auch nicht sollte. Aber ich schwöre dir, dass er hier bleiben wird. Etwas anderes werde ich nicht dulden.” * * * * *
 

 
Der Mittag brachte unvermutet noch einmal Wärme, der Himmel strahlte in einem majestätischen Blau, wie Jack es aus dem oft glühend heißen Kalifornien nicht gewohnt war. Die Kinder, in Ermangelung ihrer Spielkameraden, oder aus purer Neugierde heraus, ließen ihn nicht los, zu interessant war die unerwartete Gesellschaft.
 
Hank und ebenso sein Cousin hatten die Farm verlassen, doch Jack bemerkte die prüfenden, misstrauischen Blicke, die Sandra regelmäßig in seine Richtung warf. Er wünschte nichts mehr, als sich ausruhen zu können, in das für ihn bestimmte Zimmer zu schlüpfen, und an Nichts denken zu müssen, solange bis... ja, solange bis er wieder zurück müsste, zurück an die verhasste Aufgabe, der er nicht entkommen konnte.
 
Doch Hawk und ebenso die langsam auftauende Carmen bombardierten ihn mit Fragen und Erläuterungen. “Onkel Hank legt Symbole auf die Erde.” Carmen deutete wichtig auf einen ordentlich aufeinander gestapelten Haufen glatt geriebener kleiner Felsbrocken.
 
“Kreise und Räder,” erklärte Hawk. “Denn alles im Universum verläuft im Rund.”
 
Er warf sich in die Brust.
 
“Wenn ich groß bin, wird er mir alles beibringen. Dann werde ich sein Nachfolger.”
 

 
“Aha.” Jack zeigte sich beeindruckt.
 
“Ja.” Hawk zeichnete unbehaglich mit seinem Fuß eine Spur im Sand. “Ich hab es ihm noch nicht gesagt, aber...” Er sah auf. “Onkel Hank hat keine Kinder, und wir brauchen einen Schamanen. Wenn man keinen hat, wird es schwer.” Er nickte altklug zu seinen eigenen Worten.
 
“Euer Onkel Hank...”
 
Jack räusperte sich. “Ich meine, habt ihr oft Besuch... so wie mich?”
 

 
“Klar”, nickte Hawk. “Das gehört dazu. Manchmal, wenn jemand krank... oder ein böser Geist in ihm gefangen ist.”
 
Er blickte Jack nachdenklich an.
 
“Aber niemals Wasichus. Und niemals darf einer dort schlafen, wo du schläfst.”
 

 
Jack spielte gedankenverloren mit einem Grashalm.
 
“In dem Zimmer hängt eine Gitarre. Wisst ihr, wem sie gehört?”
 
Carmen schüttelte den Kopf und sah ihn mit großen Augen an.
 
“Ich weiß es,” antwortete Hawk nach einem Moment des Zögerns. “Ich hatte es vergessen, aber Neema hat uns Bilder gezeigt, da ist es mir wieder eingefallen.”
 
“Was denn”, fragte das Mädchen ihren Bruder.
 
“Du warst noch gar nicht auf der Welt,” wehrte der Junge ab und wandte sich wieder an Jack.. “Die war von Buster. Er hat mir Lieder vorgespielt, als ich klein war!"
 
Er überlegte. “Sie waren ganz anders... ganz anders, als die von den Anderen. Ich hab danach nie wieder solche gehört.”
 
“Danach?”
 
“Nachdem er gestorben ist. Ich kann mich auch nicht an Vieles erinnern. Nur die Gitarre, und sein gelbes Haar.” Er grinste. “Er hat mich damit spielen lassen. Und die anderen auch...” Hawks kleine Nase kräuselte sich. “Er hat immer gelacht und ich glaube, er hatte viele Kinder dabei, bestimmt Hundert.”
 
“Bestimmt”, bestätigte Carmen.
 
“Du hast doch keine Ahnung”, wies ihr Bruder sie zurecht und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Jack zu.
 
“Aber selbst hatte er keine. Das hat Neema gesagt. Weil Onkel Hank und er keine bekommen konnten.” Nun legte er seine Stirn in Falten. “Und dann war er fort, und mein Onkel blieb ganz alleine. Neema hat gesagt, es hätte ihm das Herz gebrochen.”
 
“Aber wir sollen nicht davon reden”, fiel Carmen ein. “Sie wollte nicht, dass wir ihn daran erinnern.” “Ja”, bestätigte Hawk. “Du darfst also auch nichts sagen, Jack. Schon gar nicht, weil du sein Gesicht trägst.”
 
“Versprochen”, nickte der Agent. “Aber das mit dem Gesicht ist nur ein Zufall. So ähnlich kann ich ihm gar nicht sehen.”
 
“Nee, du bist viel zu alt. Und bestimmt nicht so nett.”
 
“Vermutlich nicht,” grinste Jack zum ersten Mal seit langem. “Seht euch also lieber vor.”
 
“Wir passen schon auf.” Hawk sah ihn ernsthaft an. “Aber du musst auch aufpassen. Da ist viel Dunkles um dich herum.”
 
Jack positionierte den runden Stein, den er gerade noch in seinen Händen gedreht hatte, neben sich, und legte nachdenklich den Kopf schief.
 
“Das siehst du?”
 
“Das kann jeder sehen”, antwortete Hawk überzeugt. “Du gehst im Finstern und die Last, die du mit dir trägst, ist zu schwer für dich alleine. Du wirst sie irgendwann teilen müssen.”
 
Er winkte ihm noch einmal zu, und sprang dann seiner Schwester hinterher, die genug von dem Gespräch hatte, und bereits auf dem Weg zur Wiese war, schiefe Pfiffe ausstoßend, die offensichtlich dazu gedacht war, die Pferde anzulocken.
 
Jack sah ihnen nach, die Wunde in seinem Herzen immer noch schmerzend, die Trauer, die er gefühlt hatte, tiefer und gleichzeitig erschreckend deutlich in ihrer Klarheit.
 
* * * * *
 

 
Als Hank zurückkehrte, schlief Jack tief und fest. Druck und Anspannung hatten ihren Tribut gefordert. Hank schloss die Tür lautlos wieder hinter sich, nachdem er sich von dem traumlosen Zustand der Erschöpfung, in der sich der Blonde befand, überzeugt hatte. Für einen Moment lehnte er sich gegen den äußeren Türrahmen, spürte die eigene Müdigkeit wie einen schweren Mantel, der ihn zu Boden drückte.
 
Das Leben im Reservat war niemals leicht gewesen, nicht nur die erbärmlichen Zustände, auch die Feindseligkeit der Weißen, die weit davon entfernt waren, ihre Existenz als gleichberechtigt zu akzeptieren, erschwerte den ständigen Kampf ums Dasein.
 
Die Krankheiten, die er als einen unvermeidlichen Teil des Lebens und Zeichen des Verfalls der äußeren Hülle, behandeln musste, traten zunehmend in den Hintergrund, verglichen mit den Resultaten der gewalttätigen Übergriffe verschiedenster Art, die er mühselig versuchte zu beheben. Ob angeblich versehentlich verursachte Autounfälle, Überfälle aus dem Hinterhalt, oder mutwillige Zerstörungen... all das führte zu Verletzungen, Knochenbrüchen und Schlimmerem. Vor allem anderen aber verstärkte es die Ängste, die ohnehin zu ständigen Begleitern der Lakota geworden waren. In einer Zeit, in der es gefährlich war für Kinder und Frauen am hellichten Tag den Rand einer Straße entlang zu laufen, in der sie fürchten mussten, dass jedes heranbrausende Fahrzeug sich in ihnen ein lebendiges Ziel suchen könnte, war es nur zu verständlich, dass jeder Weg aus dem Reservat heraus sorgsam bedacht wurde, dass das Bedürfnis, die Seinen zu schützen, in steigendem Maße nicht nur zur Vorsicht und Rückzug, sondern auch zu schwelendem Ärger und wachsender Kampfbereitschaft unter den Männern führte. * * *
 

 
Jonas und Bear waren in der letzten Nacht übel zugerichtet worden. Den Gedanken, ein Lokal aufzusuchen, in dem es bislang nie Probleme gegeben hatte, hatten sie bitter bereuen, Jonas beinahe mit dem Verlust eines Auges bezahlen müssen. Der Angriff war mit Sicherheit geplant gewesen, erzählte Bear, während Hank die Scherben aus seinem Bein zog, zu viele waren zu plötzlich über sie hergefallen. Abgebrochene Flaschen waren die geringsten der Waffen, gegen die sie sich zu erwehren gehabt hatten.
 
“Es waren Kinder”, sagte Jonas. “Höchstens um die zwanzig Jahre alt. Sie wussten nicht, was sie taten.”
 
“Alt genug, um es beurteilen zu können, was es bedeutet in der Überzahl und bewaffnet gegen einen ahnungslosen Gegner anzutreten.” Hank klang bitter, doch Jonas schüttelte erneut den Kopf.
 
“Wir waren nie ihre Gegner. Unsere Leute haben niemals Streit angefangen oder Ärger gemacht.”
 
“Nicht, dass sie das jemals abgehalten hätte”, brummte Bear.
 
“Ganz egal was wir machen, ob wir Ruhe geben, unsere Kinder mit christlichen Namen in die Welt hinausschicken, unsere Geschichte und Kultur verleugnen...”
 
“Sie sind von jemandem aufgehetzt worden, das ist völlig klar”, warf Jonas ein. “Diese Sache braut sich doch schon seit langem zusammen. Es hat mit den Leuten zu tun, die das Land von der Regierung gekauft haben. Sie haben es schrittweise getan, unter verschiedenen Namen, aber ich wette, dass ein und dieselbe Organisation dahinter steckt.”
 
“Und sie riegeln es ab wie Area 51, wenigstens Söldner, wenn nicht sogar Teile des Militärs sind involviert. Was meinst du dazu, Hank?”
 
“Ich meine, dass du stillhalten solltest”, murmelte der Angesprochene, während er vorsichtig eine dunkle Salbe auf die Wunde strich. Er seufzte und fuhr dann leise fort.
“Die steigende Anzahl der Übergriffe macht mir Sorgen.”
 
“Was sagen die Geister?”
Jonas blickte ihn neugierig an.

 
“Sie warnen, und...”, er biss sich auf die Zunge.
 
“Was? Was und...?”
 
Hank hielt in der Bewegung inne.
“Ich kann es nicht sagen, es ist... schwierig.”

 
“Es hat doch nicht mit dem Weißen zu tun, den du in dein Haus aufgenommen hast? Hank?”

 
Der Schamane blieb still, wartete ab, bevor er antwortete.
 
“Die Botschaften sind unklar, aber ... doch, es hat mit ihm zu tun.”
 
“Was soll das bedeuten. Was hat der mit uns zu tun”, fragte Bear. “Ehrlich gesagt, ich finde nicht, dass er bleiben sollte, nicht gerade jetzt. Er muss zu seinen Leuten gehen.”
 
“Er hat keine Leute.” Hanks Stimme wurde dunkler. “Vielleicht werden wir es sein, eines Tages... vielleicht hat sein Dasein eine Bedeutung für uns.”
 
Bear sah Jonas an, sie wechselten einen scharfen Blick, bevor er weitersprach. “Er tut nichts, um dein Vertrauen zu rechtfertigen. Wir werden nicht lange dabei zusehen.”
 
“Es ist nicht eure Entscheidung. Der große Geist hat ihn hierher geführt, und wird ihm seinen Weg zeigen.” Hank ordnete seine Werkzeuge, verschloss das Gefäß, aus dem er die Salbe geholt hatte.
 
“Er wäre nicht der erste Weiße, der sich entscheidet, den Pfad zu wechseln, Hank. Sei vorsichtig!”
 
Jonas war aufgesprungen, als Hank sich anschickte, zu gehen.
Aus seinem unverletzten Auge starrte er ihn prüfend und besorgt an, ergriff ihn am Arm. “Bitte Hank... sei vorsichtig!”
 
“Das bin ich.”
Hank zwang sich zu einem schmalen Lächeln und schritt zur Tür. Jonas folgte ihm.
“Du weißt, dass ich für dich da bin. Immer!”
 
Sie standen sich gegenüber.
 
“Ich weiß.”
 
“Komm zurück zu mir!”
 
Hank senkte den Kopf.
“Ich kann nicht, Jonas. Es tut mir leid.”

 
“Hey.” Jonas kam näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter, senkte seine Stimme auf ein Flüstern. “Ich weiß, dass ich dir niemals werde Buster ersetzen können. Das kann niemand. Ich bitte dich nur, keinen Fehler zu machen.”
 
Hank nickte stumm.
“Das werde ich nicht.” Das tonlose Wispern wurde mit seinen letzten Worten beinahe unhörbar. “Es tut mir leid, dass ich nicht...”

 
“Ist nicht deine Schuld.”
 
Jonas schüttelte traurig den Kopf, ließ die dunklen Haare das verletzte Auge bedecken, als er ebenfalls zu Boden blickte. “Es war gut und richtig, solange es gedauert hat.”
Er drückte versichernd des anderen Mannes harten Muskel.
“Und ich bin zufrieden, wenn ich dir darüber hinweg helfen konnte. Ich habe immer gewusst, dass eure Bindung zu stark war, dass niemand in der Lage sein würde, ihm nachzufolgen.”
 
Hank schluckte, und erwiderte den Druck.
Mehr war nicht notwendig. Jonas und er hatten sich immer, ohne viele Worte verstanden.
 
* * *
 

 
Hank merkte, wie er sich zunehmend in Erinnerungen verlor. Er strich sich mit der Hand über die Stirn, konzentrierte sich auf die übrigen Ereignisse des Tages, die unglücklichen Unfälle, bei denen er notdürftig Hilfestellung geleistet hatte, den heiligen Mann, der schon in seiner eigenen Jugend alt gewesen war, und der jetzt klaglos im Sterben lag, die Schmerzen stoisch ertrug, die höhere Macht ohne zu zweifeln annehmend, egal was sie ihm auferlegte. Ein bitterer Geschmack stieg in ihm auf.
 
Er sah ihn kämpfen, beobachtete, wie der Kampf Tag für Tag schwerer wurde, das Leben aus diesem Körper, der dazu gemacht geworden schien, ewig zu halten, langsam und qualvoll entwich, und es riss die Narben wieder auf, die nie richtig verheilt waren, die Narben, die sich in seine Seele gefressen hatte, als er gezwungen gewesen war, hilflos dem Todeskampf Busters beizuwohnen.
 
Auch nicht, als er den Segen bei der einzigen Geburt an diesem Tag gesprochen hatte, war es ihm leichter um sein Herz geworden, sah er doch die Welt, in die das unschuldige Kind hineingeworfen wurde, die vaterlose Familie, die kaum in der Lage war jeden Einzelnen, der zu ihr gehörte, ausreichend zu versorgen.
 
Hank zwang den Schmerz, der, obwohl Bestandteil seiner Selbst, an Tagen wie diesen, zu schwer für ihn zu ertragen war, gewaltsam zurück, stieß sich von dem Türrahmen, der ihn immer noch von dem schlafenden Mann trennte, dessen Anwesenheit ihn von Tag zu Tag mehr verwirrte, ab, und kehrte wieder zu seinen Pflichten zurück.
 
* * * * *
 

 
Die Bremsen jaulten, als sie den breiten, glänzenden Schlitten mit einem Satz zum Stehen brachten. Sand wirbelte auf, verbarg für einen Augenblick die Reifenspuren, die von der Drehung, die der Wagen im Moment des Anhaltens ausgeführt hatte, zeugten. Eine Hupe gellte unfreundlich durch die Nacht.
 
“Mach schon, Jack”, grölte die heisere Stimme. “Ich bleib hier keine Sekunde zu lang.”
 
Jack hastete vorwärts, bemühte sich halbwegs leise zu bleiben, doch das Klappen und Knarren der Türen durchdrang mit betäubender Wut sein Trommelfell.
 
“Verdammt, Leute. Was denkt ihr euch dabei so einen Krach zu machen?”, zischte er, nachdem er mit einem Sprung in dem offenen Wagen gelandet war. “Angst, Jack?”
 
Der glatzköpfige Mann am Steuer grinste hinterhältig.
 
“Meinst du, die Rothäute belegen uns mit einem Zauber, wenn wir sie ärgern?”
 
“Halt bloß die Klappe”, warnte Jack mit einem nervösen Blick auf das Gebäude, das hinter ihnen verschwand, leblos und dunkel, als wäre der uneingeladene Besuch unbemerkt geblieben. “Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir erzählen würde, zu welchen Dingen die in der Lage sind.”
 
“Hör auf, Junge!” Eine belegte Stimme vom Rücksitz lachte.
“Was sollen sie machen, dich verfluchen?”
“Ernsthaft...” Jack drehte sich zu dem Sprecher um. “Wenn jemand einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, dann ist es diese Bande. Was glaubt ihr, warum ich so vorsichtig bin?”
 
“Na dann, alle Achtung, mein Junge. Erstaunlich, dass du nicht schon lange die Fliege gemacht hast, wenn die Burschen dir so nahe gehen.”
 
Jack setzte sich zurück.
“Was ich versprochen habe, halte ich auch. Und solange ihr keinen Unsinn macht, funktioniert die Sache auch.”
 
“He... nun mal schön langsam. Nur weil Jeremy meint, du wärst bereit für den nächsten Schritt, heißt das noch nicht, dass wir alle dieser Meinung sind. Wann haben wir dich kennen gelernt? Vorgestern?” Ein Achselzucken seitens Jack.
“Zeit ist relativ. Wenn er meint, dass für mich Raum in dem großen Plan wäre, dann bin ich neugierig, zu erfahren, worin dieser besteht.”
 
“Das wirst du schon früh genug merken, Mr. Federal Agent.”
Jack’s Kopf fuhr herum.
Ein höhnisches Lachen erwiderte die Reaktion.

 
“Du glaubst doch nicht, dass wir jeden reinlassen. Dein Lebenslauf ist... gelinde gesagt... faszinierend.” Jack sank zurück in die Polster.
“Na toll. Und jetzt?”
“Nichts... jetzt... , mein Freund. Du kennst wenigstens den Feind, weißt wozu er in der Lage ist. Und...” Der andere Mann legte eine nachdenkliche Pause ein.
“Und du besitzt wirklich jede Qualifikation, die wir benötigen.”

 
“Da bin ich aber froh”, antwortete Jack bissig. “Wie lange muss ich mir denn euer Geschwätz noch anhören?” “Nur die Ruhe, Jacky. Erstmal bekommst du was fürs Auge.”
Mit diesem Worten wurde Jack von hinten ein Tuch um den Kopf geknotet, das ihm die Sicht nahm. “Großartig”, murmelte er. “Mal was ganz anderes.”
Die Männer im Wagen lachten blökend. “Ganz recht. Wir wollen doch nicht, dass deine roten Kameraden dich an den Marterpfahl stellen oder mit dunkler Magie dazu bringen, ihnen unser Zentrum zu zeigen.”
 
“Und warum, um Gottes Willen, sollten sie davon etwas wissen wollen?”
“Na du bist mir vielleicht ein Früchtchen. Sollten wir sie unterschätzen, so werden sie noch ahnen, dass das jüngste Gericht in Riesenschritten auf sie zueilt. Glaubst du nicht, dass sie dann anfangen werden, noch mehr Schaden anzurichten, als bisher?” Der Glatzkopf schüttelte den Kopf.
“Die Drogen haben dir wohl doch ein paar Gehirnzellen zu viel weggefressen.” “Halt’s Maul, Arschloch!”
Jack schlug blind zu, traf jedoch nur ins Leere, was die Belustigung seiner Mitfahrer nur erhöhte.
 
Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, kam der Wagen endlich zum Halten.
Unverständliche Worte wechselten, quietschend öffnete sich ein Tor.
Nach einer weiteren kurzen Fahrt wurde die Binde von Jack’s Augen entfernt, er selbst unsanft aus dem Auto gestoßen.
 
Ein weites, trotz der Dunkelheit grell weiß scheinendes Gebäude ragte vor ihnen auf.
Jack bemerkte, dass es sich geschickt in die Schatten der Felsen schmiegte, aufgrund der ebenmäßigen Struktur schwer auszumachen sein dürfte. Wäre das Dach ebenfalls getarnt, so müsste es nahezu unmöglich sein per Flugzeug oder Satellit bei einer Routineuntersuchung etwas zu bemerken. Er sah sich weiter um. Die Richtung hatte sich ihm eingeprägt. Er wäre in der Lage vage Hinweise auf seinen Standort durchzugeben. Doch bis jetzt gab es noch nicht die geringste Veranlassung. Sie befanden sich auf Privatgrund, in der Abgeschiedenheit Dakotas. Niemand würde sich dafür interessieren, was eine namenlose Gruppe von Menschen hier in die Wege leitete.
 
* * * * *

 
Jack folgte den anderen, die zielstrebig auf den Eingang des Gebäudes zuliefen.
Ein metallenes Tor öffnete sich automatisch, lud sie zum Eintritt ein.

 
Leise, meditative Musik erklang im Hintergrund, elektronische Variationen eines Themas in einer Endlosschleife.
 
Gedämpftes Licht erhellte unaufdringlich den Raum, drang aus verborgenen Nischen der Wandtäfelung, das Geheimnis seines Ursprunges nicht preisgebend.
 
Sie schritten vorwärts, schweigend, der feierlichen Atmosphäre ihren Tribut zollend. Ein zweiter, größerer Raum öffnete sich, empfing die Männer, die unwillkürlich ihre Köpfe gesenkt hielten.
 
“Willkommen Brüder! Willkommen Anwärter!”
 
Jeremy King’s Stimme hallte ihnen entgegen. Er trug ein weißes, weit geschnittenes Gewand, ein stilisiertes Schwert in Gold auf die Brust appliziert.
 
“Der Orden des Schwertes begrüßt euch.”
 
“Und wir danken im Namen des Allmächtigen”, antworteten die Eingetretenen im Chor.
 
Jack sah auf. Sein Blick flog über die kahlen, fensterlosen Wände, den merkwürdig graphitfarben glänzenden Boden, der jedes Geräusch zu verschlucken schien, die gelblich schimmernde Decke, von deren Mitte ein übergroßes, ebenfalls graphitfarbenes Kreuz hing, das wie eine dunkle Mahnung vor ihnen zu schweben schien. Rötliches Licht ausstrahlende Scheinwerfer konzentrierten sich auf das Symbol, umgaben es mit einer beeindruckenden Aura, die zugleich fesselte und Ehrfurcht erforderte.
 
Jacks Begleiter wichen zurück, gesellten sich zu anderen, stummen Beobachtern, die der Agent erst auf den zweiten Blick in den Schatten bemerkte, in denen sie sich bewegungslos verborgen hielten.
 
“Komm näher, Jack!” Jeremy streckte seine Hand aus.
 
Jack senkte den Blick und folgte seiner Aufforderung.
 
Jeremy richtete seine Aufmerksamkeit nun auf das Publikum, das ihn umgab. Mit durchdringender Stimme begann er zu sprechen.
 
“Brüder im Geiste!” Er ließ eine Pause sich ausdehnen, bis kein Geräusch, kein Atemzug mehr zu hören war.
 
“Es gibt keine Zweifel!
 
Unser Führer, der Hüter des Schwertes vom vierten Quartal des sechsten Kreises hat seine Entscheidung getroffen. Für all jene, die sich insgeheim fragen, ob wir einem Fremden vertrauen sollten, hat er eine Botschaft.” Er schwieg wieder, blickte sich streng um.
 
“Unser Führer, der in geheimem Kontakt zu den Mächtigen dieses Landes, ja, zu den Mächtigen der Welt zählt, hat die Vergangenheit des Anwärters durchleuchtet, erforscht, nicht nur mit den modernsten, technischen Mitteln, sondern auch mit seinem unfehlbaren Röntgenblick. Nicht nur die Geheimdienste unserer Heimat, auch die feindlicher Streitkräfte, haben ihm offenbart, was er in seiner Weisheit schon lange geahnt hatte. Dass dieser Mann...”
 
Er streckte erneut die Hand aus, wies auf Jack.
 
“Dass dieser Mann, der Unbeschreibliches hat erdulden müssen, der seine Loyalität zu einem System, das der Satan selbst ins Leben gerufen hat, mit Leid und Schmerz hat bezahlen müssen, der verraten, verkauft und abgeschoben worden ist, bis in einen Abgrund, aus dem es kein Entrinnen mehr geben konnte. Dass dieser Mann erleuchtet werden soll,
dass er aufsteigen wird in die Gemeinschaft des Schwertes,
dass seine wiedererstarkten Kräfte uns helfen werden, unser ersehntes Ziel zu erlangen.
Zweifelt nicht, Brüder.
Er ist der Mann, der uns helfen wird, die Kontrolle über dieses Land zurückzuerlangen,
der die verhassten Indianer von der Erde tilgen wird,
der uns den Weg nach Washington ebnen kann.”

 
Gedämpftes Gemurmel erklang.
Jeremy hob den Arm und schnitt das Geräusch mit einer, die Luft scharf durchschneidenden Bewegung ab.
 
“Um seine Entscheidung zu bekräftigen, weilt er heute unter uns. Begrüßt den geheimen Hüter des Schwertes!”
 
Die Männer sanken sofort in die Knie, neigten ihre Häupter, beinahe in Furcht. Jack tat es ihnen nach, bemerkte die Schritte schwarzer Stiefel, die auf ihn zu gingen, einen Moment vor ihm innehielten, bevor sie die Richtung wechselten, und den Sprecher ansteuerten.
 
“Sieh auf, Jack!”
 
Jack gehorchte so demütig, wie es ihm möglich war.
 
Eisblaue Augen studierten ihn forschend, wanderten prüfend über seinen Körper.
 
Die Gesichtszüge erschienen Jack vage vertraut, das aschblonde Haar, der unnatürlich gebräunte Teint kamen ihm beunruhigend bekannt vor.
 
Blitzschnell ging er die, in den Windungen seines Gehirnes gespeicherte Kartei der Fahndungsphotos, durch. Weder China, noch die Folter, deren er sich selbst ausgesetzt hatte, waren in der Lage gewesen, sein Gedächtnis endgültig zu löschen.
 
Etwas blitzte auf in seiner Erinnerung. Es war lange her, der Tag der Atombombe, der Tag des Anschlages auf David Palmer, des ersten Anschlages, dessen, der nicht den gewünschten Erfolg gehabt hatte, zu ihrer aller Glück. Er wich den Schatten aus, konzentrierte sich auf das Bild in seinem Kopf.
 
Das war er.
 
Jacks Augen trafen die des anderen Mannes.
Einer der Verantwortlichen für die Ereignisse dieses Tages, einer der Wenigen, die entkommen waren. Max... mehr hatten sie ihm nicht sagen können, als er damals in die CTU zurückgekehrt, seine Arbeit wieder aufgenommen hatte. Der Kontakt nach Europa, deutschsprachiger Abstammung, das war alles, das sie hatten entdecken können. Zu schnell hatte er seine Spuren verwischen können, zu schnell war er im Nichts verschwunden, ebenso wie Andere, die ihn später wieder heimgesucht hatten, andere, wie Nina oder Saunders.
 
Jack riss sich zusammen. Das war nicht die Zeit für bittere Erinnerungen, nicht der Augenblick sich über die Herkunft des Mannes Gedanken zu machen. Er war ein Terrorist, der schon einmal versucht hatte, das Land, vielleicht die Welt in den Untergang zu treiben. Und nun war er dabei, es wieder zu versuchen.
 
* * * * *
 
Max Cauldron, wie er sich in dieser Phase seines Lebens nannte, musterte die schmale Gestalt zu seinen Füßen aufmerksam. Er wusste genau, wen er vor sich hatte, kannte jedes einzelne Detail aus Jacks Akten.
 
Es mochte lange Zeit gedauert haben, doch nach all dem, was geschehen war, konnte von dem Mann, der so besessen für seine Überzeugung gekämpft hatte, nicht mehr viel übrig geblieben sein. Und nicht zum ersten Mal verließ er sich darauf, dass aus den erbittertsten Gegnern die wertvollsten Verbündeten erwachsen würden, eine Erfahrung, die sich während seiner Laufbahn bereits mehrfach bestätigt hatte. Menschen, die in Extremen lebten, waren angewiesen auf die Bestätigung ihres Glaubens. Nahm man ihnen den Boden unter den Füßen, erschütterte die Säulen, auf denen sich ihr Weltbild gründete, so verloren sie alles, was ihnen etwas bedeutet hatte, begannen sich, wie ein Fähnchen im Sturm, nach dem nächstbesten, fundamentalistischen Prinzip auszurichten, das ihrer Existenz erneuten Sinn verlieh. Auch Jack würde keine Ausnahme sein, desillusionierte Agenten waren wie Soldaten. Wies man ihnen einen Fehler in der Denkweise, auf der ihr Handeln aufbaute nach, brachte die tönernen Füße, auf denen die Ideologie, der sie folgten, basierten, zum Zerbröckeln, so zerbrachen sie, stürzten in Schluchten, die einem Menschen, der sich nur seinem Gewissen verantwortlich fühlte und danach handelte, erspart blieben. Nicht ohne Grund bestand der feste Kern des ‘ Schwertes ‘ aus Menschen, die aus dem einen oder dem anderen Grund ihren Kampf mit Waffen ausgefochten hatten. Niemand benötigte dringender eine Basis und ein Ziel, als jemand, der sie schon einmal verloren hatte.
 
Und dass Jack beides verloren hatte, war mehr als deutlich. Jemand, der alles gegeben hatte, und dann mit Nichts als dem Beweis der Sinnlosigkeit seines Tuns zurückgelassen wurde, wollte mit offenen Armen aufgenommen werden, sehnte sich nach dem Versprechen, dass ein Schuldiger gefunden und bestraft werden würde, ob es sich nun um ein Land, ein Volk oder einen Politiker handelte. Und all das würde er Jack gewähren, so wie es unzähligen anderen in dieser oder einer ähnlichen Situation quer über den Erdball verteilten Menschen gegeben worden war. “Das Schwert des Göttlichen” sorgte für seine Kinder, gab ihnen großzügig, sofern sie sich ihm mit ganzem Herzen verschrieben. Jemand wie Jack würde eine Bereicherung sein, ein Experte in Strategie und Waffentechnik das Einzige, das ihnen in diesem Stützpunkt noch gefehlt hatte, um loszuschlagen. Als hätte der Göttliche selbst, es so gefügt, falls Max an ein solches Wesen glauben sollte, als hätte er geahnt, dass sie nur noch ein Zeichen benötigten, um losschlagen zu können. Max grinste in sich hinein.
 
Sofort nach diesem Schauspiel hier, würde er die Basis kontaktieren und Waffen, Munition und Sprengstoff hierher liefern lassen. Es gab nun keinen Grund mehr, nicht auf das allerbeste gerüstet zu sein. Vielleicht würde von dem Zentrum, das er leitete, der entscheidende Impuls ausgehen.
 
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Jack hielt seinen Blick ergeben gesenkt, bemühte sich, die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, nicht sichtbar werden zu lassen. Unwillentlich ignorierte er die Vorgänge um sich herum, ließ sie einfach geschehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken, reagierte automatisch auf die wenigen Aufrufe zur Beteiligung. Automatisch bekundete er seine Zustimmung zu den Aufnahmebedingungen, beugte den Kopf, um den Schwertschlag zu empfangen, der die Akzeptanz seiner Anwärterschaft symbolisierte, wiederholte das lateinische Gelöbnis, dessen Fehler in Satzbildung und Grammatik anscheinend niemandem außer ihm auffiel und wartete geduldig darauf, entlassen zu werden.
 
Endlich trat Jeremy wieder hervor, und Jack fing einen erleichterten Blick des Zentrumsoberhauptes auf, der ihm verriet, dass dieser ebensowenig an die Heiligkeit seines Tuns glaubte, wie er selbst. Doch das ehrfurchtsvolle Aufatmen, als auch die Zuschauer sich erheben durften und ihn in ihrer Mitte begrüßten, zeigte mit Deutlichkeit, dass wenigstens die Mehrzahl der Anwesenden von der Richtigkeit und Wichtigkeit der Vorgänge überzeugt waren.
 
“Du wirst dich nun bewähren müssen, Jack”, sagte King.
“Unser Führer wird dir deinen ersten Auftrag mitteilen, wenn du mit ihm allein sein wirst. Davon, wie gut du ihn erfüllst, wird seine Entscheidung abhängen, inwieweit er dich weiter einbeziehen wird. Aber ich weiß...” Er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein.
“Ich weiß, dass du uns... dass du den Orden nicht enttäuschen wirst.”
 
“Ich werde mich seiner würdig erweisen”, sagte Jack und sah dem Rothaarigen fest in die Augen.
 
“So komm denn mit und du wirst mehr erfahren.”
 
Jack folgte ihm in ein Nebenzimmer. Im Vergleich zu dem eben verlassenen Raum, in dem die Teilnehmer der Zeremonie sich gerade anschickten, ein weiteres Ritual, untermalt von anschwellender Musik, durchzuführen, das in Jacks Augen am ehesten mit einer Art Abendmahl zu vergleichen war, wirkte dieser hier klein, dunkel und trostlos.
 
Geduldig wartete er, lauschte auf die Gesänge, die gut isolierte Wände kaum durchdrangen.
 
Endlich trat Max ein, nun ohne sein zeremonielles Gewand. Er nickte Jack nachlässig zu, bevor er die kleine Stufe zu einer Erhöhung erklomm, von der aus er Jack aus einer überlegenen Position betrachten konnte. Er schlug einen großen Ordner auf, und rückte einige Papiere gerade. Jack fühlte sich zurückversetzt in Schul- und Studentenzeit, musste gleichzeitig das psychologische Geschick bewundern, mit dem hier vorgegangen wurde. Ein Schema, das, insofern überall vergleichsweise ähnlich durchgeführt, eine gewisse Wirkung auf die gewählten Zielgruppen nicht verfehlen dürfte.
 
“Du weißt, dass du dich bewähren musst!” Max von Hallburgs kalte Augen penetrierten den Ergebenheit heuchelnden Blick des Agenten, der sich unter dem Einfluss duckte.
 
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“Ich weiß.”
Jack nickte.
 
“Du bist in einer einzigartigen Lage und du wirst diese zu unserem Vorteil nutzen.” Max betrachtete ihn prüfend.
“Es hängt viel davon ab, dass wir dir vertrauen können. Können wir das, Jack?”
 
Jack erwiderte den bis ins Mark forschenden Blick. “Ich werde alles tun, um das in mich gelegte Vertrauen zu rechtfertigen. Er zögerte.
 
“Ich sehe es... ich sehe das als meine letzte Chance...”
 
In Maxs Augen blitzte es zufrieden auf. “Und dies ist es auch. Doch, wenn ich dich richtig einschätze, dann wirst du mich nicht enttäuschen. Du weißt, worum es geht, und du weißt, dass Opfer gebracht werden müssen.”
 
Er intensivierte seinen Blick, eisiges Blau traf auf samtweiches Türkis.
 
“Und deine Geschichte erzählt mir, dass du bereit dazu bist, schon immer bereit dazu warst.” Er holte tief Luft.
 
“Um dieses Land rein zu waschen, werden wir bei seinen Wurzeln beginnen müssen. Vereinzelte Schreckschüsse werden nicht mehr reichen, bald werden Gerechtigkeit und Ordnung die Erde wie einen schützenden Mantel überziehen. Und wenn dereinst der Orden herrschen wird, dann ist auch die Zeit gekommen, in der du erkennen wirst, dass der Allmächtige bereit ist, dir deine Sünden zu vergeben.”
 
“So sei es.” Jack sah vertrauensvoll hoch, erwartete in Demut die weiteren Anweisungen.
 
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Hank schlug einen eintönigen Rhythmus.
 
Die ledrige Haut, die sich über das bauchige Holzgefäß spannte, vibrierte im Takt, wölbte und dehnte sich unter seinen bronzenen Händen, die gleichmäßig, ununterbrochen, im sanften Schein einer einzigen Fackel, die Trommel bearbeiteten. Sein Oberkörper wiegte sich langsam, die Lippen bildeten Worte, die keinen Anfang und kein Ende besaßen. Der Rauch des kleinen Feuers wuchs an, formte Gestalten, Bilder, Geschehnisse, die in ferner Vergangenheit oder auch in weiter Zukunft lagen.
 
Hank bemerkte weder Kälte, noch die Stunden, die an ihm vorbeizogen.
 
Er schwebte.
 
Die Trance trug ihn fort, gewährte ihm Zugang zu einer anderen Welt, erlaubte ihm mehr zu sehen, weiter, tiefer, als seine Sinne, es ihm jemals ermöglicht hätten.
 
Er flog durch die pechschwarze Nacht, die dunklen Felder, Wälder und Hügel glitten tief unter ihm hinweg. Die Sterne verbargen ihr Antlitz, der Himmel über ihm lastete schwer auf seinen beiden Schwingen, die ihn ruhig und gleichmäßig auf seinem Weg durch die Finsternis trugen.
 
Er suchte ihn, seine scharfen Augen erspähten jeden Grashalm, jedes Zucken eines schwächeren Lebewesens, das den gefährlichen Raubvogel über sich erahnte.
 
Sie durchdrangen die Dunkelheit, ebenso wie der rasche, lautlose Flug des Adlers die kühle Nachtluft durchschnitt.
 
Es war unumgänglich, dass er ihn fand. Nicht nur Jacks geheimnisvoller Aufbruch, jeder seiner bis zum Zerreißen angespannten Nervenenden, schrie unüberhörbar nach Hilfe.
 
Hank sandte sein Totem über das Land, durchquerte mit ihm die Gefilde der Lebenden und der Toten. Nichts würde ihn davon abhalten, keine Macht der Welt davon abhalten, Jack zu finden.
 
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