Titel: Verloren, VII
Autor: callisto24
Fandom: 24, Renegades
Charaktere: Jack Bauer, Hank Storm
Genre: Drama, m/m slash in Andeutungen
Rating: R
Thema: Jack nach Season6, Crossover. Jack Bauer trifft auf den Lakota Hank Storm und wird gegen seinen Willen in die Ereignisse um das Pine Ridge Reservat einbezogen, die weitreichende Folgen zu haben scheinen.
Warnungen: Depressionen, Drogen, Alkohol, Gewalt...
Anmerkungen: Nichts davon gehört mir, kein Geld wird verdient.
* * * * *
Noch hatte er nichts angerichtet, noch hatte er keine irreparablen Fehler begangen, kein einziges Leben, ob es nun ein ihm wertvolles oder ein fremdes war, ins Verderben gestürzt.
Noch war Zeit, noch war nichts geschehen.
Jack stützte sich mit einem Arm gegen die graubraune, im Dunkeln kaum auszumachende, bröckelige Hauswand, nur wenige Schritte vom Beginn des Reservatgebietes entfernt.
Mit der anderen umklammerte er die Mitte seines Körpers, presste die Hand gegen den revoltierenden Magen, als könnte sie ihn davon abhalten den spärlichen Inhalt wieder hoch zu würgen.
Ihm war übel, er fühlte sich elend und gezeichnet, verdorbener denn jemals zuvor.
Er konnte das nicht mehr, war nicht mehr der Mann, der monatelang ein Drogenkartell täuschen konnte, der alles tat, was erforderlich war, um Vertrauen zu behalten oder zu gewinnen.
Er wusste nicht mehr warum, es existierte kein Grund in dieser Welt, zu lügen, sich zu verstellen, Dinge zu tun, die er zutiefst verabscheute, sich zu verleugnen oder das Wenige, das noch übrig geblieben war von der Person, die er einst verkörpert hatte.
Sein Innerstes verkrampfte sich und er sank auf die Knie und übergab sich auf die nackte Erde.
Kälte schüttelte ihn, und doch konnte er nicht aufhören zu würgen, den fruchtlosen Bemühungen, die sein bereits geleerter Magen unternahm, nachzugeben, bis er erschöpft zu Boden fiel und sich dort zusammenrollte.
Er musste nur ein wenig ausruhen, ein wenig Kraft schöpfen, und dann würde er all dem ein Ende machen. Er würde verschwinden, die Qualen des Gewissens, die Lügen und Täuschungen , die doch zu nichts als Chaos und Verzweiflung führen würden, egal was er tun, unabhängig davon wie sehr er sich bemühen würde, all dass zurücklassen, jemand anderem die Arbeit, die Verantwortung übergeben, jemandem, der sie tragen konnte.
Sein Magen schmerzte mit jedem weiteren Versuch, ihn von der unsichtbaren Last, die seine Seele beschwerte, zu befreien, und er stöhnte leise.
Ihm blieb keine Zeit, sich lange auszuruhen, die Morgendämmerung drohte, und damit die Möglichkeit den Schutz der Dunkelheit zu seinen Zwecken zu nutzen.
Ein weiteres Stöhnen ging in einen trockenen Husten über, der bittere Geschmack in seinem Mund reichte aus, um seinen Magen erneut zum Revoltieren zu veranlassen.
Immer noch in fetaler Stellung zusammengekrümmt, versuchte er seine unregelmäßigen Atemzüge zu beruhigen, den Puls zu senken, erinnerte sich an die Wege des Geistes, die es ihm erlauben könnten, dem Körper zu entfliehen und dadurch einen Bruchteil der Ruhe zu schenken, die er benötigte.
Die forschenden Augen des Sektenoberhauptes, die sich seinen Gedanken aufzwangen, verwandelten sich in den kalten Blick Chengs, die glühenden Augen Ramons. Er zwang die hasserfüllte Stimme von Saunders, die fanatischen und doch ihm so vertrauten Worte Marwans, die aus seiner eigenen Seele hätten stammen können, die er selbst hätte glauben können, damals, als er noch der Meinung gewesen war, es würden zwei, sich voneinander unterscheidende Seiten existieren, und dass er anders wäre als Marwan, als jeder Mensch, der bedingungslos glaubte, ... er zwang all diese Geister, die auf ihn eindrangen, miteinander verschwammen, ineinander übergingen, wuchsen, sich vermehrten, ihn zu verschlingen drohten... er zwang sie zurück, konnte sie nicht ertragen, konnte nicht mehr ein Teil von ihnen sein.
Er musste es schaffen, musste sich aufrichten und gehen, so schnell und so weit wie möglich, all dies hinter sich lassen, verschwinden. Niemand durfte ihn mehr finden, niemand aufspüren, niemand zwingen Verbrechen zu begehen, zu töten, zu zerstören, Menschen und Erde durch seine Hände leiden lassen.
* * * * *
Jack konnte sich nicht erinnern, wie es ihm gelungen sein mochte, sich in eine aufrechte Position zu kämpfen, geschweige denn vorwärts zu kommen, unermüdlich, einen unbekannten Pfad einschlagend, der ihn, wie er sehr wohl wusste, in keine andere Richtung, als seinem eigenen, endgültigen Untergang entgegen führen, ihn von dieser unerträglichen Last des Seins befreien und den Schmerz beenden würde, den er sich und anderen durch seine bloße Existenz zufügte, den er nicht erleichtern und nicht lindern konnte, egal welche Anstrengungen er auch unternahm.
Er stolperte vorwärts, blind in der Dunkelheit, obwohl der graue Schimmer des Morgens die Konturen der Pflanzen und Gebäude, an denen er sich vorbei mühte, beinahe schon erahnen ließ.
In ihm herrschte Finsternis und Schuld, das Wissen, dass für welchen Schritt er sich auch entscheiden würde, die Konsequenzen nicht mehr zu ertragen wären.
Die Kraft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen ,war ihm vor langer Zeit genommen worden.
Nur fort von diesem Ort, von diesen Menschen, die in ihrer Unschuld nichts von dem ahnten, was ihnen angetan werden würde, was geschehen würde, mit und ohne seinem Zutun, das unvermeidlich und ungerecht war, und ein Teil dessen zu sein, er nicht mehr ertragen konnte.
Die Nacht war sein Freund, verbarg ihn, schützte ihn, solange er es zulassen würde, half ihm zu entkommen, die Pforte zu suchen, die ihn befreien konnte.
Keine Häuser mehr, keine Wälder, nur noch Weite. Die Zeit dehnte sich in eine Ewigkeit der Furcht. Furcht vor Entdeckung, Furcht davor dem Schicksal nicht mehr entrinnen zu können.
Über ihm ertönte der heisere Schrei des Adlers, ein Windstoß erfasste ihn, trieb ihn vorwärts, bis sein Fuß sich in der Schlinge einer Wurzel verhedderte, und er erschöpft zu Boden fiel.
Auf allen Vieren kroch er vorwärts, nur noch ein wenig, nur noch ein kleines Stück, bis er ein Versteck finden würde, eine Höhle, in der ihn niemand würde aufspüren können, einen Weg, all dem ein Ende zu machen.
Seine Bewegungen wurden langsamer, mit unerträglichen Anstrengungen gelang es ihm seinen Muskeln den Willen aufzuzwingen, von dem er wusste, dass er ihn besaß.
Bis der Wille brach, bis er aufgab, zusammensank auf der harten Erde. Nur für einen Moment, nur ein Augenblick der Ruhe, nichts anderes erfüllte seine Sinne, als Beine und Arme ihm ihren Dienst versagten.
Die Wunde an seinem Hals blutete immer noch. Winzige Tropfen sickerten zu Boden, tränkten ihn mit dem Beweis seiner Lebendigkeit.
Der Adler spürte die verletzte Kreatur in der Tiefe, er kreiste über dem Wesen, das sich verzweifelt vorwärts wand, das einer Schlange gleich über Felsen und Hindernisse glitt, solange, bis auch das letzte Aufbäumen von Stärke dem kalten, schmalen Körper entflohen war.
* * * * *
Das scharfe Bremsen der Reifen, das rasche Klappen der Tür des lädierten Geländewagens, drang aus weiter Ferne in Jacks Bewusstsein.
Beinahe lautlose Schritte, die hastig vorwärts auf ihn zu eilten, dunkle Schwingen, die ihn schützten, warme Hände, die ihn berührten, ihn drehten, seinen Rücken entlangfuhren, prüfend, tastend, ihn stützend, und ihn schließlich aufrichteten, bis ihm ein Stöhnen entfuhr.
Zitternd sog er die kühle Morgenluft ein, lehnte an der harten, starken Brust des Mannes, der ihn gefunden hatte, und von dem er im ersten Augenblick bereits gewusst hatte, dass es niemand anders als Hank sein konnte.
Er wehrte sich dagegen, doch er konnte nicht anders, als Halt zu finden in der Wärme, die ihn umströmte, Trost zu erspüren in den langen Fingern, die seinen Körper hinab wanderten, offensichtlich jeden Zentimeter nach Verletzungen oder gebrochenen Knochen durchsuchten.
Jack wollte sprechen, wollte ihm sagen, dass alles mit ihm in Ordnung, dass nichts geschehen war, das Hanks Sorge bedurfte, und doch konnte er kein Wort hervorbringen.
Die unerwartete Geborgenheit, die ihn umspielte, brachte etwas längst in ihm Gestorbenes zum Schmelzen, ließ seine Augen brennen in dem Wunsch Tränen zu vergießen, wenn er noch, ja, hätte er noch welche übrig gehabt.
Aber er trug nichts mehr in sich, nichts mehr, das er hätte preisgeben können, und so entkam seinen Lippen lediglich ein trockenes Schluchzen, als Hank ihn, nachdem er seine Untersuchung abgeschlossen hatte, in seinen Armen wog, sanft und doch fest, und er spüren konnte wie des Lakotas Stärke in ihn eindrang, ihn liebkoste und erfüllte, bis seine Seele wieder Kraft und Mut schöpfte, so wie er es sich niemals hätte erträumen können.
“Hank.” Nichts als ein Flüstern, doch der andere vernahm ihn, denn er verstärkte den Halt und bewegte seinen Mund hinunter zu Jacks Nacken, ohne in der Bewegung innezuhalten.
“Schsch”, flüsterte er in Jacks Ohr.
“Nur noch einen Moment.”
Jack schwieg und schloss die Augen, ergab sich dem Gefühl gehalten, getragen und auf unerklärliche Weise geheilt zu werden von einer Krankheit, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass er unter ihr litt.
“Nein!”
Seine Augen flogen auf, und er riss sich mit einem groben Ruck los, befreite sich von den ihn umstrickenden Armen, versuchte sich aufzurichten.
Es gelang ihm jedoch nur, sich ein winziges Stück von Hank zu entfernen. Die Schwäche ergriff ihn mit Macht, als er sich umdrehte, den dunklen Blick des Anderen auf sich ruhen fühlte und der Versuch eines erneuten Atemzuges von seinen Lungen mit einem Stich, der sich anfühlte, als würde ihm ein brennender Speer durch den Oberkörper gestoßen, quittiert wurde.
Mit einem zischenden Laut sog er die Luft ein, biss die Zähne zusammen und krümmte sich nach vorne.
Hank beugte sich ebenfalls vor und berührte ihn an seiner Schulter, stützte und bewahrte ihn erneut davor zusammenzuklappen.
Mit kräftigem Druck schob er sie ein Stück von sich weg, so dass die Haut an Jacks Hals sich dehnte und er wiederum vor Schmerz zuckte.
“Warum haben sie das gemacht?”, fragte der Lakota leise, Jack mit seinen wie schwarzer Onyx glänzenden Augen durchbohrend.
Jack hob seine Hand, ließ sie jedoch auf halbem Weg zu dem scheußlichen Brandzeichen, das sich mitleidlos in die empfindliche Haut gegraben hatte, wieder sinken.
Er versuchte den Kopf zu schütteln, bereute die Bewegung, die sich als ein grausames Stechen in seinem Fleisch bemerkbar machte, jedoch sofort.
Erinnerungen flammten auf, die obwohl nicht einmal wenige Stunden alt, bereits den Weg in die Schublade seines Verstandes gefunden hatte, in denen er Bilder wie diese einzuschließen pflegte.
Johlende, grölende Männer, für die dieser Teil der Zeremonie unzweifelhaft den Höhepunkt darstellte, ein strahlendes, mindestens den Durchmesser eines Meters messendes rötliches Metallgefäß, mit einem lodernden Feuer als Inhalt und Zentrum des Geschehens.
Glühendes Eisen, das mit einem zischenden Laut seine Haut verbrannte, das Max in die bereits unerträgliche Wunde presste, angefeuert von den Schreien der Zuschauer, die das Schauspiel in keinem Augenblick mehr genossen, als in dem Moment, in dem er angefangen hatte zu schreien wie sie. Nur dass es die Bitte um Gnade war, die seiner Kehle entflohen war, die Aufgabe all dessen, was er einst gewesen war, der Schwur von Treue, der bedingungslosen Anerkennung des Schwertes, dessen verzerrtes, blutendes Mal nun für immer in seiner Haut verbleiben würde, als Beweis seiner Schwäche, seines Versagens, seiner Falschheit.
“Lass mich gehen, Hank! Lass mich gehen, bevor Schlimmes passiert!”, wisperte er unhörbar, und doch konnte Hank seine Worte verstehen.
“Schlimmeres, als bereits geschehen ist?”, fragte er und sein Blick traf die in der Morgendämmerung bläulich grau scheinende Iris, die ihn unter sich hebenden, bebenden Lidern , suchte, fing den unsicheren Ruf nach Hilfe und bannte ihn mit seiner Ruhe.
Jack schluckte, versuchte den dunklen Augen zu entgehen, die ihn mitleidlos festhielten, die Wahrheit aus ihm zu erzwingen suchten.
Doch er konnte es nicht, konnte nicht weiter, durfte nicht vertrauen, niemandem, niemals wieder.
“Ich muss fort”, flüsterte er erneut, beinahe flehend, eine sinnlose Bitte um Verständnis.
Hank bewegte sein Kinn in Richtung der zornig roten Blase, die sich an einer Stelle des Brandzeichens gebildet hatte.
“Deswegen?”, fragte er?
“Warum lässt du das geschehen? Du gehörst nicht zu diesen Leuten.”
Seine Stimme enthielt keine Anschuldigung, nicht die geringste Spur eines Vorwurfes, ausschließlich Neugierde schwang in ihrem sanften Klang.
“Das tue ich, Hank.”
Seine Worte klangen rau, fühlten sich an als würden sie mit Schleifpapier an seinen Stimmbändern reiben.
“Du weißt nichts von mir. Du weißt nicht wer... was ich bin.”
“Denkst du das wirklich?”
Dunkle Augen studierten jedes Beben, jedes Zucken, das sein Gesicht verriet, jede Bewegung, die nervöse Hände ausführten in dem Versuch abzuwehren, zurückzudämmen, zu schützen, zu bewahren.
Doch Jack wusste schon seit langer Zeit, wie er seine Gesichtszüge unter Kontrolle halten, Emotionen vortäuschen oder verbergen, Gefühle unter Verschluss halten, in jeder erforderlichen Intensität äußern oder für immer fortsperren konnte.
Techniken der Verstellung, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen, von ihm Besitz ergriffen hatten, mehr als er von ihnen.
Und obwohl Hank diese Fassade mehr als einmal durchbrochen hatte, ja, im Begriff war, sie wieder zu durchbrechen, konnte Jack dieses fremde Eindringen nicht zulassen, nicht ertragen, einen Menschen in diesen geschützten Platz in seinem Inneren einzulassen, nicht noch einmal, nicht noch mehr. Er wusste nicht, um was er noch fürchtete, was es sein konnte, das Hank noch in der Lage wäre, ihm zu nehmen, und doch scheiterte er an dem alleinigen Gedanken, konnte die Kraft nicht aufbringen, nur die Möglichkeit zu erwägen, sich ihm gegenüber zu öffnen.
Jack wich weiter zurück, versuchte, gestützt auf Händen und Knien aufzustehen, fortzukommen, weiterzugehen, zu tun, was er sich vorgenommen hatte.
Er verschloss den Ausdruck in seinen Augen, spannte die Gesichtszüge an, ohne den bohrenden Augen auszuweichen. Sein Körper straffte sich wieder und er atmete langsam, gewann Zeit, Zeit zu überlegen.
Hank beobachtete den Kampf, der in Jack statt fand, erschüttert von dem gnadenlosen Streit, der in dem schmalen Mann tobte, und der keine Sieger hervorzubringen schien, nur Verluste auf allen Seiten.
Ob Jack wusste, wie er ihn sah? Ob er ahnte, dass der Lakota sehen konnte, was mit ihm geschah, ohne es wirklich zu sehen, dass seine perfekte Art der Verstellung ihn nicht täuschen konnte?
Hank fragte sich, ob nur er es war, dem die Seele dieses Mannes offen lag, der fühlen konnte, was er fühlte ohne zu wissen, was er wusste.
Lag es an dem was er war, wer er war, oder gab es diese Verbindung wirklich?
Das Band von dem er geträumt, das er sich gewünscht, ersehnt hatte, so sehr, dass er nicht wusste, ob er seiner Existenz vertrauen sollte, dessen Fasern so deutlich zu ihm wiesen, und das sich zu wünschen, er dennoch nicht zugegeben hatte.
Nicht, bis er Jack hatte auf der kalten Erde liegen sehn, der leblose Körper kein Zeichen aufweisend, dass er noch einen Geist enthielt.
Und obwohl ihm sein Gefühl versichert hatte, dass er noch am Leben war, dass er es gewusst hätte, tief innen gefühlt, wenn das Leben seinen Körper verlassen hätte, so hatten doch die eiskalten Finger sein Herz in ihrem mörderischen Griff gehalten, sich wie schneidende Eiszapfen in sein Zentrum gebohrt, gedroht, ihm zu entreißen, was er geglaubt hatte, das ihm schon vor langer Zeit entrissen worden war.
Als er den lebenden, atmenden Körper dann in seinen Armen gehalten hatte, da war es ihm in glasklarer Deutlichkeit vor Augen getreten, da hatte er endlich gewusst, was er sich wünschte, und gleichzeitig die Trauer gefühlt, den Verlust, da es ihm niemals gehören konnte.
Doch lebte er, und solange Jack lebte, würde er für ihn da sein, würde verhindern, dass er sich das antat, was der dunkle Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte, ihm eingab zu tun.
* * * * *
“Es tut mir leid, Hank.”
Jack kam sich leer und hohl vor, als er die Worte aussprach.
Trotzdem wiederholte er sie.
“Es tut mir leid. Es gibt keinen anderen Weg.”
Er legte Festigkeit in seinem Blick, erbebte jedoch, als ihm Hanks verschlossenes, aber für ihn weit geöffnetes Wesen, entgegentrat.
Hank streckte seine rechte Hand aus, als wollte er den körperlichen Kontakt wieder herstellen, dem was er sagte, Bedeutung verleihen.
“Was auch immer dich quält, wer auch immer dich jagt, dich zwingt Dinge zu tun, unter denen deine Seele leidet, ich werde dir helfen, ihm zu begegenen.
Du bist nicht allein in dieser Schlacht. Die Geister, die uns zusammengeführt haben, kannten den Grund. Einen Grund, den auch wir eines Tages erkennen werden.”
“Das ist keine Schlacht, Hank. Kein Kampf für dich. Du bist mehr, besser als das...”
Er senkte den Kopf, müde, ausgebrannt.
“Du musst das verstehen. Ich bin nicht das, wofür du mich hältst.”
Hank fuhr damit fort, ihn stumm anzusehen.
Jack fühlte sich, als würde ihn der Blick Schicht für Schicht entblättern, als wollte er nicht eher ruhen, bis er sein Zentrum erfasst und enthüllt hatte.
“Ich werde dich nicht gehen lassen.”
Jack blickte auf, hypnotisiert von der Macht dieser Augen.
“Du weißt nicht, was du sagst.”
Seine Stimme klang tonlos.
“Egal was auf dich lauert, Jack. Ich werde dir helfen, das durchzustehen.”
“Du hast keine Ahnung, worum es geht.”
“Die habe ich nicht.”
Hank trat auf Jack zu, bis er die Wärme des anderen Körpers spüren konnte.
“Sag es mir, Jack, und wir werden damit fertig.”
Jack schüttelte den Kopf.
“Du weißt nicht, was du da tun willst. Ich werde gehen, ich muss es tun. Verschwinden, solange es noch möglich ist.”
“Ist es denn noch möglich, Jack?
Kannst du gehen?”
Der Blonde sah auf. Die ersten Strahlen der Morgensonne erreichten den Horizont, warfen einen überirdischen Schein, der den Größeren umrahmte, das Dunkel seines glänzenden Haares vertiefte, das markant geschnittene Gesicht in Schatten tauchte, aus denen lediglich die Augen wie schwarze Perlen auf ihn herab schimmerten.
Der exotische Duft nach fremden Kräutern und seltsamen Gewürzen, erfüllte schwer seine Sinne, drängte sich machtvoll in sein Bewusstsein, zeigte ihm, was er niemals wieder hatte entbehren wollen.
Und er ahnte, dass es zu spät war, dass er nicht mehr würde fliehen können, dass die Zeit abgelaufen war, die Fänge all derer, die ihn umklammern wollten, von überall her aus dem Boden krochen, ihn erspürt hatten, in ihr Netz gewoben, nie mehr zulassen würden, dass er sich von ihren Klauen befreite.
“Wenn du mich nicht gehen lässt, so wirst du es bereuen.”
Ein letzter, verzweifelter Versuch, sich frei zu winden,... zum Scheitern verurteilt, wie all die vergeblichen Versuche zuvor.
Sein schmerzerfüllter Blick warnte Hank, erzählte ihm von dem Fehler, den er zu machen bereit war.
“Ich würde es bereuen, dich fortzulassen”, antwortete Hank schlicht.
* * *
“Es ... es gibt eines...”
Jack schluckte und wandte den Blick wieder ab.
“Etwas, das ich dir erzählen muss, es ist wichtiger als alles andere. Etwas, das du sofort tun musst.”
Er sah auf seine Füße, den Staub, der seine ausgetretenen Schuhe bedeckte.
“Du musst deine Familie wegbringen. Hier ist bald niemand mehr sicher. Bring sie fort, bring so viele wie möglich fort von hier.”
“Es ist unser Land, Jack.”
“Ich weiß... es ist nur...”
Er stockte.
“Es gibt Leute, die das anders sehen, und die vor nichts zurückschrecken werden... vor gar nichts, Hank. Bring die Kinder fort!”
“Du verstehst nicht, Jack. Wir haben nichts anderes, als unsere Wurzeln.”
Jack rieb sich die Stirn.
“Und die sind stark und werden auch das hier überstehen, wie immer es sich entwickelt. Hank...”, er blickte hoch.
“Ich kann dir nichts sagen, ich weiß selbst nichts, das dir, das euch helfen könnte. Aber...”
Jack stockte wieder.
“Ich weiß, dass ich Carmen und Hawk in Sicherheit wissen möchte, dass ich alle hier in Sicherheit wissen möchte..., dass, egal was ich tun werde, egal was passieren wird...”
“Sie werden sicher sein, Jack. Ich werde dafür sorgen.”
“Hank, ich ... ich kann dir nicht mehr sagen... es wäre wirklich besser, ich würde... “
Er blickte zur Seite, wo stumpfe Farben begannen in dem Licht zu leuchten, das sich aus den über ihnen zusammenziehenden Wolkenbergen seinen Weg hartnäckig bahnte, sprach leise, mehr zu sich selbst.
“Du weißt nicht, was den Menschen zustößt, die... die in meiner Nähe bleiben, die nicht die Gelegenheit ergreifen, sich so weit sie können von mir zu entfernen.”
Hank trat näher.
“Komm mit, Jack. Es wird alles gut werden.”
Müde schüttelte Jack seinen Kopf, eine beinahe unmerkliche Bewegung.
“Ich...”
Hank streckte seine Hand aus, berührte ihn an der Schulter, sah auf ihn hinunter, lange, intensiv, beschwörend, bis Jack endlich zu ihm aufblickte.
Er zitterte, seine Knie drohten nachzugeben, die Erschöpfung übermächtigte ihn, forderte erneut ihren Tribut.
Gerade noch rechtzeitig gelang es Hank, ihn zu stützen, seinen Arm um ihn zu legen und ihn an sich zu ziehen, bevor er das Gleichgewicht verlieren konnte.
Er ergriff Jacks nach vorne baumelnde Hand und legte sie sich um den Nacken, übernahm das Gewicht, das sich ihm entgegen lehnte mit spielerischer Leichtigkeit, seine Augen den Blick des Kleineren festhaltend, ihn mit sich nehmend, seine Last tragend, als bestände sie in nichts Schwererem, als dem Flaum einer Feder.
* * * * *
“Ich habe es dir gesagt, du machst einen Fehler.”
Thomas schüttelte ärgerlich seinen Kopf, fuhr sich durch das abstehende Haar.
Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen, als er seinen Cousin wütend anstarrte.
“Ich weiß, dass es einen Grund für all das gibt. Vertraue mir, er wird das Richtige tun.”
“Natürlich.”
Thomas schnalzte mit der Zunge, er musterte Hank beinahe spöttisch, atmete tief durch bevor er fortfuhr.
“Meine Geduld hat auch irgendwann ein Ende. Ich kann nicht verstehen, dass du...”
Er biss sich auf die Zunge, starrte auf den Boden, bevor er sich abrupt umdrehte.
“Mach was du willst, Hank... ich bin nicht bereit, dir in dieser Sache zu folgen.”
* * *
Jack wartete.
Die Schritte entfernten sich, erst die des einen Mannes, dann die längeren Hanks, dessen weichen Gang er irritierenderweise bereits problemlos aus allen anderen Geräuschen heraushören konnte.
Er schluckte das Bittere, das sich seine Kehle hinaufarbeiten wollte, hinunter, und lauschte noch einmal in das dämmerige Gebäude hinein.
Die Würfel waren gefallen, alles Weitere lag nicht mehr in seiner Hand.
Er rieb die feuchten Hände an seiner Jeans trocken, bevor er lautlos die Tür öffnete.
Sie hatten sich entfernt, das Haus war frei von jedem Lebenszeichen, und ihm blieb nur noch die Hoffnung, dass seine Warnung nicht auf taube Ohren gestoßen war, dass der stolze Lakota verstanden hatte, was er versucht hatte, ihm anzudeuten.
Vorsichtig schlich er den schmalen Gang entlang, die ausgetretenen Stufen hinunter, sorgfältig jede knarzende Stufe, jedes schiefe Brett, das ein Geräusch von sich geben konnte, vermeidend.
Er war allein, aber dennoch nicht bereit, ein Risiko einzugehen, beachtete automatisch jede Vorsichtsmaßnahme, umging jede Quelle für eine mögliche Lautentwicklung.
Es war beinahe dunkel, die Zeit des Wartens hatte ein Ende gefunden.
Jack öffnete das enge Fenster, das in Richtung des Stalles zeigte, das er vorsorglich schon während einer seiner ersten Erkundungstouren durch das Gebäude geölt hatte, und schwang sich wie ein Schatten hinaus in die Nacht.
Nur das sanfte Zirpen der Insekten, die mit der Dunkelheit zum Leben erwachten, mischte sich mit dem leisen Rascheln des Strauches in den er sich duckte, obwohl Stimmen und Schritte der Männer sich auf ein entfernteres Ziel zu bewegt hatten.
Er wartete wieder, um sicher zu gehen, dass er alleine war, dass kein zweites menschliches Wesen außer ihm den Boden der Farm betreten hatte.
Die verbrannte Haut an seinem Hals schmerzte höllisch, sicherlich nicht zuletzt, da er die kühlende Salbe, mit der Hank die Wunde versorgt hatte, sobald dieser gegangen war, wieder abgerieben hatte, vermutlich etwas zu gründlich, denn er hatte erst aufgehört zu reiben, als er das Blut gefühlt hatte, dass seinen groben Fingern entgegen quoll.
Aber er hatte es nicht riskieren können, dass ihn die Medizin des Schamanen betäubte, dass ihn die Substanzen, die jener verwendete, einschläfern oder abstumpfen würden, denn, wie heilsam und wohltuend diese Kunst auch gewesen war, er war lange genug schwach gewesen, die Situation erforderte nun seine gesamte Aufmerksamkeit.
Welche Macht auch immer Hank über ihn ausüben mochte, welchen Einfluss er über seinen Verstand gewonnen hatte, es spielte nun keine Rolle mehr. Hank hatte die Entscheidung selbst getroffen, ihn von sich aus gezwungen den düsteren Weg weiterzugehen.
Jack schlich weiter, nutzte Schatten, nutzte sein Wissen, nutzte die Kenntnisse, die er sich im Laufe seines Lebens erworben hatte, als er lautlos, schlangengleich seinen Weg suchte.
Die Messer, die er Hank entwendet hatte, schmiegten sich kalt an seine Hüften und sein Bein, Vorboten dessen, worauf er sich gefasst gemacht hatte.
* * * * * *
“Okay Mann. Du bist der Indianer hier.”
Phil rieb sich die Hände, warf Jack einen immer noch zweifelnden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Wenn der Boss meint, du hättest hier den Durchblick, dann beweis uns doch mal, was du drauf hast.”
Er grinste hämisch, nickte Calvin zu, der sich gerade an den beiden anderen Männern, die aus dem zweiten Truck kletterten, vorbeidrängte.
“Was sagst du dazu, Dicker?”
“Halt’s Maul”, zischte der andere, sich sichtlich unbehaglich fühlende Mann.
“Schluss damit”, fuhr Jack dazwischen. “Für so etwas ist keine Zeit.”
Er näherte sich dem Fahrzeug und untersuchte die Ladung.
“Gut.” Er nickte.
“Es wird nicht viel ausrichten, aber für einen gewaltigen Schreckschuss sorgen... wenn ihr...”, er betrachtete die traurigen Gestalten um sich herum mit Skepsis. “Wenn ihr schnell und vorsichtig arbeitet, und euch nicht erwischen lasst.”
“Und wo bleibt da der Spaß?”, murmelte eine hinter dem Koloss neben Calvin verborgene Stimme.
“Ich dachte, wir heizen denen nicht nur ordentlich ein, sondern zeigen ihnen ein für allemal, was Sache ist... Jeremy hat gesagt...”
“Jeremy ist nicht hier”, schnitt Jack ihm das Wort ab. “Er hat mir das Kommando für diesen Einsatz übertragen.”
“Jetzt spiel dich mal nicht so auf, Bürschchen”, rief die immer noch körperlose Stimme etwas lauter.
“Ich weiß, dass wir freie Hand haben, wir könn’ anstellen was wir wollen, die Bullen aus der Stadt drücken beide Augen zu.”
Jacks Augen durchbohrten die Dunkelheit.
“Das wird dir aber nichts helfen, wenn du einen Pfeil im Rücken hast, also gib Ruhe.”
“Deshalb machen wir das Ganze doch, Mann. Wir wollen die nicht mehr... also warum nicht gleich Nägel mit Köpfen? Ich hätte nicht übel Lust einer der eingebildeten Squaws zu zeigen wo der Hammer hängt, während ihr Häuptling an einer Ladung Schrot krepiert.”
“Es reicht!”
Jack erhob nun auch seine Stimme.
“Darüber gibt es keine Diskussion.”
“He, was glaubst du, wer du...”
Weiter kam er nicht.
Ein gezielter Schlag landete auf dem Phils Kinn, der entgeistert zur Seite taumelte, und dabei Calvin mitriss.
Der Weg zu dem aufmüpfigen Sprecher war nun frei, und Jack zögerte keine Sekunde. Ein Tritt in den Magen, unmittelbar gefolgt von einem Stoß mit dem Ellbogen ließ den Mann zuerst nach vorne und dann wieder rückwärts stolpern, bis er mit einem blechernen Laut gegen den Truck stieß und an dessen Seite herabsank.
“Hat noch jemand etwas zu sagen?”
Jacks Augen blitzten.
Die Männer sahen betreten zu Boden, zwei von ihnen halfen Phil wieder auf, der an der Lippe blutete, die anderen blieben bewegungslos, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt.
“Schon gut, Chef... was du sagst!”
Jack nickte und deutete auf die Kanister, mit denen der erste Wagen gefüllt war.
“Ihr könnt nur hoffen, dass uns bis jetzt niemand gehört hat. Haltet euch an den Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat.”
Schweigend belud sich einer nach dem anderen, nahm Lampe und Wegbeschreibung entgegen, bevor sie sich trennten, jeweils zu zweit in verschiedene Richtungen verschwanden.
Jack ergriff den letzten Kanister.
“Das werden sie dir übelnehmen, Junge.”
Der grauhaarige, hagere Mann, der zu seiner Begleitung ausgewählt worden war, sah ihn interessiert an.
“Hast du eine Ahnung, wie lange die sich schon darauf freuen, loszulegen?”
Jack schüttelte verächtlich den Kopf.
“Dann sollten sie sich fragen, warum sie einen wie mich gebraucht haben. Einen Krawall starten kann jeder.”
Der andere zuckte mit den Schultern.
“Ich weiß nicht, du wirst sie kaum davon abhalten können, mehr zu wollen. Die Wut staut sich schon zu lange.”
Jack biss sich auf die Zunge. Das Letzte, das ihm jetzt noch fehlte, wäre eine Diskussion dieser Art.
“Wir gehen”, murmelte er und trabte los ohne sich umzusehen.
Licht war nicht notwendig, er kannte die Gegend in und auswendig, jeder Stein war ihm vertraut.
* * * * *
Der stechende Geruch des Benzins betäubte seine Sinne, als er den Kanister gegen die Gebäudewand leerte, genau an der Stelle, an der er in dieser Nacht schon einmal gelauert hatte.
Er blendete Gedanken, Gefühle aus, funktionierte automatisch, erfüllte die Aufgabe, die er geschworen hatte zu erfüllen.
Das Feuerzeug schnappte auf, die gelbe Flamme züngelte hoch, leckte hungrig an dem morschen Holz, bevor sie mit einem gewaltigen Zischen zu explodieren schien, höher und höher stieg, den Fensterrahmen erfasste, umarmte, in blendender Helligkeit und betäubender Hitze verschlang.
Jack wich zurück, deutete seinem Begleiter einen Befehl zum Rückzug an, und entfernte sich rückwärts von dem orange glühenden Quell der Zerstörung.
Er blickte auf seine Uhr. Die Zeit war festgelegt worden, an strategisch ausgewählten Orten würden nun überall die Flammen an Wänden empor kriechen, an sorgfältig angeordneten Holzstößen knabbern, Vorräte und Sicherheiten zu Asche machen.
Jack fühlte sich hypnotisiert von der Schönheit des Feuers, das wuchs und sich entfaltete wie exotisch fremdartige Knospen, die ihre flammenden Blütenblätter gen Himmel reckten.
Als hätten die Mächte der Erde nur darauf gewartet, dass sich der Funke entzünde, so endete die unbemerkt eingetretene Windstille, der Moment von dem niemand sagen konnte, ob oder wann er begonnen hatte, den sie wie gefangen in einer Glasblase durchlebt hatten, und ein Orkanstoß fegte über das Land, fuhr durch die Flammen, trug sie höher und höher, streute leuchtende Sterne, glitzernde Punkte über Häuser, Bäume, Wege, wirbelte sie zusammen mit trockenen Blättern und Gräsern hoch, ließ sie in Strudeln auf und nieder tanzen, als folge unmittelbar, unerwartet auf Schweigen und Tod die Gewalt des Lebens.
Sand füllte die Luft, drang in die Augen, behinderte die Sicht, doch verbarg nicht das unnatürliche Licht, das den Himmel über dem Reservat an unzähligen Ecken und Winkeln erleuchtete.
* * * * *
Hank sah aus zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen nach oben.
Kleine Steinchen und Zweige stachen in seine Haut, aber mehr noch schmerzte ihn das Wissen, dass die mit gelben Schwaden durchwobene Atmosphäre, die emporsteigende Hitze Unheil und Verlust bedeutete.
Einen Moment ausnutzend, in dem die Natur pausierte, noch ein letztes Mal Luft holte, bevor ihr Toben beginnen konnte, sprang Hank behende über die letzten Hindernisse, die ihn von seinem Ziel trennten.
Geduckt lief er zu der niedrigen Scheune, glitt durch den offenen Spalt, der sich ihm bot, während er das lose Brett, das Jonas schon sein Jahren vorgehabt hatte zu befestigen, beiseite schob.
Die Boxen der Pferde zu öffnen und diese mit einem leisen Pfiff, der in dem Tumult der sich ändernden Witterung unterging, und sanfter Gewalt ins Freie zu locken, war eine Aufgabe von Sekunden.
Sie würden sich in Sicherheit bringen, die Tiere kannten das Land, und wenn alles vorbei wäre, würden sie zurückkehren, ebenso wie die Menschen.
Hank wich einem Nadelzweig aus, der drohte ihm durch das Gesicht zu fegen, duckte sich vor der Gewalt der Elemente, die um ihn herum wüteten.
Über ihm brodelte es, die Schleusen des Himmels bebten, standen kurz davor zu zerbersten, bewiesen zumindest, dass früher oder später dem Feuer Einhalt geboten werden würde.
Hank lehnte sich dem aufheulenden Windstoß entgegen, und die Überzeugung wuchs in ihm, dass er hier sein musste, nicht nur, um Jonas’ Pferde zu befreien, sondern auch, weil es seine Pflicht war hier zu sein, etwas zu bezeugen, wovon noch niemand wusste, wohin es sie führen würde.
“Verdammt... bleib stehen, Bastard!”
Eine Kugel pfiff haarscharf an ihm vorbei durch die Nacht, und er taumelte zur Seite, stützte sich mit einer Hand auf und versuchte in Deckung zu gehen, als ein zweiter Schuss fiel, und sein Schienbein durchschlug, bevor er in die Schatten vor ihm abtauchen konnte.
Hank zuckte zusammen, unterdrückte einen Schmerzenslaut, kämpfte sich vorwärts.
Doch das verletzte Bein versagte ihm den Dienst, knickte ein, und er stolperte, rollte sich ab, konzentrierte sich auf das einzige Ziel. Wäre er erst im Dunkel verschwunden, würde es ihm leichter fallen, sich unsichtbar zu machen, könnte er sowohl seinen Instinkt als auch den klaren Heimvorteil nutzen.
“Letzte Chance, Mistkerl!”
Schneidend die Stimme, hart und mitleidlos.
Bevor Hank reagieren konnte, erklang erneut ein Schuss, streifte seine Schläfe, pflügte eine beißende Kerbe in sein Ohrläppchen, während er instinktiv versuchte, dem trommelfellzerfetzenden Knall auszuweichen.
Er stürzte vorwärts, spürte gleichzeitig einen schweren Schlag in den Nacken, gefolgt von einem Tritt in seine Nierengegend, der ihm den Atem nahm und endlich die Besinnung raubte.
“Ich hab einen!”
Grinsend rieb der Sprecher den Griff seines noch rauchenden Revolvers.
“Scheiße Mann, ich war’s, der den erledigt hat”, überschrie ein anderer den Lärm.
Hank stöhnte, spürte ein Stechen in seinem Bein, fühlte das Blut in den Boden sickern.
Der Wind jammerte über ihn hinweg, der steinige Boden hatte sein Gesicht aufgescheuert.
Mühsam versuchte er sich aufzustützen, hochzukommen.
“Verdammt, die Rothaut lebt noch.”
Die Blicke der beiden Brandstifter trafen sich.
“Ich mach ihn kalt.”
Der Schütze entsicherte seine Waffe von neuem.
“Mach hin, hier dürft’s gleich aussehen wie im Fegefeuer. Das is nix für Mamas Sohn.”
Seine Arme wollten ihn nicht tragen. Hank unternahm eine verzweifelte Anstrengung sich seitwärts zu rollen, dem Schicksal, das sich ihm androhte, zu entgehen.
Das Aufheulen, das sich seinen Lippen entrang, wurde verschluckt von dem Geheul des aufkommenden Sturms, dem beängstigend lautstarken Knacken und Knistern, das trockenes Holz ertönen ließ, wenn es verbrannte.
* * *
“Was ist hier los? Wieso seid ihr bewaffnet?”
“Verpiss dich, Jack. Wir haben dir gesagt, dass wir aufräumen, und hier liegt genug Müll herum.”
“Gib mir die Waffe!”
“Hol sie dir, Arschloch!”
Geräusche eines Kampfes, eines kurzen Kampfes.
Hanks Armen gelang es endlich, seinen Körper abzustützen. Er biss die Zähne zusammen, und verlagerte Gewicht auf sein heiles Bein, drehte sich leicht, um einen Blick auf das Geschehen werfen zu können.
* * *
Einer der Männer lag am Boden, sein Revolver blitzte nun in Jacks Händen auf.
Der Agent atmete schwer, sein schmerzverzerrtes Gesicht das einzige Zeugnis der Treffer, die er hatte einstecken müssen.
Aber er richtete die Waffe nicht auf den bewusstlosen Körper vor ihm, sondern auf ein Gegenüber, das ihn ebenfalls mit einem, sich im Anschlag befindlichen Schnellfeuergerät bedrohte.
Hinter seinem Gegner tauchten nach und nach weitere Gestalten auf, Augen und Münder aufgerissen in einer Mischung aus Hass und Ekstase.
“Verdammt, Jack. Hör auf Zicken zu machen.”
“Die Waffe runter!”
Schneidend durchdrang Jacks Stimme das Chaos, biss sich wie ein Pfeil in Hanks Sinne.
“Das werde ich nicht!”
Der andere antwortete verstockt.
“Das war nicht abgesprochen.”
“Scheiß drauf, Mann!”
Calvin schrie vor Wut.
“Wir haben eine Rechnung zu begleichen.”
“Die feigen Memmen haben sich verpisst. Die beschissenen Hütten sind leer.”
Phil stieß ihn beiseite.
“Wir wollen Blut fließen sehen, und haben keine Lust uns den Spaß verderben zu lassen.”
Die Männer traten zusammen, bildeten eine geschlossene Einheit, die unausgesprochene Drohung deutlicher in ihrer Absicht, als das sich über ihren Köpfen zusammenballende Verhängnis.
Jack blickte aus den Augenwinkeln hinüber zu Hank, der noch am Boden lag, doch versuchte sich vorwärts zu schieben, den Körper verdreht, ein Bein hinter sich her ziehend.
Ihre Augen trafen sich.
“Die Rothaut muss krepieren. Wir lassen uns nicht mehr auf der Nase herumtanzen.”
Jack zögerte nicht mehr. Er visierte sein Ziel an, die Welt stand still, und er schoss.
Ein entsetzter Aufschrei und sein Gegenüber hielt ein blutendes Handgelenk.
Die Waffe lag im Staub.
Jack schoss erneut.
Diesmal traf die Kugel haarscharf neben Calvin in eine Hauswand.
Die nächste pfiff an Jeremys Kopf vorbei.
“Das hier ist meine Verantwortung”, brüllte Jack.
“Ihr verschwindet und ich erledige das.”
“Mach ihn kalt, Chef!”
“Ihr geht jetzt... sofort!”
“Nicht bevor... “, die Männer bewegten sich vorwärts.
Jack glaubte ein tiefes Grollen zu vernehmen, Natur oder blinde Wut hatte gesprochen.
Er wandte sich zu Hank, durchmaß die Entfernung zwischen ihnen in raschen Schritten, riss ihn mit der freien Hand an seinen Haaren hoch und zerrte ihn mit sich.
Das noch heiße Metall der Waffe bohrte sich gegen Hanks Schläfe, ließ ihn zurückzucken.
Vergeblich!
Jack hielt ihn in eisernem Griff.
“Verschwindet!”
Jack glaubte Regentropfen zu spüren, die in der Hitze des tobenden Feuers verdampften.
Er krümmte seinen Finger, betätigte den Abzug, schoss,
bekämpfte die Gewalt des Rückstoßes, schoss ein zweites Mal,
schleifte den zusammengesackten Körper noch ein weiteres Stück und ließ ihn dann achtlos fallen.
Ohne ihm auch nur noch einen Blick zu schenken, riss er sich los und folgte den vor dem plötzlich Regenguss fliehenden Männern.
“Scheiße, Mann, du hast’s drauf!”
Der Grauhaarige grinste, als Jack zu ihnen in den Jeep kletterte.
Phil sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an, doch Jack reagierte auf keinen von beiden.
Er sicherte die Waffe, schob sie in den Bund seiner Jeans und vergrub dann das Gesicht in den Händen.
* * * * *
Die Wägen schlitterten auf den aufgeschwemmten Wegen.
Wie ein nasser Vorhang kam der Regen herab gerauscht, durchtränkte Lebendiges und Totes, verschluckte die Szenerie vor neugierigen Blicken.
Flammenmeere erstarben in der Gewalt des niedergehenden Schwalles, der flutartig herabstürzenden Wassermassen.
Rauch, Qualm, Asche, Kohlenstaub, alles vermischte sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer schweren, schwarzen Masse, in der Menschen und Fahrzeuge zu versinken drohten.
Stöhnend trieben die Motoren ihre Last vorwärts, ungeachtet der Flüche und Beschimpfungen, die die Menschen über ihnen ausstießen.
Jack reagierte auf Nichts davon.
Weder auf die Wut, die Äußerungen, hervorgerufen durch Frust, Enttäuschung und Unbehagen,
noch auf die Kämpfe, die die Fortbewegungsmittel ausführten, um ihre Flucht, ihr Fortkommen zu ermöglichen.
Er wartete, wartete und hoffte.
* * * * *
Der Regen schlug wütend auf die hilflose Erde, reinigte sie, bewegte alles, was sich bewegen ließ, wusch die Spuren des Feuers schneller fort, als es vor wenigen Minuten noch vorstellbar gewesen wäre, ließ hohle Löcher, schwarz ausgebrannte Ruinen zurück.
Hank tauchte langsam aus den Tiefen der Bewusstlosigkeit auf.
Sein Kopf dröhnte, seine Glieder schmerzten.
Blitzartig flammte Jacks Gesicht in seiner Erinnerung auf,
Eiseskälte, beinahe Mordlust in den geweiteten Augen, die ihm im Licht der Flammen glasig und stählern erschienen waren.
Für einen Moment hatte Hank gezweifelt, seine Intuition in Frage gestellt.
Doch sie hatte ihn nicht getäuscht, wenngleich er diesen Verlauf der Ereignisse nicht erwartet hätte.
Seine Haut brannte wie das Feuer, das im Wasser ertrunken war, dem Wasser, vor dem Hank wenigstens halbwegs geschützt wieder zu sich kam.
Er erinnerte sich an den Schuss, der ihm die Schläfe versengt, seine Haare dort gekräuselt und von seinem Kopf gezerrt hatte, bevor sie aufgrund der Hitze in der Atmosphäre verglühen konnten.
Den zweiten Schuss, der den Stoff seines Hemdes durchschlagen, eine rote Brandspur quer über seinen Rücken gerissen hatte, und nur deshalb nicht in der Lage gewesen war, seine Arterien zu zerfetzen, weil Jack ihn im Moment des Schusses brutal seitwärts manövriert, und mit einem raschen Stoß seines Knies, die Richtung des Falles gelenkt hatte, der mit seinem Sturz in die Besinnungslosigkeit geendet war.
Nichtsdestotrotz blieb er verletzt, blutete aus mehreren Wunden, und das Dröhnen in seinen Ohren übertönte die Geräusche des Regens.
Hank konzentrierte sich auf seine Atmung, begann den Schmerz aus seinem Bewusstsein zu verbannen.
Das Dröhnen wurde lauter, als er versuchte sich aufzurichten, die Verletzung seines Schienbeines ihn behinderte.
Die Zweige und Äste, in die er gestürzt war, hatten seinen Körper zerstochen, ihm jedoch gleichzeitig den unmittelbaren Kontakt mit dem verschlammten, bald einem Moor ähnelnden Boden erspart.
Über ihm wölbte sich ein kurzes Vordach, das den Großteil der Feuchtigkeit ferngehalten hatte, und an das der halbzerfallene Geräteschuppen, den sich die drei umliegenden Farmen teilten, grenzte.
Hank ertastete das Holz der Wand. Seine Finger suchten wie von selbst einen Spalt, und er zog sich hoch bis es ihm gelang, eine sitzende Position einzunehmen.
Aufatmend lehnte er sich an das raue Holz, das Geräusch in seinen Ohren unverändert.
Er schloss die Augen, hoffte, dass der Schwindel nachlassen, die Schwäche vergehen würde, betete stumm um Stärke.
* * * * *
Die Ahnen, die er anflehte, vernahmen sein Flehen, sandten ihm ihre Kraft, ihre Ruhe und den Willen, seinen Weg weiterzugehen.
Hank drängte die rot glühenden Wogen, die seinen Körper erschütterten, unerbittlich auf ihn einströmten, mit dem Ziel, ihm die Besinnung zu rauben, ihn seinen Qualen erliegen zu lassen, zurück. Schmerz und Angst waren Kräfte, mit denen er umgehen konnte, die er gewohnt war, in Schach zu halten.
Er zwang sich zu gleichmäßigen Atemzügen, zwang seinen Geist frei von den irdischen Fesseln zu wandern, über sein eigenes Schicksal hinauszugehen, den Blick zu heben, bis die Überwindung der physischen und psychischen Grenzen erreichbar schien.
Hank beschwor sein Totem, beschwor seine Macht, sein Wissen, seine Weisheit.
Der Adler würde ihn führen, ihn leiten und stützen, so wie er es schon getan hatte; sein Scharfsinn und seine Entschlossenheit die Richtung weisen.
Und Hank erinnerte sich an einen anderen Tag, vor langer Zeit, einen besonderen Tag, an dem er ihn ausgesandt, an dem er ihn auf die Reise geschickt hatte, seine andere Hälfte zu suchen, die Seele, die mit der seinen untrennbar verbunden gewesen war, so wie der Stein seines Vaters, der, obwohl in der Mitte gespalten, zusammengenommen ein Ganzes ergab.
Er hatte ihn immer gefunden.
Hanks Totem hatte seine Entsprechung in Buster erfühlt, war über ihm gekreist, bis auch Busters eigenes aufmerksam geworden war, bis die erdgebundene Kreatur, sich dem Himmel entgegen gereckt, den Raubvogel als Teil seiner Selbst begrüßt und schließlich ersehnt hatte, bis sie sich zwischen den Elementen, über die Barrieren, die Himmel und Erde ihnen auferlegten hinweg, gefunden, berührt und vereinigt hatten, miteinander verschmolzen waren,
bis nichts als der Tod sie noch hatte voneinander trennen können.
Schon damals hatten sich Fesseln gelöst, waren Hürden übersprungen, Hindernisse umgangen worden.
Buster und er hatten einander entdeckt, gehalten, ein untrennbares Band gesponnen, doch einfach war es zu keiner Zeit für sie gewesen.
Beide hatten sie gezweifelt, beide versucht zu fliehen.
Und doch hatte Hank ihn immer gefunden.
Nicht nur in Philadelphia, nicht nur zu der Zeit ihrer Begegnung.
Ach später war es ihm unmöglich geworden, ihn gehen zu lassen, ihm zu erlauben, sich vor ihm zu verstecken, so sehr er es auch versucht hatte.
Zu deutlich war die Lektion, die er selbst einst gelernt hatte, in sein Gedächtnis graviert.
Denn zweimal war Hank selbst geflohen.
Das erste Mal aus dem Reservat. Er hatte damals versucht, sich aus den Stricken zu befreien, in die Tradition, Geschichte, Vergangenheit und die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart ihn einschnürten, hatte versucht, all das hinter sich zu lassen, einen anderen Weg zu wählen.
Doch am Ende musste er feststellen, dass es ihm unmöglich war.
Zu tief waren die Muster seiner Kultur in sein Wesen geprägt, zu stark seine Bindung an das Land, das Volk, in dem er aufgewachsen war.
Es hatte ihn gerufen, unabhängig davon, in welche der vier Himmelsrichtungen er sich gewandt hatte, ihn keinen Augenblick im Zweifel darüber gelassen, an welchem Ort letztendlich seine Bestimmung lag.
Und als er zurückgekehrt war, das Leben, das sich ihm darbot akzeptiert, sich bemüht hatte, zu lernen, das Wissen zu erlangen, das sein Vater ihm mitgeben wollte, da hatte das Schicksal ihn schließlich erneut herausgefordert, hatte ihm zu früh den Lehrer, den er so dringend brauchte, entrissen.
Und das zweite Mal war er gegangen, ohne auch nur zu ahnen, welche Konsequenzen es haben würde, hatte etwas verlassen müssen, von dem er noch nicht gewusst hatte, was es ihm bereits bedeutete.
Er war gegangen, um seinen Vater, seinen Bruder und die Lanze zurückzubringen, um die Aufgaben, die sich ihm nun stellten, zu erfüllen, die Verantwortung zu tragen, so gut er es vermochte.
Daran zu denken, dass die Begegnung mit Buster noch anderes bedeuten könnte, als das Naheliegendste, wäre ihm wie ein Sakrileg vorgekommen.
Zu viel war zu schnell passiert, er hatte Zeit gebraucht, seine Gedanken zu ordnen.
Doch hatte er Buster vermisst, ohne es sich zugestehen zu wollen.
Dieser Winter war zu dem Schlimmsten seines Lebens geworden, schlimmer als all das, was folgte, schlimmer als die Prüfungen, die ihnen noch bevorstanden, denn die Zukunft hatte leer und ungewiss vor ihm gelegen, ohne den Trost, den nur ein einziger Mensch ihm würde spenden können .
Immer wieder war er versucht gewesen, alles stehen und liegen zu lassen, immer wieder hatte er sich gewünscht, zu dem Mann zurückzukehren, der innerhalb nur weniger Tage zu einem Teil seiner Selbst geworden war.
Und immer wieder hatte er das Verlangen bekämpft, unterdrückt, Sehnsüchte in seinem Inneren verschlossen, Furcht und Zweifel siegen lassen.
Nur, wenn es unerträglich geworden war, wenn ihn die Kälte, das Eis, der Schnee gefangen, und noch mehr gequält hatten, als die Einsamkeit, die er erst spüren konnte, seitdem Buster ihm gezeigt hatte, wie es war, ohne sie zu leben, nur in diesen dunklen Augenblicken hatte er sich erlaubt, in die Nacht hinauszulaufen,
in der jeder Nerv gefror, in der sein Atem als helle Wolke vor ihm der einzige Grund zu irgendeiner Hoffnung erschien,
und seinen Schmerz und seine Sehnsucht hinauszuschreien, so dass die wenigen Tiere, die dem Winter nicht geflohen waren, aufschraken und ihm bewiesen, dass er nicht das einzige Wesen auf der Welt war, das Leid ertrug.
Aber die kalte Jahreszeit war vorübergegangen, nur die Leere in seinem Herzen und die Qual des Verlustes seine ständigen Begleiter geblieben.
Bis eines Tages Buster aufgetaucht war, unerwartet, unvermutet vor ihm gestanden hatte, unkompliziert und lachend, wie ein Sonnenstrahl, der das Licht in Hanks Innerem aufgehen ließ.
Und erst viel später hatte er ihm gestanden, dass auch er gelitten, dass auch ihn die Zweifel gequält, dass er mit sich gerungen hatte, solange bis ihm klar geworden war, dass es nur eines gab, das er tun konnte.
Und Hank hatte ihn bewundert für seinen Mut, geliebt für seine Offenheit und die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt, das wachsende Verständnis, das er ihm und seinen fremdartig anmutenden Gewohnheiten entgegengebracht, und sie sich zu eigen gemacht hatte.
Ohne jemals darüber weiter zu sprechen, hatten sie sofort gewusst, welche Nächte es gewesen waren, in denen die Trennung ihnen besonders schwer gefallen war,
erkannten sie doch mit jedem Tag, mit jeder Stunde deutlicher den Gleichklang ihrer Seelen, dass sie mehr füreinander, voneinander wussten und spürten, als sie es für möglich gehalten hätten.
Und als Buster dann geflohen war, als er ihn angefleht hatte, ihn allein zu lassen, um seinetwillen, da war er es gewesen, der ihn zurückgeholt hatte, da hatte er ihn gefunden und festgehalten, trotz der Angst, die den blonden Mann dicht und hart umgeben hatte, wie eine abweisende Glocke, abgeschirmt, sich gegen seine Nähe gewehrt.
Busters Verzweiflung war die seine gewesen, seine Last, seine sinnlosen Selbstvorwürfe die Bürde, die sie gemeinsam zu tragen hatten, an der sie gewachsen waren, an der ihre Beziehung die Kraft bewiesen hatte, die bisher nur erahnt werden konnte.
Damals schon hatte der Adler seine Kreise gezogen, den Himmel durchquert, seine scharfen Augen die Welt erforscht auf der Suche nach dem Erdwesen, das untrennbar mit ihm verknüpft war.
Und ohne, dass Buster Kontrolle über ihn gehabt hätte, war sein Totem aus dem Schatten getreten, hatte mit schlanken Hufen die Spuren geformt, die Hank geführt, der braunäugige Hirsch den stolzen Kopf geneigt, und doch auf des Raubvogels Ruf geantwortet.
Hank hatte ihn gefunden, versteckt in dem schäbigen Motelzimmer jenseits der Grenze, allein und krank vor Schmerz und Trauer.
Und er hatte ihn aufgehoben und mit sich genommen, ihn auf seinen Flügeln getragen, auf denen er sich von den Fesseln der Erde gelöst, und gesehen, was Hank bereits vor ihm erkannt hatte.
Dass es nichts gab, das sie trennen konnte, das es etwas Größeres war, das sie vereinte, etwas Unbeschreibliches, das sich ihrem Einfluss und Willen entzog, vor dem zu flüchten eine vergebliche Anstrengung bedeutete, die nichts als Leid und Scham mit sich ziehen würde.
* * * * *
Hank öffnete seine Augen wieder und fand sich weit über dem verletzten Körper, der dem Boden verhaftet blieb.
Seine Schwingen bewegten sich ruhig und gleichmäßig, die klare Luft reinigte seinen Geist.
Er spähte hinab auf die ferne Erde, auf der Wahnsinn und Hass wüteten, doch suchte nur eines der Wesen dort unten.
Und er wusste, dass die Schlange in Jacks Körper nach ihm suchte mit einer ähnlichen Entschlossenheit wie der ihm selbst innewohnenden.
Er wusste mehr als alles andere, dass sie sich diese bewahrt hatte,
dass sie fühlen konnte, nicht allein zu sein, und dass die Gefahr, in der sie sich befand, nicht überwunden, sondern größer war, denn je zuvor.